Jahreslosungsmotiv-Dorothee-Krämer

Jahreslosung 2016: Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet – Ein Rückblick

Wir haben am Anfang des Jahres nachgedacht über die Jahreslosung; und wie immer wollen wir noch einmal zurückblicken und uns fragen: was sagt mir Jesaja 66 nun, am Ende des Jahres 2016, über mich, über Gott, über meinen Glauben.

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Ich will Euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet.
Reihe
Jahreslosung
Datum
01.01.2017
Länge
[Länge (siehe unten)]
Bibelstelle
Jesaja 66, 13
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

1 So spricht der Herr: Der Himmel ist mein Thron; und die Erde der Schemel für meine Füße. Was wäre das für ein Haus, das ihr mir bauen könntet? Was wäre das für ein Ort, an dem ich ausruhen könnte?
2 Denn all das hat meine Hand gemacht; es gehört mir ja schon – so ist der Spruch des Herrn. Ich blicke auf den Armen und Zerknirschten und auf den, der zittert vor meinem Wort.
3 Man opfert Rinder – und erschlägt Menschen; man opfert Schafe – und erwürgt Hunde; man bringt Speiseopfer dar – und auch Schweineblut; man spendet Weihrauch – und preist einen Götzen.
Wie diese Menschen ihre eigenen Wege wählen und an ihren Götterbildern Gefallen haben,
4 so wähle ich für sie die Strafe aus und bringe über sie Schrecken. Denn sie gaben keine Antwort, als ich sie rief; als ich zu ihnen redete, hörten sie nicht; sondern sie haben getan, was mir missfällt, und haben sich für das entschieden, was ich nicht will.
5 Hört das Wort des Herrn, die ihr zittert vor seinem Wort! Eure Brüder, die euch hassen, die euch um meines Namens willen verstoßen, sie sagen:
Der Herr soll doch seine Herrlichkeit zeigen, damit wir eure Freude miterleben. Aber sie werden beschämt.
6 Horcht: Getöse dringt aus der Stadt, Getöse aus dem Tempel. Horcht: Der Herr vergilt seinen Feinden ihr Tun.
[…]
10 Freut euch mit Jerusalem! Jubelt in der Stadt, alle, die ihr sie liebt. Seid fröhlich mit ihr, alle, die ihr über sie traurig wart.
[…]
12 Denn so spricht der Herr: Seht her: Wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und den Reichtum der Völker wie einen rauschenden Bach. Ihre Kinder wird man auf den Armen tragen und auf den Knien schaukeln.
13 Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, /
so tröste ich euch;
in Jerusalem findet ihr Trost.
14 Wenn ihr das seht, wird euer Herz sich freuen und ihr werdet aufblühen wie frisches Gras. – So offenbart sich die Hand des Herrn an seinen Knechten, aber seine Feinde wird er bedrohen.

Predigt

Liebe Gemeinde,
wir haben am Anfang des Jahres nachgedacht über die Jahreslosung; und wie immer wollen wir noch einmal zurückblicken und uns fragen: was sagt mir Jesaja 66 nun, am Ende des Jahres 2016, über mich, über Gott, über meinen Glauben. Also – wir erinnern uns:
Das Volk Israel, zu dem dieses Bibelwort in Jesaja 66 als erstes gesagt wurde, brauchte damals echten Trost, weil es so sehr darunter litt, dass ein Großteil seiner Glaubensgeschwister noch immer in der babylonischen Gefangenschaft saß. Es war ein Volk, das voller Traurigkeit war und dringend Hoffnung und Zukunft brauchte. Denn die Zeit bis zum Wiederaufbau sollte noch lang werden. – Das ist heute nicht anders als damals – leider.

