Gerd Ballon bei der Predigt am 14.02.2016

„Die Geschichte“ Nr. 13 – Märchenkönig ohne Happy End

Heute wird versucht, einige ganz verschiedene Anlässe und Gedanken zusammenzuführen:

  • das Thema des KiGoKids – Plenum heute morgen und die Geschichte Nr. 13. So haben wir es miteinander abgesprochen.
  • das Thema der Jahreslosung 2016 von der mütterlichen Liebe Gottes
  • die Aktion Gemeinsam Auf Kurs, die wir heute Morgen zwar unterbrechen, die aber diese Wochen inhaltlich bestimmt

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
„Die Geschichte“ Nr. 13 – Märchenkönig ohne Happy End“ mit KiGoKids – Plenum
Reihe
Die Geschichte
Datum
14.02.2016
Länge
23:36
Bibelstelle
1. Kön 3,5-15

Lesungstext

5 Über Nacht blieb er in Gibeon. Da erschien ihm der Herr im Traum. „Erbitte von mir, was du willst!“, sagte Gott zu ihm.
6 Salomo antwortete: „Schon meinem Vater David hast du sehr viel Gutes getan, weil er dir nie etwas vorheuchelte, sondern dir treu diente und dir immer gehorchte. Sogar über seinen Tod hinaus hast du ihm deine Güte erwiesen, denn du hast einem seiner Söhne den Thron gegeben.
7 Herr, mein Gott, du selbst hast mich zum Nachfolger meines Vaters David gemacht. Ich aber bin noch jung und unerfahren. Ich weiß nicht, wie ich diese große Aufgabe bewältigen soll.
8 Hier stehe ich mitten in einem Volk, das du, Herr, als dein Volk angenommen hast. Es ist so groß, dass man es weder zählen noch schätzen kann.
9 Darum bitte ich dich: Gib mir ein Herz, das auf dich hört, damit ich gerechte Urteile fällen und zwischen Recht und Unrecht unterscheiden kann. Denn wie könnte ich sonst ein so riesiges Volk richtig führen?“
10 Es gefiel dem Herrn, dass Salomo gerade eine solche Bitte ausgesprochen hatte.
11 Darum antwortete Gott: „Ich freue mich, dass du dir nicht ein langes Leben gewünscht hast, auch nicht Reichtum oder den Tod deiner Feinde. Du hast mich um Weisheit gebeten, weil du ein guter Richter sein willst.
12 Du sollst bekommen, was du dir wünschst! Ich will dich so weise und einsichtsvoll machen, wie es vor dir noch niemand war und auch nach dir niemand mehr sein wird.
13 Aber ich will dir auch das geben, worum du nicht gebeten hast: Reichtum und Macht. Solange du lebst, soll kein König so groß sein wie du.
14 Wenn du so lebst, wie es mir gefällt, wenn du mir gehorchst und meine Gebote befolgst wie dein Vater David, dann werde ich dir auch ein langes Leben schenken.“
15 Da erwachte Salomo und merkte, dass er geträumt hatte. Am nächsten Morgen ging er nach Jerusalem zurück. Dort trat er vor die Bundeslade des Herrn und brachte Brand- und Dankopfer dar. Danach lud er seinen ganzen Hofstaat zu einem Festessen ein.

Predigt

Wenn wir diese Geschichte des König Salomo für sich selbst betrachten, dann ist sie unter anderem ja auch eine Geschichte über ein Vorbild: der König Salomo war ein Vorbild an Weisheit und Gerechtigkeit. Weisheit und Gerechtigkeit – zwei ganz aktuelle Stichwörter in der Diskussion um guten Unterricht und gute Schulen, denn in unserem Land wird immer wieder ein Bildungsnotstand beklagt und ebenso ein Mangel an sozialer Gerechtigkeit und Gleichbehandlung. Was lernen wir da vom Beispiel Salomos? Wir lernen, dass Weisheit im biblischen Sinn etwas anderes ist als Bildung oder das, was die Pisa-Studie misst.

