Der Kreis des Schenkens

Das Erntedankfest ist gerade für den städtisch lebenden Menschen eine ganz starke Erinnerung an das Wesentliche am täglichen Brot. Denn eben das vergessen Menschen so schnell: dass es ein Geschenk ist, täglich genug zu essen zu haben. Und: dass es ein gnädiges Geschenk des Schöpfers ist, wenn die Nahrungsmittel uns gesund erhalten, anstatt uns krank zu machen.

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
„Der Kreis des Schenkens“ – Predigt zum Erntedankfest 2015
Reihe
Datum
04.10.2015
Länge
24:29
Bibelstelle
2. Korinther 9,6-9

Lesungstext

6 Ich bin davon überzeugt: Wer wenig sät, der wird auch wenig ernten; wer aber viel sät, der wird auch viel ernten. 7 So soll jeder für sich selbst entscheiden, wie viel er geben will, und zwar freiwillig und nicht aus Pflichtgefühl. Denn Gott liebt den, der fröhlich gibt. 8 Er wird euch dafür alles schenken, was ihr braucht, ja mehr als das. So werdet ihr nicht nur selbst genug haben, sondern auch noch anderen von eurem Überfluss weitergeben können. 9 Schon in der Heiligen Schrift heißt es ja von dem Mann, den Gott reich beschenkt hat: „Großzügig schenkt er den Bedürftigen, was sie brauchen; auf seine barmherzige Liebe kann man immer zählen.“

Predigt

Liebe Gemeinde,

das Erntedankfest ist gerade für den städtisch lebenden Menschen eine ganz starke Erinnerung an das Wesentliche am täglichen Brot. Denn eben das vergessen Menschen so schnell: dass es ein Geschenk ist, täglich genug zu essen zu haben. Und: dass es ein gnädiges Geschenk des Schöpfers ist, wenn die Nahrungsmittel uns gesund erhalten, anstatt uns krank zu machen. Mit Erschrecken nehmen wir je und dann wahr, wie viele gefährliche Bestandteile in der menschlichen Nahrung schlummern. Wir müssen dabei nicht nur an BSE – verseuchte Rinder denken. Die Schreckensmeldungen über gefährliche Stoffe in Nahrungsmitteln reißen ja nicht ab. Und meistens trägt der Mensch selber die Verantwortung, weil er ausbeuten will anstatt zu bewahren und zu pflegen.

Was für ein Geschenk also, dass es so viele Dinge gibt, die wir essen, ohne davon krank zu werden. Und in unserer Gesellschaft des Überflusses muss es uns immer erst, vielleicht heute, bewusst werden, wer tatsächlich für uns sorgt:
– nicht die Fernfahrer – nicht der Landwirt – auch nicht der Kaufmann bei Aldi, Lidl usw.;
– sondern derjenige, der uns diesen Lebens – und Wachstumsraum Erde immer noch erhält – um möglichst viele Menschen auf diesem Planeten froh und dankbar zu stimmen – Gott.

Und diesem Herrn dankbar zu sein – das ist die Möglichkeit, aber auch die Aufgabe des Menschen. Dieser Herr hat aber auch von frühester Zeit an die Erwartung an den Menschen gerichtet, seinen Dank zum Ausdruck zu bringen – und eben nicht nur durch Worte. Deshalb feiern wir Erntedank.

6 Denkt daran: Wer kärglich sät, wird auch kärglich ernten; wer reichlich sät, wird reichlich ernten.
7 Jeder gebe, wie er es sich in seinem Herzen vorgenommen hat, nicht verdrossen und nicht unter Zwang; denn Gott liebt einen fröhlichen Geber.
8 In seiner Macht kann Gott alle Gaben über euch ausschütten, sodass euch allezeit in allem alles Nötige ausreichend zur Verfügung steht und ihr noch genug habt, um allen Gutes zu tun,
9 wie es in der Schrift heißt: Reichlich gibt er den Armen; /
seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer.2. Kor 9,6-9

Mag ja sein, dass Erntedank früher leichter zu feiern war als heute. Vielleicht erinnern wir uns noch an manche Bilder und Gerüche:
– das satte Gelb der reifen Getreidefelder; das zarte Blau des bayerischen Herbsthimmels; Bauern im Schatten eines Baumes, die ihre Mahlzeit einnehmen; der herbe Geruch des qualmenden Kartoffelfeuers auf den Äckern.
– schwankende Erntewagen, die auf Feldwegen in die bäuerliche Diele knarren. – Das ist noch Erntedankstimmung alten Stils – und ich bin dankbar, dies aus eigener Anschauung zu kennen, als Ferienkind auf einem Dorf an der Weser. Herrlich.

