Symbolbild: "Keinem von uns ist Gott fern!": Kinderhand in Erwachsenenhand

Keinem von uns ist Gott fern!

Paulus ist weit gekommen auf seiner Wanderschaft durch Kleinasien und Europa. Er ist bis Athen gelangt, in die Hauptstadt Griechenlands, in die Metropole des Denkens.

Und stellen wir uns einmal Paulus als einen antiken Touristen vor. Er hat sich diese Stadt angeschaut – nicht mit Phototasche und Traveller – Scheckbuch, mit Luxushotel und Swimmingpool. Er kam ja in Sachen Evangelium. Und dann lief er durch diese Stadt, sah die prächtigen Bauten der Akropolis, sah im Tal unten das Herakleion, kam auf den Areopag. Hörte, wie weise und arrogant dort gerade über Weltgedanken geredet wurde. Und begegnet irgendwo dann auch dem “Altar für den unbekannten Gott”. Dieser Altar war sicherheitshalber gebaut worden, um nur ja keinen Gott zu vergessen. Denn der so Vergessene könnte sich ja ärgern und, falls er nur mächtig genug wäre, Athen in Schutt und Asche legen. Pls sieht also diesen Altar, und als er die Gelegenheit bekommt, seine Frohe Botschaft vor einer Öffentlichkeit zu sagen, die interessiert, aber doch sehr von oben herab zuhört, da macht er dann beredsam deutlich

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Keinem von uns ist Gott fern!
Reihe
Datum
19.11.2017
Länge
21:41
Bibelstelle
Apostelgeschichte 17, 22 – 34
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

22 Da stellte sich Paulus vor alle, die auf dem Areopag versammelt waren, und rief: »Athener! Mir ist aufgefallen, dass ihr euren Göttern mit großer Hingabe dient; 23 denn als ich durch eure Stadt ging und mir eure Heiligtümer ansah, da habe ich sogar einen Altar gefunden, auf dem stand: ›Für einen unbekannten Gott.‹ Diesen Gott, den ihr verehrt, ohne ihn zu kennen, möchte ich euch nun bekannt machen. 24 Es ist der Gott, der die Welt und alles, was in ihr ist, geschaffen hat. Dieser Herr des Himmels und der Erde wohnt nicht in Tempeln, die Menschen gebaut haben. 25 Er braucht auch nicht die Hilfe und Unterstützung irgendeines Menschen; schließlich ist er es, der allen das Leben gibt und was zum Leben notwendig ist. 26 Aus dem einen Menschen, den er geschaffen hat, ließ er die ganze Menschheit hervorgehen, damit sie die Erde bevölkert. Er hat auch bestimmt, wie lange jedes Volk bestehen und in welchen Grenzen es leben soll. 27 Das alles hat er getan, weil er wollte, dass die Menschen ihn suchen. Sie sollen mit ihm in Berührung kommen und ihn finden können. Und wirklich, er ist jedem von uns ja so nahe! 28 Durch ihn allein leben und handeln wir, ja, ihm verdanken wir alles, was wir sind. So wie es einige eurer Dichter gesagt haben: ›Wir sind seine Kinder.‹ 29 Weil wir nun von Gott abstammen, ist es doch unsinnig zu glauben, dass wir Gott in Statuen aus Gold, Silber oder behauenen Steinen darstellen könnten. Diese sind doch nur Gebilde unserer Kunst und unserer Vorstellungen. 30 Bisher haben die Menschen das nicht erkannt, und Gott hatte Geduld mit ihnen. Aber jetzt befiehlt er allen Menschen auf der ganzen Welt, zu ihm umzukehren. 31 Denn der Tag ist schon festgesetzt, an dem Gott alle Menschen richten wird; ja, er wird ein gerechtes Urteil sprechen, und zwar durch einen Mann, den er selbst dazu bestimmt hat. Er hat ihn darin bestätigt, indem er ihn von den Toten auferweckte.« 32 Als Paulus von der Auferstehung der Toten sprach, begannen einige zu spotten, andere aber meinten: »Darüber wollen wir später noch mehr von dir hören.« 33 Paulus verließ jetzt die Versammlung. 34 Einige Leute schlossen sich ihm an und fanden zum Glauben. Darunter waren Dionysius, ein Mitglied des Stadtrats, eine Frau, die Damaris hieß, und manche andere.