Gott segne uns mit der Fähigkeit, einander in dieser Weise zu trösten. Klick um zu Tweeten

Wer die Welt sieht wie sie ist, der empfand damals und empfindet heute Trostlosigkeit. Die Bibel nimmt diese wahrgenommene Realität immer wieder auf. Jahrhunderte später im Neuen Testament redet der Apostel Paulus davon, wie bedrängt und unsicher unser Leben ist. Und zwar für alle: für Mensch und Tier, für die gesamte Schöpfung. Sie stöhnt und seufzt. Wie von selbst wird manches immer schlimmer. Da verhungern Menschen, werden entwürdigt, werden ihrer Möglichkeiten beraubt, von einem Tumor zerfressen. Korruption und Ausbeutung macht sich immer schneller breit. Dass Gott tröstet, kann man sich daher nur schwer vorstellen. Wie soll das gehen? Der Prophet Jesaja baut uns deshalb eine wunderbare Brücke des Trostes und erinnert uns daran, dass Mütter besonders gut trösten können.
Nur – wenn Gott in menschlicher Weise von sich redet, dann ist das auch immer Chance – und Problem – warum?

1. Vater – und Mutterbild – Hindernis oder starke Trosterfahrung

Was wir in der Jahreslosung miterleben, ist mit einem Fachwort gesagt: anthropomorphes Reden von Gott. „O Anthropos“ – der Mensch; „h morfh“– die Gestalt: Ganz oft in der Bibel reden nicht nur Menschen, sondern redet Gott selber von sich in Vergleichen menschlicher Gestalt: Gottes Arm ist stark; Gottes Ohr hört; sein Auge sieht – und eben hier: Gott tröstet, wie uns eine Mutter tröstet.
Nur – genau das macht es für uns immer auch zu einem Problem: Welches Mutter- und Vaterbild haben wir in unserem Innersten gespeichert? Was scheint in unserer Seele auf, wenn wir von mütterlichem Trost hören?

Ich selber habe vor einigen Jahren mit Gewinn ein „Vater“ -Seminar besucht – und einige hier haben das auch schon getan. Bei diesem Seminar ging es auch darum, Heilung zu empfangen von traumatischen Erfahrungen mit dem eigenen Vater. Und auf diesem Seminar berichteten Menschen davon, wie schwer es ihnen wurde, von tief belastenden Vatererfahrungen geheilt und dadurch erst fähig zu werden, Gott als meinem guten Vater zu begegnen, der mich liebhat, der mich in den Arm nimmt, der mich – und das Rembrandtbild von dem Vater, der seinen Sohn wieder aufnimmt in die Familie, hat da eine große Rolle gespielt – Gott, der mich umhüllt mit seiner väterlichen Liebe. Eine wunderbare Erfahrung.

Nur – gilt diese Herausforderung nicht auch für traumatische kindliche Erfahrungen mit Müttern? Zitat eines Satzes auf einem Grabstein: „Zwei treue Mutterhände haben aufgehört zu schlagen!“ – das ist für manchen von uns vielleicht gar nicht so witzig, wie es sich anhören könnte. – Mancher von Euch hat in seinem Innersten abgespeichert eine Mutter, die hart und abweisend reagierte, anstatt mütterlich zu trösten; die ungerecht war, strafte und verstieß; die Kinder gegeneinander ausspielte und eben auch verletzend zuschlagen konnte. Mancher war vielleicht mehr dankbar als traurig, als seine Mutter dann starb.
Ich habe am Anfang des Jahres erzählt, dass ich in den letzten Lebensmonaten meiner Mutter Versöhnung mit ihr erlebt habe – weil das auch dringend nötig war. Denn meine Mutterbeziehung war schwierig aufgrund ihrer Alkoholsucht. Ich will das heute abend nicht weiter vertiefen. Aber aus der eigenen Biographie heraus freue ich mich sehr über jeden hier heute morgen, der mit mütterlicher Wärme, Liebe und Trost so richtig urversorgt wurde und diese Jahreslosung liebt, seitdem er sie zum ersten Mal gelesen hat. Genießen Sie diese Zusage des Trostes Gottes in Ihrem Leben. Sie ist von unsagbarem Wert.
Nur – bedenken sie mit mir zusammen auch diesen Gesichtspunkt:

