Deshalb nehmt einander an, wie euch auch der Christus aufgenommen hat, zur Ehre Gottes.

Diese Worte des Apostels Paulus aus dem Rö 15,7 waren nun die Jahreslosung für das hinter uns liegende Jahr 2015. Sehr interessant und ein wenig prophetisch finde ich, dass wir diese Worte am Anfang eines Jahres gehört haben, das dann am Ende explodiert ist, was die hohen Aufnahmezahlen von Flüchtlingen in Deutschland betrifft. Und gewiss gilt dieser Satz des Paulus sehr deutlich auch in diesen Bereich hinein.

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Deshalb nehmt einander an, wie euch auch der Christus aufgenommen hat, zur Ehre Gottes. – Jahreslosung des Jahres 2015
Reihe
Jahreslosungen
Datum
31.12.2015
Länge
24:38
Bibelstelle
Römer 15,7

Lesungstext

7 Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes.

Predigt

Liebe Gemeinde,

diese Worte des Apostels Paulus aus dem Rö 15,7 waren nun die Jahreslosung für das hinter uns liegende Jahr 2015. Sehr interessant und ein wenig prophetisch finde ich, dass wir diese Worte am Anfang eines Jahres gehört haben, das dann am Ende explodiert ist, was die hohen Aufnahmezahlen von Flüchtlingen in Deutschland betrifft. Und gewiss gilt dieser Satz des Paulus sehr deutlich auch in diesen Bereich hinein.

Aber die Zielgruppe dieses Bibelwortes sind ja nicht zuerst alle möglichen Zeitgenossen überall auf der Welt – die Zielgruppe sind die Menschen in einer Gemeinde – also Du und ich – und wie wir miteinander umgehen im Laufe eines Jahres. Und deshalb lohnt es sich sehr, nun am Ende dieses Jahres genau über diese Jahreslosung noch einmal nachzudenken. Also:

1. Die Grundlage gegenseitiger Annahme: die Annahme durch Christus

Was ist das Wichtige im Blick auf dieses Bibelwort? Das wichtige ist die uneingeschränkte Annahme, mit der Jesus Christus einem Sünder begegnet. Jesus fragt einen Menschen, der ihm begegnen will, nicht nach der Menge seiner Sünden. Er ordnet ihn nur in eine einzige Kategorie ein – in die Kategorie des vollkommen Geliebten. Jesus nimmt uns total an! Mit unserer Sünde, unseren Fehlern und Schwächen. Und etwas anderes ist auch wichtig: indem er das tut, schafft er uns Raum zu Veränderungen. Ein Mensch, der sich Jesus als seinem Herrn anvertraut, erlebt Veränderungen. Er bleibt nicht so, wie er ist. Er lernt vergeben. Er lernt um Vergebung bitten. Er lernt der Sünde in der Kraft Jesu begegnen. Er wird mit Dingen und mit Mächten in seinem Leben fertig, die vorher ihn fertig gemacht haben. Bis in seine Umgebung hinein wird spürbar: hier lebt ein von Christus angenommener Mensch!

Nur: eines bleibt bis zum Tode: wir sind von Christus angenommene Sünder! Wir werden noch am letzten Tag unseres Lebens schuldig werden und Annahme und Vergebung brauchen. Wenn wir Jesus liebhaben, wird er uns auch dann noch vergeben. Wir sind von ihm angenommen. Was muss Jesus mit uns alles durchmachen und mitmachen. Was für Enttäuschungen muss er mit uns erleben. Aber dennoch: Wir sind angenommen. Wir bleiben in der totalen Gemeinschaft mit unserem Retter Jesus Christus.

Und nun sagt Paulus: So wie Christus Euch angenommen hat – so voraussetzungslos, so total, so liebevoll und offen – so nehmt auch einander an!
Dabei ist ganz klar: das ist nicht einfach – das bleibt eine große Herausforderung – wenn wir es nicht nur singen, sondern auch leben wollen. Deshalb:

2. Die Verpflichtung zu gegenseitiger Annahme: Zur Ehre Gottes!

Es wird immer Zeiten im Verhältnis zu einem anderen Menschen geben, da ist mir etwas mehr Distanz lieber als zu viel Nähe. Da fällt Annahme schwerer als sonst. Da hätte ich gern die Freiheit, selber entscheiden zu können, wie groß meine Annahme des anderen gerade sein soll.

Pls aber verknüpft die gegenseitige Annahme – mit Gottes Ehre. Es ist also nicht in unser Belieben gestellt, die Annahme des anderen zu leben. Es geht vielmehr um Gottes Ehre. Und diese Ehre leidet überall dort in der Gemeinde, wo es mit der gegenseitigen Annahme und Liebe nicht gut läuft. Wo Spannungen nicht ausgeräumt und Unklarheiten nicht beseitigt und angesprochen werden. Gottes Ehre steht auf dem Spiel.