Aber dann stellen Sie sich doch einmal vor: da fahren 10 voll beladene Erntewagen hintereinander. Ein jeder ist die Existenzsicherung des Bauern, dem dieser Schatz gehört. Und – dann biegt ein voll beladener Erntewagen ab, biegt ab und fährt in Richtung auf das Haus Gottes. Ein Erntewagen Dank an Gott. 10% der Ernte dieses Jahres. Das mag dem nachschauenden Landwirt – damals auch in jüdischer Zeit – bitter geworden sein. Das war ein Opfer, das weh tat – aber es war sein Dank an Gott. Ein Wagen für zehn. Auch das, liebe Gemeinde, ist Erntedankstimmung.

Ein Opfer, das weh tut; das ich nicht so einfach wegstecken kann. Erntedank 2015?
Ich möchte drei Gesichtspunkte nennen:

1. Das Erntedankfest hat es mit greifbaren Dingen zu tun

Es hat zu tun mit allem, was wir zum Leben brauchen, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuhe, Haus, Hof, Äcker, Vieh, Geld und Gut – wie Luther es so fein aufzählt. Und wir dürfen aktualisieren und hinzufügen: Arbeit und Lohn oder Gehalt, Wohnhäuser, Industriegebäude, Haushaltspläne und Bilanzen. Erntedank hat zu tun mit alltäglichen und greifbaren Dingen – so wie auch in dem Bibelwort in 2. Kor 9. Und der Apostel Paulus verschweigt sie nicht. Was will Pls von seinen Mitchristen in Korinth? Er will ihr Geld – und zwar viel Geld! Nicht für sich, aber für die Gemeinde in Jerusalem, die aus hier nicht genannten Gründen in Not geraten ist. Er ist wohl der Meinung, dass durch diese Sammlung zwei Dinge erreicht werden: einmal brauchen die Christen in Jerusalem nicht zu verhungern.
Und zum anderen gibt diese Sammlung den Korinthern die Möglichkeit, mit dem, was sie im Überfluss haben, mit dem also, was Gott ihnen in so reichem Maße gegeben hat, in rechter Weise umzugehen. –

Und so ist es bis heute, auch in diesem Jahr: Das Erntedankfest hat es mit ganz greifbaren, alltäglichen Dingen zu tun; mit unserem Leben. Mit unserem von Gott uns geschenkten Reichtum. Und bis heute ist es so: nur der kann sich wirklich freuen über diesen Reichtum, der gelernt hat, Gott auf angemessene Weise zu danken! Ohne schlechtes Gewissen mit all dem heute Möglichen zu leben, das geht eigentlich nur, wenn unser Dank an Gott auch im finanziellen Opfer an Gott angemessen ist.

2. Der Kreis des Schenkens

Dieses Wort in 2. Kor 9 will uns klarmachen: Gott gibt, damit wir weitergeben. Alles Beschenkt werden durch unseres Herrn Jesus Christus hat immer diese Absicht: dass wir im Kreis des Schenkens leben. Das ist wie bei einem Stromkreis. Dort, wo Beschenkte die Gabe für sich behalten, kann der Reichtum Gottes nicht mehr weiter fließen. Dort entsteht bei allem Reichtum bittere innere Armut. Dann leiden irgendwo in der Welt Menschen innere und äußere Not. Dann können Aufgaben nicht mehr wahrgenommen werden. Das ist es wohl, was der Apostel meint, wenn er sagt: „Wer kärglich sät, der wird auch kärglich ernten; und wer reichen Segen sät, der wird auch reichen Segen ernten.“

