Im Abendrot des Glaubenslebens: Hütte und Steg bei Sonnenuntergang an einem See

Im Abendrot des Glaubenslebens

Das, was Abraham im Abendrot seines Glaubenslebens erfährt, kann ein Bild sein für die Gemeinde des Glaubenden im neuen Bund – für Dich und für mich.

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Predigt zum Ewigkeitssonntag: Im Abendrot des Glaubenslebens
Reihe
Datum
26.11.2017
Länge
26:25
Bibelstelle
1. Mose 23, 1 – 3
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

1-2 Als Sara 127 Jahre alt war, starb sie in Hebron, das damals Kirjat-Arba hieß, im Land Kanaan. Abraham trauerte um sie und weinte an ihrem Totenbett. 3 Dann ging er zu den Hetitern und bat sie:

Predigt

Liebe Gemeinde,

mit dem Ewigkeitssonntag, der für viele nur der Totensonntag ist, endet das Kirchenjahr. Im Gegensatz zu den Landeskirchen heben wir dieses Kirchenjahr nicht durch verschiedenfarbige Tücher auf Altar und Kanzel hervor. Dennoch lohnt es sich, einmal zu verfolgen, wie das Kirchenjahr die Spannung aufbaut von der Erwartung der Geburt Jesu bis zum Gedenken an unsere Sterblichkeit und die Wiederkunft Jesu. Heute Morgen also feiern wir einen Gottesdienst am Ewigkeitssonntag.

Der Ewigkeitssonntag hat seine ganz bestimmten Gedanken und Erwartungen. Er erinnert uns zum einen an den Verlust lieber Menschen. Er macht uns, schon wenn wir noch jung sind, unser Ende, unsere Begrenztheit deutlich. Er ermahnt uns, er tröstet uns. Und er spricht sicherlich in ganz besonderer Weise zu denen unter uns, die am Abend ihres Lebens stehen, die jeden Tag als ein Geschenk der Gnade Gottes annehmen und dabei bedenken, dass es der letzte Tag sein könnte. Der Ewigkeitssonntag spricht zu denen besonders, in deren Leben das Wesentliche geschehen ist und nur noch weniges zu tun, zu klären bleibt.

Deshalb lassen Sie uns die Botschaft dieses Tages aufnehmen von einem Wort her, in dem uns der alte Abraham begegnet. Ein kurzes Wort Gottes.

1. Im Abendrot des Glaubenslebens

Als Abraham damals mit Isaak als mit einem von Gott neu empfangenen Geschenk vom Berge Morija heimkehrt, beginnt für ihn die letzte Etappe seines Glaubenslebens. Was nun noch seinen Tag bescheinen wird, ist der Abendschein der Erinnerung. Erinnerung an die vielen vergangenen und doch so gegenwärtigen Erfahrungen, die er mit Gott gemacht hat. Die sein Leben geprägt und gestaltet hatten. Das wesentliche ist geschehen. Noch weniges bleibt zu tun. –

Aber zu diesem wenigen gehört auch, dass Abschied genommen werden muss vom Liebsten auf Erden. Letzte irdische Anordnungen und Entscheidungen müssen getroffen und durchgeführt werden. Das Glaubensleben selbst hat seinen Gipfelpunkt erreicht. Abraham ist nun sozusagen auf einer Hochebene angelangt, auf der es sich ruhig weiterwandern lässt. Neue, große Glaubenserfahrungen stehen nicht mehr ins Haus, aber auch keine großen Glaubensprobleme sind zu erwarten. Sein langer Lebensweg unter den Augen Gottes nähert sich seinem Ziel.

Und vielleicht dürfen wir aus dieser Beobachtung den Schluss ziehen, dass der Glaubensweg eines Menschen, wenn er ihn gehorsam und unter der der Barmherzigkeit Gottes gegangen ist, zu irgendeinem Zeitpunkt am Ende seines Lebens seinen irdischen Gipfelpunkt erreicht. Von nun an kann er mit dem leben, was Gott in seinem Leben an ihm getan hat. Er kann zurückschauen und darf aus der Erinnerung seine Kraft ziehen. Während er früher handelnde Person war, die auf immer neue Gotteserkenntnis und Gotteserfahrung wartete, wird er nun zu einem anbetenden, lobenden und aus sich heraus leuchtenden Menschen. Christus hat in ihm Gestalt gewonnen. Er ist ein reif gewordener, dem Ziele nahender Glaubender geworden.
Wie gut, solchen Menschen begegnen zu dürfen und durch sie neue Kraft zum Glauben zu empfangen – einfach aus ihrem Vorbild. Und wie lehrreich oft, sie dann auch zu erleben beim Abschiednehmen.