Salomo glänzt nämlich nicht mit großem Wissen oder mit tiefen philosophischen Gedanken; sein weises Urteil gründet nicht auf einer Bildung, die er in einer Schule oder bei seinem Hoflehrer Nathan gelernt hat. Das Wissen, auf dem sein Urteil gründet, ist etwas ganz Einfaches und Schlichtes – eine Erfahrung, die er schon in frühester Kindheit bei seiner Mutter Batseba machen konnte. Diese Erfahrung lautet: Mutterliebe ist unheimlich stark, wohl die stärkste Liebe, die wir auf Erden kennen. Nur weil Salomo die Stärke wahrer Mutterliebe kannte, konnte er später bei diesem heiklen Gerichtsfall, in dem zwei Mütter um die Eigentumsrechte an einem einzigen Säugling streiten, das Risiko eingehen und so tun, als wollte er das Kind mit dem Schwert in zwei Teile schneiden lassen. Er wusste: Die wahre Mutterliebe würde sich dann schon herausstellen und er würde merken, zu wem das Kind gehört. Und so ist es dann ja auch gekommen. – Also: Jahreslosung 2016: Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet. Gott nimmt hier die Mutterliebe als ein Beispiel für seine große Liebe zu uns. Schön, wenn wir das in diesem Jahr nicht vergessen: Gott hat uns so lieb wie eine wunderbare gute Mutter. Die Mutter des Kindes hier im Gerichtsfall bei Salomo trennt sich lieber auf immer von ihrem Kind, auch wenn es ihr das Herz zerreißt – als es durch das Schwert der Gerechtigkeit halbieren zu lassen. Gott sei Dank.

Aber angefangen hat die Weisheit des Salomo ja in irgendeiner Nacht in Gibeon in einem Traum. Und das ist ja auch das Thema der Geschichte unseres KiGoKids – Plenums, und das wollen wir uns nun etwas genauer anschauen. Ich setze dabei ein klein wenig poetisch ein:

„Grad gestern trat ein Fräulein an mein Bette /
und sie behauptete, die Märchenfee zu sein /
und fragte mich, ob ich drei Wünsche hätte /
ich sagte, um sie reinzulegen: nein“,

– dieses kleine Gedicht des Kabarettisten Werner Finck steht in seinen „Surrealistischen Vierzeilern“ – augenzwinkernde Verse, die zugleich nachdenklich machen. Ich fand sie im Internet beim Nachdenken über Salomo, den Sohn Davids und König von GesamtIsrael.

Wie geht man um mit solch einer besonderen Situation, einen Wunsch frei zu haben? Hätten auch Sie etwa „Nein“ gesagt, nur um des spitzbübischen Triumphes willen, eine Fee reingelegt zu haben? Oder – hätten wir die Chance beim Schopf gepackt und der jungen Dame eine lange Liste präsentiert?

Aber – es ist ja keine Fee, es ist Gott der Herr persönlich, der dem jungen König Salomo, dem Sohn Davids und der Bathseba, damals im Traum erscheint: „Bitte, was ich Dir geben soll!“ Salomo hätte nun auch einfach „Nein“ sagen können um des Triumphes willen, den lieben Gott reingelegt zu haben; – oder, was wohl wahrscheinlicher wäre, er hätte eine lange Liste präsentieren können mit all dem, was man sich als Herrscher eben so wünscht: ein langes Leben, Reichtum, Tod aller Feinde Israels, stabile Verhältnisse in Israel, gesicherte Macht, Wohlergehen, Gesundheit und irgendwann ein seliges Ende.

Aber – das Besondere damals ist: Salomo wünscht sich nichts von alledem. Er wünscht sich nur eins: ein gehorsames, ein verständiges Herz. Das klingt bescheiden – ist es aber gar nicht, denn ein verständiges Herz ist gleichsam der Schlüssel zu allem anderen, ist eine Art Kompass, der einen leitet in den Höhen und Tiefen seines Lebens. Und offenbar ist dieses Sich-Orientieren-Können am Ende wichtiger als das eine oder andere noch so ersehnte große oder kleine Glück. Was könnte es mir und Dir nützen, wenn wir uns heute so wie damals Salomo zuerst und vor allem ein weises Herz wünschen wollten? Vielleicht ja dies – und ich nenne drei kurze Gedanken:

Nun, Herr, mein Gott, du hast deinen Knecht zum König gemacht an meines Vaters David statt.

Das ist das erste, sehr wichtige. Ein verständiges Herz hilft, zwischen Gott und Mensch zu unterscheiden. Salomo weiß, dass er seine Herrschaft niemand anderem als Gott und damit jedenfalls nicht sich selbst verdankt. Natürlich hat er die Macht angestrebt, aber dort hin gelangt ist er dank Gottes gnädiger Hilfe. Der Mensch denkt, aber Gott lenkt – im alten Israel und eben auch in unserem Leben, in meinem und Deinem. Wir sind’s, die planen, tun, machen, versuchen, sich anstrengen, schaffen und streben, sich einsetzen, sich engagieren, hoffentlich auch mal ’ne Pause machen, aber Gott ist’s, der das Gelingen schenkt – oder eben nicht. Unser Tun steht in Seiner Hand.
Das kann uns diese Geschichte und dieses Traumgespräch zwischen Gott und Salomo zeigen: da wird auf befreiende und entlastende Weise die eigene Bedeutsamkeit an den richtigen Platz gestellt.

