Gerd Ballon am 06.12.2015 bei der Predigt zum Thema "Macht hoch die Tür!"

…nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde

Pastor Gerd Ballon schließt die Reihe über Gemeindeleitung mit einer Predigt über den Umgang mit anvertrauter Macht ab und dass Gemeindeleiter Vorbilder seihen sollen.

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
..nicht als Herren über die Gemeinde, sondern als Vorbilder der Herde
Reihe
Gemeindeleitung
Datum
29.01.2012
Länge
20:32 Minuten
Bibelstelle
Petr. 5,1-7

Lesungstext

1 Die Presbyther unter euch ermahne ich, der ich Presbyther mit ihnen bin und ein Zeuge der Leiden Christi und auch Teilhaber an der künftigen Herrlichkeit, die offenbar werden wird:
2 Weidet die Herde Gottes bei euch und tut diese Aufgabe nicht gezwungen, sondern freiwillig nach Gottes Auftrag, und nicht aus Profitsucht, sondern aus Bereitschaft,
3 und nicht wie solche, die in ihrem Bereich sich als Herren aufführen, sondern als Vorbilder der Herde.
4 Und wenn der oberste Hirte erscheint, werdet ihr den unverwelklichen Kranz der Herrlichkeit bekommen.
5 Genauso ihr jungen Männer, ordnet euch den Presbythern unter. Und verkehrt alle in bescheidener Selbsteinschätzung miteinander, denn „Gott stellt sich gegen die Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.“
6 Beugt Euch also demütig unter die starke Hand Gottes, damit er euch im entscheidenden Augenblick erhöht.
7 „Werft eure“ ganze „Sorge“ auf ihn, denn ihr liegt ihm am Herzen.

Predigt

1. Wie ich mit mir anvertrauter Macht umgehe, entscheide ich durch mein Selbstverständnis

Liebe Gemeinde,
wir können es gemeindeintern nennen, wie wir es wollen: wo geleitet wird, da geht es auch um Macht – und darum, wie sie genutzt und begrenzt wird. Man mag es Einflussnahme nennen, oder Führungsstärke; man kann dafür geistliche Begriffe benutzen wie ein besonders vollmächtiges Auftreten oder das Charisma der Überzeugungsfähigkeit – immer hat es eben auch damit zu tun, wie ein Mensch in seinem Aufgabenbereich Meinungen beeinflusst und Dinge in Bewegung hält. Sich das miteinander in einem Ältesten- und Diakonenkreis einzugestehen, kann bereits den Umgang miteinander und mit Machtfragen sehr entkrampfen. Offenheit tut da so gut. Wer leitet, übt Macht aus. Und er braucht Macht, um leiten zu können! (2x)

Wie aber gehen Christen in der Gemeinde mit ihrem Machtstatus um? Und was sagt Gottes Wort dazu?

In unserem Abschnitt bezeichnet sich Paulus, der ja ein Apostel ist, also eine Autoritätsperson, die damals gleich nach dem Herrn Jesus zu nennen war, in einer sehr demütigen weise als ein „Mitpresbyther“ mit den anderen – er stellt sich in eine Reihe mit ihnen. Das hat ihm damals sicher nicht Autorität genommen, sondern – im Gegenteil: es hat sie ihm in Erkenntnis seiner ehrlichen Demut erst richtig gegeben.

Liebe Gemeinde, wie ich mit mir anvertrauter Macht umgehe, entscheidet sich an meinem Selbstverständnis und an meiner Demut. Wie tief meine liebevolle Mahnung meine Gemeinde erreicht, hängt ab von der Nähe, die ich Menschen vermittle. Hirte und Herde leben eng miteinander. Pastor, Mithirten und Gemeindeherde sind aufeinander bezogen. Sie sind nicht Vorgesetzte und Untergebene; sie leiten miteinander und sie leiden miteinander und sie leben miteinander und sie dienen miteinander. Sie sündigen aneinander und sie vergeben einander; sie brauchen einander und sie lernen voneinander.

Denn die Gemeinde ist sehr sensibel dafür, wie Älteste und leitende Mitarbeiter sich selber verstehen und wie der Gemeindepastor seinen Dienst wirklich versieht: als abgehobene Machtposition oder als prägenden Dienst nach dem Vorbild des Herrn Jesus Christus. Deshalb nennt unser Text..