Wo also zwei Menschen sich nicht so ohne weiteres annehmen können, da können sie nicht einfach weitermachen in Gotteslob und Anbetung. Da muss erst einmal geklärt werden, was zwischen ihnen steht. Gegenseitige Annahme, Liebe und Gemeinschaft sind nicht in das Belieben jedes Einzelnen in der Gemeinde gestellt. Sie haben, das macht Gottes Wort klar, unmittelbar mit unserer Beziehung zu Jesus zu tun – und mit Gottes Ehre. Wir leben in der Gemeinde in der geistlichen Verpflichtung zu gegenseitiger Annahme – und je größer die Herausforderung, desto größer die Aufgabe.

3. Der Kraftstoff gegenseitiger Annahme – Geduld und Hoffnung

Oder anders: die größten Widerstände bei der Annahme des anderen und dem Respekt ihm gegenüber sind Ungeduld und Hoffnungslosigkeit.

Wir haben ja alle miteinander Erwartungen an die anderen. Wir erwarten ein bestimmtes Verhalten uns gegenüber; wir erwarten Zuspruch und Verständnis. Wir erwarten auch bestimmte geistliche Qualitäten in der Gemeinde und schauen, ob wir sie irgendwo beim anderen erkennen. Und wir begreifen mit dem Kopf, dass im Umgang miteinander viel Geduld und Hoffnung nötig sind. Nur: unsere Herzen sind viel zu schnell – ungeduldig und ängstlich. Wir wollen Ergebnisse unseres Bemühens beim anderen – sofort. Wir überfordern uns und andere am laufenden Band. Wir lassen uns enttäuschen durch unsere Ungeduld – und schaffen so immer wieder Spannungen zum anderen. Und jede Spannung stört die gegenseitige Annahme empfindlich. – Nehmen wir uns nicht so oft viel zu wichtig?
Ich erinnere an die Frage des Petrus nach der Häufigkeit der Vergebung. Das ist ja auch eine Frage nach der Annahme. “Ab wann brauche ich auf den anderen nicht mehr zuzugehen? Wann kann ich die gegenseitige Vergebung und Annahme vergessen? Genügen sieben Mal?” so fragt Petrus. Und Jesus antwortet darauf: “Nein – sieben mal siebzig mal.”

Und damit wollte Jesus nicht unser Kopfrechnen testen. Er sagt: immer wieder vergeben. Ohne Ende. Immer wieder annehmen. Keinen Schlussstrich ziehen im Innern. Denn es geht um Gottes Ehre. Und es geht um Grundlagen in der Gemeinde. Und dabei ist nicht unsere Geduld die letzte Antriebskraft, sondern Jesu Geduld. Wer sich an seiner Geduld misst, der hat immer wieder neu Geduld. Wer die Hoffnung Jesu für den anderen zur Grundlage seiner Hoffnung macht, hat weiter genügend Hoffnung für sich und für den anderen.

Der Kraftstoff gegenseitiger Annahme – Geduld und Hoffnung! Gott muss soviel Geduld für Dich aufbringen. Er braucht soviel Hoffnung, um trotz Deines Versagens an der Möglichkeit der Veränderung Deines Wesens festzuhalten. Vergiss das nie – und behandle jeden in dieser Gemeinde genauso – auch im kommenden Kalenderjahr. Das hilft! Denn dadurch verherrlichst Du Gott!

4. Gelebte gegenseitige Annahme in der Gemeinde – wie sieht das aus?

Und jetzt möchte ich noch ein paar konkrete Anstöße geben. Sicherlich finden wir gemeinsam im Alltag der Gemeinde noch mehr.

a. Zu allererst das Gute vom andern denken

Das heißt: ich bemühe mich zunächst immer, beim anderen positive Erklärungen zu finden, wenn ich sein Verhalten gerade nicht verstehe und in der Gefahr stehe, mich verletzt zurückzuziehen.

Stellen Sie Sich im Straßenverkehr vor: Jemand überholt Sie auf unübersichtlicher Strecke wie ein Verrückter, schneidet Sie und zwingt Sie sogar zum Bremsen – was ist die erste Reaktion? Schimpfen! Sich angegriffen fühlen! Auf sein Recht pochen!

Aber – die wenigsten Dinge im Leben sind es wert, meinen Adrenalinpegel im Blut zu erhöhen und mich aufzuregen. Die wenigsten Dinge sind es wert, mich verletzt zu sehen oder angegriffen. Und die meisten Dinge, die andere an mich herantragen, sind wirklich böse oder verletzend gemeint.

Deshalb – auch wenn es im konkreten Fall schwer sein mag: Ich bemühe mich zunächst immer, beim anderen positive Erklärungen zu finden, wenn ich sein Verhalten gerade nicht verstehe. Falls wirklich etwas Schlimmes daran ist, werde ich noch früh genug damit zu tun bekommen. Aber zuerst muss ich auch hören, was der andere mir sagt.

b. Gelebte gegenseitige Annahme in der Gemeinde – ohne ganz viel Ermutigung geht es nicht.