Du hast an meinem Vater David, deinem Knecht, (…) große Barmherzigkeit erwiesen und ihm einen Sohn geschenkt, der auf seinem Thron sitzen sollte, wie es denn jetzt ist.

Das ist das zweite, nicht weniger wichtige. Ein verständiges Herz hilft uns sehen, dass Gott uns allen von Mutterleib und Kindesbeinen an viel Gutes hat getan bis auf den heutigen Tag. Und ein verständiges Herz hilft vertrauen, dass er es auch weiter gut machen wird mit mir und dir. Das kann sich hier und da angenehmerweise daran zeigen, dass Gott uns den einen oder anderen Wunsch tatsächlich erfüllt, so als hätte er einen väterlich–verständigen Blick auf unseren Wunschzettel geworfen. Wohl dem, dem Gott in solcher Weise Wünsche erfüllt, möge er sich von Herzen freuen und dankbar sein! Dass Gott seine große Barmherzigkeit erweist an uns, kann aber auch bedeuten, dass er hier und da andere Wege geht als die, die wir uns vorgestellt haben – und es trotzdem oder gerade dann gut macht mit uns.

Manch eher unwillkommene Erschütterung in unserem Leben hat uns vielleicht schon einmal dazu verholfen, uns – ja – in segensreicher Weise irritieren zu lassen, Neues in Bewegung zu bringen, uns dem nicht Geplanten zu öffnen. Manches Schöne begegnet uns, ohne dass wir es je gewünscht oder geplant oder auch nur im Blick gehabt hätten. Manche Krise ereilt uns, so sehr wir auch vorgesorgt haben. Ein verständiges Herz, so eines, wie Salomo es sich wünscht, hilft, gerade in solchen Ungereimtheiten auf den Gott zu vertrauen, dessen unsichtbare Kraft uns eben nicht nur auf den Höhen, sondern auch in den Brüchen und Abbrüchen unseres Lebens trägt. Gott segne uns mit der Erinnerung an Salomo, wenn wir in solchen Lebenssituationen glauben sollen: Gott meint es gut mit uns.

Ich aber bin noch jung und weiß weder aus noch ein. So wollest du deinem Knecht ein gehorsames Herz geben, damit er dein Volk richten könne und verstehen, was gut und böse ist.

Das ist das dritte. Ein verständiges Herz hilft wissen, was gut und böse ist. Nun muss zum Glück niemand von uns gleich ein ganzes Volk richten, noch dazu eines, das wegen seiner Menge niemand zählen kann. Da haben wir es schon mal besser als Salomo. Auf der anderen Seite: Sagen, was ich richtig und was ich falsch finde um warum – das ist nicht nur Angelegenheit von Herrschern und von Königen. Dafür reicht es eigentlich schon, ein einfühlsames Herz und ein Verständnis für die Zusammenhänge dieser unserer Welt zu haben und zu behalten. Sagen können, was ich richtig und was ich falsch finde und warum, ist ein vielleicht gerade in dieser unserer Zeit unverzichtbarer Bestandteil unserer Existenz – hier in diesem Land, in dieser Region und an dem Platz, wo wir gerade stehen. Ein verständiges Herz schenkt Klarheit, die Dinge zu beurteilen und die Umsicht, Gutes von weniger Gutem zu unterscheiden. Es geht um Urteilsfähigkeit. Es geht um die Courage, sich einzumischen bei Dingen, wo ich denke, dass das nicht gut und nicht richtig läuft. Es geht um den Schneid, sich zu engagieren für Schritte, bei denen ich denke, so und so könnte das was werden.

Das gefiel dem Herrn gut, dass Salomo darum bat. Und Gott sprach zu ihm: „Siehe, ich gebe dir ein weises und verständiges Herz. Und dazu gebe ich dir, worum du nicht gebeten hast, Reichtum und Ehre.“ Und als Salomo erwachte, siehe, da war es ein Traum. Und er kam nach Jerusalem, trat vor die Lade des Bundes, opferte und machte ein Festmahl für seine Großen.

Liebe Gemeinde,

ich erinnere mich, dass ich vor einigen Jahrzehnten, am Anfang meiner Zeit als Gemeindepastor einmal diese Verse in 1. Kön 3 gelesen und mir gewünscht habe, Gott möge mir diese Weisheit schenken und mir die Fähigkeit verleihen, im Umgang mit den mir anvertrauten Menschen ein weises und verständiges Herz sprechen lassen zu können. – Vielleicht hat Gott mir diese Gabe je und dann geschenkt. Dann habe ich Grund gehabt, ihm von Herzen dafür danken zu können. Oft habe ich sicher auch versagt.