2. Zwei Herausforderungen für Gemeindeleiter (2. Petrus 5,2-3)
2.1. Meine Aufgabe nicht gezwungen, sondern freiwillig tun

Liebe Gemeindeleiter, eines ist sicher klar: wer ständig unter seinem Leitungsamt stöhnt, wer ständig deutlich macht, dass er ja nur noch im Leitungskreis dabei sei, weil er das Mandat der Gemeinde nicht brechen wolle, der verliert Kraft und Ausstrahlung; und die Gemeinde spürt seine Unlust und verliert das Vertrauen. Er sollte sich gar nicht erst überreden lassen zu kandidieren. Zum Glück tut das sicher keiner von Euch.

Meine Aufgabe nicht gezwungen, sondern freiwillig tun – ja, so kann es auf Dauer eigentlich nur gehen. Auch Jesus Christus hat seine Aufgabe ja so erfüllt – nicht gezwungen, sondern aus Liebe zu uns Menschen und freiwillig. Aber – es wird auch immer Zeiten geben, in denen ich Belastungen tragen muss. Verantwortung in der Gemeinde Jesu ist eben bei aller geistlichen Voraussetzung nie immer nur schön und segensreich. Die Briefe aller Apostel des NT machen das schmerzlich deutlich: Leitung erfolgt manchmal – manchmal: nicht freiwillig, sondern gezwungen; nicht fröhlich, sondern traurig; nicht munter, sondern belastet; nicht vertrauensvoll, sondern mit Schlafstörungen und Trauer oder gar Wut über Gemeindeglieder und Mitälteste im Herzen. Ja, auch so ist der Dienst, manchmal über kürzere oder längere Strecken. Wer hier durchhält und im letzten Vertrauen auf Jesus Christus stehen bleibt, der ist auch Vorbild und Glaubenszeuge. Wer hier die Liebe zur Gemeinde behält, der bewahrt einen Schatz.
Aber es stimmt auch: Wer eine eigene Erfahrung mit persönlichem Leiden an der Gemeinde macht, der kann andere wirklich überzeugend ermutigen, nicht aufzugeben, sondern aus Liebe zu Jesus und der Gemeinde weiterzumachen und durchzuhalten!

Nur – auf Dauer kann ein Pastor oder ein Gemeindeleiter seinen Dienst nur vorbildhaft tun, wenn er ihn eben freiwillig tut – und damit motiviert und gern und im Auftrag Jesu Christi. Und wie entlastend und motivierend ist hier Bruderschaft oder gar ein freundschaftliches Verhältnis unter Ältesten und Diakonen. Dankt Gott dafür, wenn Ihr zurzeit gern und freiwillig zusammen seid und zusammen leiten dürft. Selbstverständlich ist heutzutage fast gar nichts.

2.2. Nicht als Herren, sondern – eben in dieser Ablehnung – als Vorbilder der Herde

Ich möchte das Bild vom Hirten und der Herde einmal auf dem Hintergrund falsch verstandener Macht beleuchten.

Einer der Kernsätze von einem Auf!Seminar mit Bob – Logan vor vielen Jahren – ich kann sie in meinem Terminkalender noch nachlesen – lautete:
Wir sind nicht Rancher, sondern Hirten. Wir treiben nicht, sondern wir leiten und führen.

Und nun stellen Sie Sich eine dieser Szenen aus den alten WildWest – Filmen vor. Eine in Panik über die Prairie rasende Büffelherde, angetrieben von einer Horde schreiender, ihre Peitsche schwingender Männer auf ihren ausgepowerten Pferden. Ich stelle mir vor, was das für ein Gefühl sein muss, so ein Cowboy zu sein. Welch ein Machtgefühl, soviel BS (Büffelstärken) zu bewegen. Und am Abend wieder ein gutes Stück weitergekommen zu sein. Was für tolle Geschichten kann man sich dann erzählen, während man mit rauer Hand am letzten Zigarettenstummel nippt.

Und erlaubt mir bitte noch eine weitere kleine Perspektive:
Wie würdet Ihr als Gemeindeleiter Euren Dienst einschätzen, wenn sich in den Augen Eurer Gemeinde die zu einer wichtigen Mitgliederversammlung gemeinsam hereinschreitenden Ältesten und Diakone verwandeln würden in staubige, mit wehenden Lederschurzen hereinstürmende Farmer, die gerade lässig ihre Zigaretten ausgedrückt haben, damit sie beide Lippen freihaben für ihre aufpeitschenden, antreibenden Programme in eine goldene Gemeindezukunft hinein, die die Herde nur müde, schwitzend und süchtig nach Ruhe erreichen wird.