Predigt

1. Keinem von uns ist Gott fern – Gott knüpft an bei unseren Gedanken und Ängsten

Keinem von uns ist Gott fern – das war vor vielen Jahren einmal Jahreslosung, ich glaube in den 80er Jahren. Keinem von uns ist Gott fern – das war das Gegenteil dessen, was die Athener von ihren Göttern wussten. Denn von den Göttern Griechenlands hatten sie genug im doppelten Sinn dieses Satzes: für alles und jeden Lebensumstand gab es Götter und Geister als Hilfe. Aus aller Herren Länder waren im Laufe der Jahrhunderte Kulte mitgebracht worden. Das religiöse Angebot war groß. Aber die Athener hatten auch im anderen Sinne “genug” von ihren Göttern. Die Philosophie der Stoa oder die des Lehrers Epikur befriedigte sie mehr, als Opfer zu den Altären der Götter zu tragen, die ja doch so fern schienen, ohne Beziehung zu ihrem Leben, zu ihren Hoffnungen, Ängsten, Nöten. Was hatten die Götter denn schon Großes bewirkt? Von den römischen Soldatenstiefeln jedenfalls schützten sie offensichtlich nicht, denn Rom hatte Athen fest in der Hand.

Man gab nicht viel auf Religion unter den angesehenen Griechen. Und doch – auf den Altar für den unbekannten Gott wollte niemand verzichten. Man konnte ja nie wissen, irgendetwas steckte vielleicht doch noch dahinter. Und die Angst vor Krankheit oder gar der Vernichtung der eigenen Existenz war groß. Wie schnell konnte einem was passieren. Und ein zorniger, beleidigter Gott – besser nicht. Schließlich wollte man sich zum Jahresende berechtigterweise wieder einen guten Rutsch und so etwas wünschen.

Und schauen Sie: Gott knüpft an bei unseren Gedanken und Ängsten. Und so wie Pls damals den arroganten und doch verängstigten Athenern sagen konnte: Keinem von uns ist Gott fern! – so sagt es Gott den Menschen heute doch auch: Ich bin Euch nicht fern. Lauft nicht weg von mir. Baut keine Altäre für unbekannte Götter, sicherheitshalber. Gießt nicht flüssiges Blei in Wasser und versucht, daraus Eure Zukunft abzulesen. Lasst Euch nicht sicherheitshalber die Sakramente spenden und gleichzeitig den heilenden Stein um den Hals hängen. Sichert Euch nicht nach allen Seiten ab und vergesst dabei womöglich ganz den Schöpfer der Welt.

Diese Botschaft des Pls ist eine herausfordernde Botschaft Gottes in eine ängstliche Welt hinein, die derzeit wieder viel Lärm, Unruhe und Nervosität braucht, um die eigene Angst vor der ungewissen Zukunft zu überbrücken und zu übertönen. Es ist so irritierend, immer wieder in den Nachrichten oder in der Zeitung zu lesen, zu was für eigentümlichen Maßnahmen die Menschen greifen, um die Angst vor dem Leben und Sterben zu verdrängen. Deswegen:

 

2. Keinem von uns ist Gott fern – Gott ist uns ganz nahe.

Das ist ja immer schon die Mitte der Biblischen Botschaft: Gott ist ein naher Gott. Er ist nicht irgendwo im Himmel in unendlichen Weiten. Er ist ganz nahe bei uns. Er ist ein persönlicher Gott. Er sieht und liebt jeden Einzelnen. Gott macht sich die Mühe, jeden von uns mit Namen und Lebensgeschichte zu kennen. Er weiß, wer wir sind, was wir machen, was wir nötig haben. Und – er gestaltet unsere Lebensgeschichte, und niemand sonst. Aber er ist im Gegensatz zu den antiken Göttern kein egoistischer, leicht verletzbarer und dann sogleich rachgieriger Gott! – Er ist ein Gott der liebevollen Nähe. Er möchte, dass wir ihm unser Leben freiwillig anvertrauen! Er möchte uns führen. Er hat einen guten Plan mit uns.

Aber nun höre ich gleich auch die Frage: „Wirklich? Kann Gott nicht auch schlagen und verletzen? Ist er mir wirklich immer so nahe?“ Helmut Plenio hat am letzten Sonntag ja eine bewegende Predigt gehalten, in der er von seinen Ängsten – aber auch von der Erfahrung der Nähe Gottes gesprochen hat. Und diese Frage ist doch erlaubt: „Ist er mir wirklich immer so nahe, wie ich ihn brauche?“

Gott sagt mir und Dir darauf heute Morgen: “Ja, es wird auch in Eurem Leben immer einmal Situationen geben, da werdet Ihr fragen: „Wirklich? Ist Gott mir ganz nahe?“ – In dieser Not, in diesen Schmerzen, in dieser Verlassenheit, in der Einsamkeit meiner vier Wände, in der Antwortlosigkeit meines Daseins?

Gewiss leiden Menschen auch heute Morgen hier in unserem Besucherkreis unter Wunden und Leid. Wie leicht stellt sich da die Frage nach der Gegenwart Gottes im eigenen Leben.