2. Gemeinschaft des Trostes, keine Individualität der Ermutigung

Trösten – das wird beim Lesen der Bibel alten und Neuen Testamentes deutlich – ist typisch für Gott. Und das ist so gut. – Denn wir erkennen immer wieder, dass dann, wenn es uns wirklich schlecht geht und wir empfindsamen Trost brauchen, uns nichts hilft, was so nach dem Motto daher kommt: „Es ist doch gar nicht so schlimm!“ oder „Nimm’s dir jetzt doch nicht so zu Herzen.“ – Als vor einiger Zeit eines unserer Kinder spät abends anrief und aufgewühlt seine Lebensängste angesichts der aktuellen Weltlage aussprach, da brauchte es Eltern, die eine volle Ladung Trost hinüber sandten übers Telefon; die zuerst Verständnis, dann aber Zuversicht, Hoffnung und Gottvertrauen überzeugend vermitteln konnten. Und Gott sei Dank ist uns das offensichtlich gelungen. – Gott sei Dank ist Gott selber so: trostvoll wie eine empfindsame Mutter, die trösten und ermutigen kann.

Gott setzt in Christus sein ABER in die Welt. Ein ABER gegen alles Böse, was geschieht. Ein ABER gegen alles, was durch uns an Bösem geschieht. Es ist ein ABER seines Erbarmens. Es ist das ABER der Auferstehung. Wir haben das Versprechen Gottes, dass er alles umdrehen wird. Was diese Welt und uns quält, wird er zu Recht drehen, wenden, beugen, beenden, besiegen – Jesus hat das letzte Wort. Ja – Gott tröstet!

Aber – nun spricht Gott diese Worte damals ja nicht so in den individualistischen Raum, wie wir das heute gern hätten. Gott redet damals zu ganz vielen Menschen. Zu seinem Volk. Zu einem Volk mit einer gemeinsamen sehr belastenden Geschichte in ganz schwerer Zeit. Er redet zu den Menschen, denen er um ihrer selbst willen Schweres zugemutet hat – eine Verbannung nämlich, den Zusammenbruch aller bekannten Werte und Ordnungen. Er redet zu Menschen, denen er das zugemutet hat, um sie vor dem Schlimmsten zu retten: zu retten vor dem Verlust der Gottesgemeinschaft, zu retten vor Ziellosigkeit und Verderben. Und dieser Gemeinschaft verletzter und gedemütigter Menschen, die ausgezehrt da stand und auf die Unterdrückermacht Neubabylonien blickte, diesen Menschen sagt er dann:

Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem findet ihr Trost. Klick um zu Tweeten

Und deshalb, liebe Gemeinde, haltet einmal diese Zuspitzung meines Auslegungsversuches aus, wenn ich sage: Die tiefste Erfahrung mütterlichen Gottestrostes kann ich erleben in der Gemeinschaft der Kinder Gottes, in der christlichen Gemeinde, genau dort, wohin mich Jesus Christus in seiner Weisheit sendet – in einer lebendigen Gemeinde an meinem Ort, z.B. in der FeG FFB. Denn uns hier in dieser unserer Gemeinschaft gilt dieses Wort, das schon 2600 Jahre alt ist. Es gilt uns in alle Not, alle Sorge, alle Hilflosigkeit, in alle Fragwürdigkeit, in all unsere hilflosen Veränderungsversuche hinein:

13 Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich euch; in Jerusalem – und an jedem anderen heiligen Ort meiner Gegenwart, findet ihr Trost.

Deshalb, liebe Gemeinde: Bitte dieses Trostwort der Jahreslosung nicht zu schnell individualisieren: „Mein mütterlicher Trostgott und ich!“ – Sondern bitte wahrnehmen: der Ort mütterlicher und väterlicher göttlicher Gegenwart, dieser Ort ist gerade auch in meiner Ortsgemeinde. Und gerade auch das macht sie so wertvoll und einzigartig.