Was schließt dieser Segen ein? Was ist damit gemeint? Pls erläutert diesen Segen gar nicht; er ist wohl auch gar nicht erschöpfend zu beschreiben. Vielleicht ist er so umfassend, dass er sich in jedem meiner Lebensbereiche zeigt oder nicht zeigt, je nachdem, wie ich im Kreis des Gebens und Empfangens stehe. Auf jeden Fall besteht er auch darin, dass nie jemand arm wird dadurch, dass er abgibt. Wer in dem Stromkreis des Gebens Gottes bleibt und weitergibt, der macht die wunderbare Erfahrung der Witwe von Zarpoth: „Das Mehl im Topf soll nicht verzehrt werden, und dem Ölkrug soll nichts mangeln.“ Er macht die wunderbare Erfahrung, dass Gottes Segen Zufriedenheit gibt, Genugsamkeit, Ruhe und Gelassenheit. Das ist in der Tat ein wunderbarer Segen Gottes in einer Welt, die geprägt ist von Raffgier und tiefer Unzufriedenheit. Gottes Segen macht zufrieden und dankbar.

Und wie ein geistlicher Grundsatz steht dieser Satz in Maleachi 3,10 ja schon so darin:

Bringt den ganzen Zehnten ins Vorratshaus, damit in meinem Haus Nahrung vorhanden ist. Ja, stellt mich auf die Probe damit, spricht der Herr der Heere, und wartet, ob ich euch dann nicht die Schleusen des Himmels öffne und Segen im Übermaß auf euch herabschütte.Maleachi 3,10

Allerdings – dieser Grundsatz darf nun nicht auf den Kopf gestellt werden. Wer gibt, nur um dafür umso mehr zu empfangen, der wird allerdings bitter enttäuscht werden. Denn eines tut Gott ganz gewiss: er sieht bei all dem auf das Herz des Gebers. Und deshalb sagt Pls das hier so: „Einen fröhlichen Geber hat Gott lieb!“ Wer seinen Zehnten mit Leidensmiene und in innerer Freudlosigkeit gibt, dessen Gabe kann auch von Gott nicht wohlwollend angesehen werden. Bei diesem Menschen ist ja nicht der Dank an Gott das Motiv, sondern vielleicht Gesetzlichkeit oder die Angst, vor den anderen als geizig zu gelten. Einen fröhlichen Geber aber hat Gott lieb – und nicht einen, der sofort an den Beleg fürs Finanzamt denkt. – Dieses fröhliche Geben aber dürfen wir von unserem Herrn erbitten. Unser Gott freut sich, wenn wir Menschen sind, die in dem geschlossenen Kreis seines Schenkens leben.

3. Geben bringt Segen

Zuletzt erinnert der Apostel daran, dass andere Menschen durch unser Weitergeben dankbare Leute werden: „So werdet Ihr reich sein in allen Dingen, damit Ihr in lauterem Sinn geben könnt und so durch uns Danksagung gegenüber Gott bewirkt wird.“ Pls sagt: „Die Gaben für unsere Glaubensgeschwister in Jerusalem lindern deren Not; zugleich bringen sie uns allen reichen Segen dadurch, dass viele diese Gebefreudigkeit in der christlichen Gemeinde wahrnehmen und Gott danken.“

Geben bringt Segen. Die Dankbarkeit anderer macht froh. –
Aber nochmals: Vorsicht! An der Dankbarkeit anderer kann ich mich auch hochziehen. Deshalb fällt es auch heute vielen bedürftigen Menschen sehr schwer, die Geschenke anderer anzunehmen.
Was heißt das? Ich denke an die Mitleid heischenden Blicke um Gaben bettelnder Frauen auf Spendenaufrufen, und an die Dankbarkeit ausstrahlenden Bilder und Worten auf Spendenquittungen. Hier wird oft mit Dankbarkeit und Armut ein Geschäft gemacht. Und man kann sich ja auch an der Dankbarkeit anderer arg hochziehen.

Wie aber macht die Dankbarkeit anderer mich froh? Wie kann Geben Segen bringen? Dazu noch ein paar kurze Gedankenanregungen:

a. Gott ist der Geber!