Ich weiß, dass keiner von uns sich wünscht, in seinem derzeitigen oder zukünftigen Dienst von seiner Gemeinde so gesehen zu werden. Denn wir alle brauchen als Leiter die Gemeinden an unserer Seite. Und diese Gemeinden brauchen Hirten und keine Rancher. Das Bild vom Hirten im NT empfinden wir in unserer Zeit vielleicht als sehr beschaulich. Es enthält viel Frieden und Ruhe, ja, – aber doch, ohne die Gefahren zu überspielen und auf Bewegung und Fortschreiten zu verzichten. Es spricht von dem Löwenmut des Hirten beim Retten von verlorenen Schafen, von seiner Umsicht und der tiefen Liebe zur Herde. Ich frage Euch wieder:

Können wir eine positive Ruhe in unserer Gemeinde eigentlich noch ertragen? Sehen wir Fortschritt und Bewegung auch im langsamen Abweiden und Weiterziehen im gesellschaftlichen Leben einer kleinen Gemeindearbeit? Heißt Leitung für uns, stetig mitzuhalten mit Zuwachsraten und profilierten Konzepten anderer Gemeinden und Ältesten- und Diakonenkreise? Möchte ich Vorbild für die Herde sein, wenn ich mich in Treue auch um die Langsamsten kümmere und darauf achte, dass sie den Anschluss nicht verlieren und das Vertrauen zu ihren Gemeindeleitern behalten?
Und finde ich zusammen mit allen Ältesten und Leitern meiner Gemeinde den Mut, in einer konzeptionslos werdenden Gesellschaft die neutestamentlichen Konzepte von Treue, Aufrichtigkeit, Versöhnung, Partnerschaft und Ehe, von Leitung und Dienst immer wieder auch gegen innergemeindlichen Widerstand hochzuhalten und durchzusetzen, auch wenn das bei mir und anderen zu Verletzungen führen kann? Ist das in Eurer Gemeinde wirklich allen Ältesten und Diakonen und – über diese – allen Gemeindegliedern klar, dass ein Schluss-Strich unter eine Mitgliedschaft genauso förderlich sein kann wie eine Aufnahme in die Gemeinde? Und bleibt klar, dass da, wo das geschehen muss, nicht Herrschaft über die Gemeinde ausgeübt wird, sondern dass dort ein sehr belastender, aber wichtiger Hirtendienst geschieht, weil in diesem Fall vielleicht Versöhnung nicht mehr wäre als ein oberfauler Kompromiss, an dem die weniger Schuldigen viel schlimmer leiden als die mehr Schuldigen? – Hirten statt Herren, Dienen statt herrschen!

Wohlgemerkt: der Weg vom Hirten zum Herrscher vollzieht sich auch in der Gemeinde Jesu ja nicht abrupt und immer vorhersehbar. Da werden Weichen gestellt. Und Menschen verändern sich nicht nur in der Politik durch Zuwachs an Macht. Auch in der Gemeinde können Älteste und Mitarbeiter einen Wandel vom Hirten zum Herrscher zurücklegen, der in Uneinsichtigkeit und Hochmut endet, weil er sich nicht an dem Beispiel Jesu Christi orientiert. Deshalb diese Gedanken heute morgen – als ein Hinweis darauf, verantwortungsvoll umzugehen mit der Macht, die ein Leitungsamt beinhaltet.

3. Entlohnung des Gemeindeleiters

Ein Arbeiter ist seines Lohnes wert.1. Tim 5,18 b

Zu diesem Bereich hörte ich jetzt lieber einen anderen predigen als unbedingt mich. Aber da dieser Bereich zum Thema des letzten Sonntag dazugehört, möchte ich ihn nicht übergehen und als einen allgemeinen Punkt ansprechen.
Leiter, die voll – und auch teilzeitlich ihren Dienst tun, haben Anspruch auf finanzielle Entlohnung durch die Gemeinde. In unserem Bund FeG haben wir durch einheitliche Gehaltsempfehlungen einen guten Weg beschritten.
Sie stellen die Gleichbehandlung der Pastoren im Bund her und ermöglichen ihnen einen mittleren Lebensstandard.
Aber Entlohnung umfasst mehr als nur Geld.