Gott aber sagt uns: „Glaube mir dennoch: ich bin Dir nicht fern. Ich liebe Dich. Du bist mein Kind. Und wenn ich Dir weh tun muss, dann will ich Dich dadurch lenken und führen. Lass Dich auf den Weg führen, der Dir meine Nähe zusichert. Denn nur dort bis Du geborgen, bewahrt, beschützt! – Vertraue darauf: ich bin Dir nicht fern.“

Es ist so gut, vor allem an neuralgischen Eckpunkten meines Leben, das zu hören und dann wieder zu wissen, worauf ich mich verlassen, worauf ich mein Leben gründen kann und will.

Also: Wessen Nähe suche ich? Die Nähe eines Menschen? Die Nähe irgendeiner Macht? Oder die Nähe dessen, der mir niemals fern sein wird – in guten und bösen Tagen, weil er mich liebt und kennt und bewahrt!

Keinem von uns ist Gott fern – das heißt ja: Gott ist jedem von uns ganz, ganz nahe. Und deshalb auch:

 

3. Keinem von uns ist Gott fern – Gott schafft Klarheit durch Jesus Christus

Nun mag jemand hier ja sagen: “Mal ganz ehrlich – dies ist ein sehr allgemeiner Satz. Der Text ist so allgemein, dass er nicht nur für Juden und Moslems akzeptabel ist, sondern zugleich für Vertreter vieler Geistesströmungen unserer Zeit: von Pantheisten bis hin zu Guru – Jüngern: keinem von uns ist Gott fern.” – Und damit hätte der Betreffende sicherlich recht. Für sich genommen ist dieser Satz sogar missverständlich. Jeder könnte sein ganz persönliches Gottes – oder Weltbild in diesen Satz eintragen und sich damit aus jeder ernsthaften Auseinandersetzung mit dem lebendigen Gott der Bibel hinaus schleichen.

Aber diese Gefahr hat damals auch Pls gesehen. Und er begegnet ihr mit seiner Definition. Pls sagt in Vers 31:

 

Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte. Apostelgeschichte 17, 31

 

Der Mann, von dem Paulus hier spricht, ist der, dessen Geburt wir in Kürze wieder erwarten und zu Weihnachten begrüßen wollen. Bleibend von den Toten auferstanden ist nur einer: Jesus Christus, der Sohn Gottes. Und alle Nähe Gottes zu uns Menschen konzentriert sich auf diesen einen: auf Jesus.

Die ungetrennte Nähe Gottes zu Ihnen und mir zeigt sich genau da, wo Gott seinen Sohn zu uns schickt, um die gefährliche Trennung zwischen sich und uns zu beseitigen. „Keinem von uns ist Gott fern!“ – diesen Satz konnte Pls damals nur sagen, weil er Jesus kennengelernt hatte.

Bevor Jesus kam, waren wir Menschen bekanntlich von Gott getrennt durch die Sünde.

Bevor Jesus starb und auferstand, sah unsere Zukunft bitter aus.

Aber seit Jesus Christus, der Sohn Gottes, gestorben, auferstanden und erhöht ist, gilt dies: Keinem von uns ist Gott fern. Gut, dass Pls das in Athen so bezeugt hat! Und gut, dass wir es bis heute so bezeugen dürfen: Keinem von uns ist Gott fern – Gott schafft Klarheit durch Christus. Jeder von uns, der Jesus Christus ganz gehört, dessen Herr Jesus ist, dem gilt diese Nähe Gottes – jeden Augenblick! Der darf aufatmen und neu beginnen. Der hat an jedem Tag seines Lebens einen Bewacher und Bewahrer, einen guten Herrn und Retter. Gott sei Dank.

Damals fanden viele das alles komisch, was Paulus da auf dem Areopag sagte. Sie lachten Paulus aus. Ob sie später auch noch gelacht haben? Auslachen ist ja keine wirkliche Antwort auf die Frage nach Liebe und Geborgenheit, nach Sinn im Leben und nach Hoffnung. Auf diese Frage gibt es eine andere Antwort: “Keinem von uns ist Gott fern!” In Jesus kommt er uns ganz nahe! Dafür aber kann ich nur danken – und dann bitten:

 

Komm Jesus, geh mit und führe Du mich.

Sei bei mir am kommenden Ewigkeitssonntag, wenn viele Menschen an diejenigen denken, die ihnen auf dieser Erde weggenommen worden sind in diesem Jahr.

Sei mir nah als der erwartbare Herabkommer aus dem Himmel, an den wir uns im Advent ja immer wieder erinnern, weil Du den Weg zu Gott geöffnet hast.

Sei Du auch in meinem Leben zu Weihnachten derjenigen, der in mein Leben hinein darf, um es zu reinigen, zu klären, zu verändern und zu erfüllen.

Sei mir nah. Ganz nah. Denn ich brauche Dich doch so.

 

In diesem Sinne, liebe Gemeinde, lasst uns gemeinsam, groß und klein, aus dem alten Kirchenjahr hinaus schreiten am kommenden Sonntag und hinein gelangen ins neue – bald ist Advent. Und ich freue mich schon sehr darauf.

Amen.

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