Und schauen Sie, hier kommt das dritte Anliegen dieser Predigt ins Spiel: eine Verbindung herzustellen zu unserer Aktion Gemeinsam Auf Kurs, die wir heute Morgen zwar unterbrechen, die aber diese Wochen inhaltlich bestimmt.

gak_2016_zeiten

Liebe Gemeinde,

wir erinnern uns noch einmal: Während der Herrschaftszeiten der Könige Saul, David und Salomo war das jüdische Großreich noch ein zusammenhängendes Reich aller zwölf Stämme Israels. Es war im Vergleich zu den anderen Reichen des Altertums immer noch recht klein; aber es war noch nicht geteilt in ein Nord- und ein Südreich.
Das passierte erst mit dem Tod Salomos und den Machtkämpfen danach. Der Sohn Salomos, Rehabeam, findet nicht mehr das Vertrauen und die Gefolgschaft aller Stämme. Rehabeam hört nicht auf die besonnenen Ratgeber seines Vaters, die ihn ermutigen, die Steuern zu senken und nicht noch mehr zu erhöhen. Aber Rehabeam, der junge ungestüme Königssohn, tut, was ihm seine Altersgenossen empfehlen: er verschlimmert das Joch seiner Untertanen. Statt einer Peitsche nun Skorpione (im übertragenen Sinne). Der Stamm Juda macht das nicht mit und spaltet sich am Ende ab. Der geeignete Gegenkönig wird Jerobeam – und damit endet die Geschichte des einen antiken Staates Israel.

Wirklich schlimm aber ist der letzte Grund für diese Entwicklung. Sie wird ja genannt in 1. Kön 11, 9ff:

9 Der Herr aber wurde zornig über Salomo, weil sich sein Herz von ihm, dem Gott Israels, abgewandt hatte, der ihm zweimal erschienen war
10 und ihm verboten hatte, fremden Göttern zu dienen. Doch Salomo hielt sich nicht an das, was der Herr von ihm verlangt hatte.
11 Daher sprach der Herr zu ihm: Weil es so mit dir steht, weil du meinen Bund gebrochen und die Gebote nicht befolgt hast, die ich dir gegeben habe, werde ich dir das Königreich entreißen und es deinem Knecht geben.
12 Nur deines Vaters David wegen werde ich es nicht schon zu deinen Lebzeiten tun; erst deinem Sohn werde ich es entreißen.
13 Doch werde ich ihm das Königtum nicht ganz entreißen; ich lasse deinem Sohn noch einen Stamm wegen meines Knechtes David und wegen Jerusalem, der Stadt, die ich erwählt habe.

Ist das nicht furchtbar? Salomo, der eine so weise Bitte an Gott gerichtet hat und – sie auch noch erfüllt bekam; Salomo, der so weise und reich und berühmt wurde in seiner Zeit; Salomo, über dessen Leben und Regentschaft der lebendige Gott wachte – dieser Salomo riskiert und verliert alles, weil er sich ein paar lumpigen Götzen zuwendet und sich von ein paar verblendeten Haremsfrauen verführen lässt zum Abfall. – So schnell geht Sünde! So schnell kommt ein Mensch auf die falsche Bahn.

Wie hatte Gott ihm noch in dem wunderbaren Traum zu Anfang seiner Regierungszeit gesagt:

Wenn du in meinen Wegen wandeln wirst, dass du hältst meine Satzungen und Gebote, wie dein Vater David gewandelt ist, so werde ich dir ein langes Leben geben.

Alt ist er geworden, der Salomo – aber nicht weise genug geblieben. Und so ist dieser König mit verantwortlich dafür, dass Norden und Süden zerfallen in zwei Reiche. Und dass dann irgendwann, als auch der Norden langsam am Ende ist, ein Amos im Auftrag Gottes ein letztes Mal warnen und werben und bitten muss – und doch schrecklicher Weise ungehört verhallt.

Und am Ende dieser Predigt, dieser Gesamtschau auf den König Salomo, soll deshalb ein Gebet stehen, dass ich mir und Dir und jedem hier empfehle – damit unser Leben nicht auch am Ende zerbricht wie das Leben dieses Königs. Gott bewahre uns davor. Und er segne unser Gebet, wenn wir zum Beispiel bitten:

„Herr, unser Gott, Du kennst unsere Ziele, weißt unsere Sorgen, hörst unsere Wünsche für ein gelingendes Leben. Gib uns Vertrauen, dass wir in Deiner guten Hand geborgen sind. Lass uns verstehen, dass Du unsere Wege lenkst. Gib uns Kraft, Schritte zu tun. Deine Klarheit erleuchte uns. Dein Geist mache uns erfinderisch. Schenke uns ein verständiges Herz. Und gib uns Deinen Frieden, der höher ist als unsere Vernunft. Der aber bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.“

Kommentar verfassen