Menschen, die sich mit ihrer ganzen Kraft in den Dienst Jesu stellen, benötigen auch Zeiten, in denen sie sich zurückziehen können zum Auftanken.
Kaum ein Arbeitnehmer arbeiten in Deutschland mehr als 40 Stunden in der Woche. Ein vollzeitlicher Leiter ist rund um die Uhr im Dienst. Er kann spät abends oder früh morgens angerufen werden, und man darf erwarten, dass er sich dann Zeit nimmt für das Anliegen des Gesprächspartners.
Dies alles ist nur durchzuhalten, wenn ihm die Gemeinde mindestens einen Ruhetag in der Woche gewährt, an dem er völlig von den Verpflichtungen seiner Aufgabe freigestellt ist. Das entspricht auch der Schöpfungsordnung Gottes.

So wird in der Regel der Montag zum Sonntag der Pastoren und vollzeitlichen Mitarbeiter. Und eine Gemeinde tut gut daran, sich bei ihren FullTimern zu erkundigen, wann denn dieser freie Tag in der Regel eingehalten wird, um dann möglichst auch auf Anrufe und Besuche zu verzichten.

Leiter, die Familie haben, brauchen Freiräume, um sich ihrer Frau und den Kindern zu widmen. Schließlich hat der Leiter auch in diesem Bereich Vorbildfunktion. Eine gescheiterte Leiterehe oder – familie ist eine Katastrophe in einer christlichen Gemeinde. Aber bevor das passiert, wäre es manchmal gut, wenn die Gemeinde darauf achten würde, dass auch ihre Leiter Zeit, Kraft und Ruhe finden, um Familienväter und Ehemänner zu sein, die nicht nur Furcht und Schrecken oder Müdigkeit und Genervtheit verbreiten.

Die Gemeinde sollte also solche Ruhezeiten vor allem ihrer vollzeitlichen Mitarbeiter nicht nur respektieren, sondern sie ihren Leitern von Herzen gönnen. Den in der Regel sind diese Leiter Skrupulanten, die oftmals freie Zeit als Belastung empfinden, die sie schnellstens mit Aktivität füllen möchten, um sich wieder gut und gebraucht zu fühlen.
Die Liebe gebietet es, dass den vollzeitlichen Leitern nicht weniger Urlaub zustehen darf, als den berufstätigen Gemeindegliedern. Sie sollten auch nicht schlechter wohnen müssen, als der Durchschnitt der Gemeinde. Was übrigens unsere Wohnung betrifft, so sind wir hier in FFB sicher reich beschenkte Menschen! – Vor einigen Tagen haben wir miteinander über die letzten beiden Jahre meines Dienstes hier in FFB gesprochen – ein Feedback sozusagen. Und ich war dankbar für den Respekt und die Ermutigung zu einem verantwortlichen Umgang mit meinen eigenen Ressourcen, den ich in diesem Gespräch gespürt habe. Danke nochmals dafür.

Gemeinden dürfen auch nicht sparen, wenn es um die Ausstattung von notwenigen Arbeitsmitteln geht, oder gar um die Schulung von Leitern und Mitarbeitern. In der Gemeinde sollten die bestmöglichen Arbeitsbedingungen zu finden sein. Und die Gemeinde, die ihren Leitern die Unkosten für Schulungsveranstaltungen wenigstens zum Teil erstattet, ist gut beraten und geistlich empfindsam. Denn gut ausgebildete Mitarbeiter sind auch motivierte Mitarbeiter.

Fragen.

  1. Trittst Du dafür ein, dass die Leiter und Mitarbeiter Deiner Gemeinde die bestmöglichen Arbeitsbedingungen haben?
  2. Wie kannst du sie von alltäglichen Sorgen entlasten und ihnen so Freiraum für ihren Dienst verschaffen?

Gott segne uns miteinander, indem er der Gemeinde liebevolle, motivierte und begabte Leiter – Älteste, Diakone und Arbeitskreisleiter – schenkt und den Leitern eine verantwortungsvolle, einfühlsame und liebevolle Gemeinde. Dann wird viel Spannung genommen und das Öl, anstatt ins Feuer, ins Getriebe gegossen. Und dann läuft auch in der Gemeinde Jesus vieles flüssiger und leichter.

Gott schenke uns als Mitgliedern in den nächsten Wochen Zeit, Gebet und Heiligen Geist, um die richtigen, von Gott geschenkten und begabten Leiter zu finden. Und er schenke uns allen die Motivation zum Gebet in dieser wichtigen Frage.

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