Ich selber brauche für mich die rechte Einordnung dessen, was da eigentlich vor sich geht, wenn ich gebe. Ich brauche die Einsicht: nicht ich bin der Geber – Gott ist der Geber! Gott beschenkt zu allererst mich. Er macht mich reich – auch materiell. Und was ich gebe, das reiche ich nur weiter! Letztlich reiche ich ja Gottes Gaben weiter. Warum ist das wichtig? Es bewahrt mich vor Selbstüberschätzung und huldvollen Gesten. Wenn ich weiß: ich gebe nur weiter, was Gott weitergeben möchte – dann kann ich mich ehrlich mitfreuen an der Dankbarkeit anderer. Dann kann mich auch meine eigene Offenheit zu geben frohmachen. Ich gebe ja nur Gottes Gaben weiter. Denn

b. Ich bin der Verwalter

Das Geld, alles Materielle, aber auch alle ideellen Begabungen, gehören mir nicht. Sie sind mir verliehen. Ich verwalte Gottes Schatz. Deswegen ist es Unfug, sich ein paar Mark abzuringen und dann zu glauben, damit im Geben froh zu werden oder Gottes Segen zu erlangen.
Wir haben fast alle mehr, als wir zum Leben brauchen. Wenn das aber so ist, dann verdienen wir für andere mit, z.B. für die Bedürftigen in Afrika oder Brasilien, in Bayern oder im Saarland. Gott will, dass wir als Verwalter handeln. Denn nur das Geben aus dieser Erkenntnis heraus macht uns frei, Opfer für das Reich Gottes zu bringen und uns durch die Dankbarkeit anderer erfreuen zu lassen.

c. Unter diesen Voraussetzungen nochmals – der zehnte Teil

Stellen wir uns noch einmal den Bauer vor, der sein Korn einfährt. 10 voll beladene Erntewagen mit dem goldenen Brotgetreide. Ein Jahr harte Arbeit. Ein Jahr Sicherheit. Neun Wagen fahren in seine Scheune. Und ein voll beladener Wagen zieht weiter zum Haus Gottes, in den Tempel. Fröhlich kann dieser Mann doch nur sein, wenn er das weiß: die neun Erntewagen, die ich eingefahren habe in meine Scheune, würden eigentlich genauso weiterfahren müssen wie der eine dort – wenn Gott sie mir nicht schenken würde. Denn auch die neun Wagen gehören Gott. Gott gibt mir von seinen zehn Teilen neun ab – weil er so reich und großzügig ist. Und ein Teil nur behält er sich, um damit anderen zu helfen. Um andere zu ermutigen und in Dankbarkeit zu stimmen diesem gnädigen Herrn gegenüber.
Der Bauer, der so denkt, hat ins seinem Herzen keinen Platz für Gedanken der Selbstbewunderung oder des Neides. Er kann das so erleben: Geben bringt Segen. Geben macht andere dankbar gegenüber Gottes Großzügigkeit und Treue. Geben macht reich! – Zehn Teile gehören Gott. Eines nur behält er sich vor.
Wie wollen wir Gott danken? Lassen Sie uns im Kreislauf des Schenkens bleiben – und froh und dankbar sein heute Morgen, am Erntedanktag 2015.

Und das durfte doch auch beim Bundesopfer für die Arbeit des Bundes FeG deutlich werden. Gerade hier geht es um Mitverantwortung und um das Verschenken von Gottes Guter Nachricht an andere. Und – mit Verlaub: unsere Gemeindearbeit braucht derzeit dringend unsere aus Dankbarkeit gebrachten Gaben.

Vor einiger Zeit stand in unserer Monatszeitschrift „ChristseinHeute“ ein Wort, ehemals wohl von dem ehemaligen Bundespräsidenten Johannes Rau anlässlich eines Spendenaufrufs zitiert:

Wenn Du das Doppelte von dem gibst, was Du eigentlich geben wolltest, so ist es die Hälfte von dem, was Gott von Dir erwartet.Johannes Rau

Gott segne uns an diesem Erntedankfest 2015! Und er segne unsere regelmäßigen Dankopfer für unsere Gemeindearbeit.
Amen

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