Manchmal vergessen wir, was Eltern bei ihren Kindern ständig erleben: dass Ermutigung Kraft zum Leben gibt und zu neuen Leistungen befähigt.

Es geht dabei nun aber nicht darum, sich möglichst viel Schmeichelhaftes zu sagen. Schmeichelei zählt nicht zu den Früchten des heiligen Geistes, wohl aber Geduld und Freundlichkeit. Christen in Deutschland würdigen viel zu wenig die menschlichen Leistungen und die geistlichen Gaben der anderen Gläubigen. Ich werde nicht müde, das immer wieder zu betonen. Anders kriegen wir es nicht in unsere Köpfe und in unser Herz. Wie schnell kommen kritische Gedanken und Anfragen in den Kopf. Wie schnell wird eine positive Gemeindeerfahrung gleich auf die kritischen Seiten hin untersucht. Wie oft steht die Anfrage an das geistliche Leben des anderen am Anfang. Und die Ermutigung wird vergessen.

Das ist sicherlich nicht der Blick, mit dem Jesus Christus mich und Dich anschaut. Warum ist die Botschaft des NT geprägt von Hoffnung, Freude, von Dank und von Ermutigung zum Dank? Vielleicht weil es damals nicht leichter fiel, die gegenseitige Ermutigung nicht zu vergessen und – ehrlich zu bleiben. Nichts besser zu machen – nichts schlechter zu machen – sondern konstruktiv zu sein in Lob und Tadel.

c. Gelebte gegenseitige Annahme in der Gemeinde – dem anderen dauernd vergeben, ohne ein heimliches Schuldenkonto zu führen.

Manche Vergebung muss vor Zeugen und von Angesicht zu Angesicht geschehen. Viel häufiger aber ist es nötig, in der Gemeinde dem anderen ganz still zu verzeihen. Wie oft werden wir schuldig an den Gefühlen des anderen. Wie oft sind wir verletzt. Wir könnten dann die Schuld des anderen verbuchen. Wir könnten in unserem Herzen Schuld aufhäufen. Und mal ganz ehrlich: wer hat nicht solche heimlichen Schuldenkonten, die er für andere in der Gemeinde Jesu führt? Wer von Ihnen führt ein Schuldenkonto, über dem mein Name steht. Ich glaube, dass es das gibt. Denn Fehler mache ich genug. Und missverstehen kann man mich sehr schnell. Aber ein Schuldenkonto beraubt uns der geistlichen Gemeinschaft und vergiftet auf Dauer unsere Beziehung zueinander.

Gerade im Kreis der Gemeinde – das ist wenigsten meine Erfahrung – gibt es fast immer eine vernünftige und positive Erklärung für das Verhalten eines anderen Menschen. Denn wir treten hier alle miteinander auf einer gemeinsamen Grundlage an: auf der Grundlage der Liebe zu Christus. Wir wollen einander doch nicht bewusst weh tun, oder? Und selbst wenn ich mich verletzt fühle – wenn der andere mich gar nicht verletzen wollte, dann hat das Ganze doch kaum noch die Kraft für einen Konflikt. Da wird offen nachgefragt. Da vergibt man sich und dann ist´s wieder vergessen. Es geht doch nicht darum: Wie habe ich die Sache verstanden und aufgenommen? – Es geht doch darum: wie hat der andere es tatsächlich gemeint? Darüber kann man reden. Das kann ich den anderen fragen. Und dann darf ich doch annehmen, was er mir dazu dann an Beruhigendem sagt.

Einander annehmen aber heißt: Ständig dem anderen ohne großes Hin und Her vergeben. Kein Schuldenkonto führen. Und wo nötig, ein klärendes Gespräch möglichst bald suchen! Das kostet Mut, bringt aber unheimlich viel.
Denn Christus führt im Himmel auch kein Schuldenkonto über uns. Er vergibt dauernd – ja noch mehr: er stellt immer wieder ein Plus her. Jeden Tag neu.
Deshalb: 70 x 7 mal! Schluss mit dem heimlichen Schuldenkonto der anderen. Damit sich nicht Schuld auf Schuld aufhäuft. Damit sich nicht Mauern des Misstrauens bilden und irgendwann eine Lappalie zum großen Konflikt ausufert.

Liebe Gemeinde, und nun haben wir also ein Jahr lang Zeit gehabt, diese Jahreslosung zu leben. Haben wir diese Herausforderung eigentlich angenommen? Denn los werden wir sie heute abend nicht. Wir wir werden damit auch weiterhin arbeiten – zum Beispiel an unseren Zielvorstellungen.

Ich erinnere:

7 Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes.

Gott segne uns dabei sehr – und nun auch im Jahr 2016! Merkspruch bleibt also dabei: das Haar aus der Suppe herausfischen und ohne großen Aufhebens in den Abfall werfen – und die Suppe genießen!

– Amen –

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