Hier, heute Morgen, sagt Gott uns allen (und natürlich darin jedem einzelnen Glaubenden):
13 Wie eine Mutter ihren Sohn tröstet, so tröste ich Euch. –
Gott sei Dank – auch über dieses Jahr hinaus gilt das weiterhin.
Und – wie tröstet Gott uns? Noch ganz kurz:

3. Was bietet mir beim Blick auf Gottes mütterliche Seite den meisten Trost?

Ja, liebe Gemeinde – wie fühlt sich solch ein mütterlicher Gottestrost an, der mitten in der Welt zum Lob Gottes anstiftet? – Mit Worten lässt sich Trost ganz schwer beschreiben oder definieren. Von erfahrenem Trost muss man deshalb erzählen. Wo wir uns gegenseitig solche Trostgeschichten erzählen, wird etwas davon deutlich, was die Bibel mit Trost meint: aufatmen lassen, Hilfe herbeirufen, ermahnen. Mütterlicher Gottestrost schenkt also Luft zum Atmen, er ist etwas Befreiendes.
Und jeder Mensch erlebt ihn an einer anderen Stelle.

So erzählt vielleicht der eine, dass er täglich seine Bibel liest und sich dabei ganz oft von Gott getröstet fühlt. –
Für jemand anders ist Gottes Trost spürbar, wenn er am Ostermorgen sehr früh auf dem Friedhof steht und hört: Jesus ist auferstanden. –
Und wieder jemand sagt dann vielleicht: „Nach unserem letzten Urlaub habe ich gesagt: Doch, jetzt starte ich mit der Jungschar! Als ich diese Entscheidung nach langem Ringen getroffen hatte, habe ich dabei einen tiefen Trost empfunden.“

Was tröstet mich, Gerd Ballon, am meisten? Ich bin immer wieder erstaunt, wie sehr mich dieses Wort in Jesaja 54,10 anspricht und trösten kann – und dann eben auch ganz persönlich:

Denn es mögen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade wird nicht von Dir weichen; und der Bund meines Friedens wird nicht hinfallen, spricht, der Herr, Dein Erbarmer. Jesaja 54,10

Es tröstet mich ungemein und mütterlich, dass Gott das zu seinem Volk und auch zu mir sagt – zu mir, einem Menschen, der alles andere ist als ein Optimist; der so viel Andockstationen für Sünde in seinem Leben kennt; der sich immer wieder auch friedlos, hoffnungslos und gnadenlos erlebt; der sich dann fragt, wieso eigentlich Gott sich immer noch die Mühe macht, ihn liebzuhaben und ihm zu begegnen – dass Gottes mütterlicher Trost mich in die Tiefe meiner Seele hinein vergewissert:

Denn es mögen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade wird nicht von Dir weichen; Klick um zu Tweeten

Was für ein Geschenk Gottes an mich, an Gerd Ballon. Ich preise ihn dafür.
Preise Du ihn für die Geschenke, die Du von ihm bekommst.

Am Ende dieses Rückblicks auf über die Jahreslosung 2016 soll stehen – ein trostvolles Wort des Apostel Paulus, das uns ermutigen will zum gegenseitigen Dienst des Tröstens. Hören Sie noch einmal diese Worte aus 2. Korinther 1, 3-4:

Gepriesen sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus! Denn er ist ein Vater, der sich erbarmt, und ein Gott, der auf jede erdenkliche Weise tröstet und ermutigt. In allen unseren Nöten kommt er uns mit Trost und Ermutigung zu Hilfe, und deshalb können wir dann auch anderen Mut machen, die sich ebenfalls in irgendeiner Not befinden: Wir geben ihnen den Trost und die Ermutigung weiter, die wir selbst von Gott bekommen. 2. Korinther 1, 3-4

Gott segne uns mit der Fähigkeit, einander in dieser Weise zu trösten. Geben wir einander doch Gottes mütterlichen Trost weiter. Wir alle brauchen ihn so dringend – denn die Welt, in der wir leben, wird bitter kalt.
Amen

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