Aber wir spüren: an dieses Ziel kommt ein Mensch am Ende seines Lebens nicht von selber und einfach so. Diesen Punkt am Ende seines Lebens zu erreichen, als Vorbild für die jüngere Generation – das ist zuerst einmal Geschenk Gottes – Geschenk seiner Barmherzigkeit. Es ist zudem aber auch das Ergebnis von bestimmten Weichenstellungen.

Wer sein ganzes Leben nur an sich selber gedacht und für sich selber gelebt hat, der wird es am Ende seines Lebens verstärkt weiter tun. Er wird verbittern und anklagen. Oder er wird dumpf und desinteressiert an seiner Umgebung. Deshalb sagt uns dieser Blick auf Abram auch: “Stell die Weichen rechtzeitig richtig.”
Wer sein Leben Gott zugewandt, dem anderen Menschen zugewandt lebt; wer Gottes Maßstäbe in seinem jungen Leben entscheiden lässt und seinen Willen tut, der wird am Ende vielleicht erleben dürfen, dass Gott ihm dieses Plateau schenkt, diesen ruhenden, zum Ziel gekommenen Glauben des Abraham – als Vorbild für andere!

2. Schmerzhafter Abschied

Der Weg zu den letzten Zielen Gottes im Abendschein seiner Liebe ist aber nun nicht nur beglänzt. Dunkel und schwere Schatten fallen auf ihn; es heißt Abschiednehmen.

Abschiednehmen besonders von Menschen, die man sehr geliebt hat; die lange Jahre zur Seite gestanden waren und deren Fehlen eine unschließbare Lücke hinterlässt. Trauer und Schmerz, das Empfinden von Einsamkeit und Zurückgelassenheit sind auf einmal unabweisbar da – auch im Leben des Glaubenden. Auch im Leben Abrahams war das so. Und es ist von vornherein tröstlich, wie die Bibel davon spricht: ruhig, selbstverständlich, verstehend und ohne alles fromme, krampfhafte Leidüberwinderpathos und große Worte.

Abraham verliert seine Frau. Das ist ein schwerer, kaum verwindbarer Verlust. Denn Sara hatte seinen Weg geteilt. Nicht nur den äußeren mit seinen Engpässen und Schwachheiten, auch den inneren. Manches hatte sie sogar besser und klarer erfasst als er; auch an seinen Glaubensschwierigkeiten hatte sie Anteil gehabt. Und die Wertschätzung dieser Frau drückt sich aus in dem biblischen Wort: “Solange Sara lebte, schwebte eine Wolke der Gottesgegenwart über dem Zelt. Sobald sie gestorben war, wich diese Wolke; mit Rebeccas Eintritt kehrte sie wieder.” – Ein Wort vielleicht auch zur Wertschätzung der Ehefrau allgemein.

Sara hat die Berufung ihres Mannes mitgetragen. Und wie wichtig dies ist, wird ja auch daran deutlich, dass manche Berufung eines Mannes durch Gott nicht zur Entfaltung kommt, weil sie am inneren und äußeren Widerstand der Ehefrau scheitert. Und das lässt sich ja immer auch umkehren. Auch Männer können ihre Frau an deren Entfaltung hindern. Bei Abraham aber war das wirklich anders, dank Sara. – Und nun stirbt sie.

Es ist verständlich, dass Abraham in tiefe Trauer versinkt, denn es gab für ihn nur die eine Sara – diese Frau, die diesen riesig großen Teil seines Lebens mit ihm gelebt hatte. “Da zog Abraham sich zurück, um Sara zu beklagen und sie zu beweinen.”

Jedoch: Abraham klagt nicht lauthals in die Öffentlichkeit. Er jammert nicht allen die Ohren voll wegen des Schweren, das ihn getroffen hat. Er will allein sein mit seinem Schmerz, mit seiner Trauer, mit seiner Klage, allein mit seiner geliebten Toten und – mit seinem Gott.

Denn das war ihm klar: Gott war an allen Stationen seines Lebens dabei gewesen. Er würde auch jetzt da sein und ihn nicht allein lassen. Das ist ja der große Trost für einen Menschen wie Abraham, der in Bezug auf die Zukunft der Toten allgemein noch keine so klare Vorstellung über die Hoffnung auf eine Auferstehung von den Toten hatte wie Du und ich heute. Für Abraham war mit dem Sterben eher der von Gott bestimmte Schlusspunkt irdischer Existenz gekommen. Der Trost der Hoffnung auf die Auferstehung von den Toten macht in der Bibel eine Entfaltung und Entwicklung durch, die in der Auferstehung Jesu erst jubiliert: „Der Tod ist verschlungen in den Sieg. Tod, wo ist Dein Stachel.” Für Abraham war der Stachel bitterer als für uns neutestamentlich geprägte Menschen.

Aber gerade deshalb war das für Abraham so wichtig: Gott ist da, auch an der Bahre seiner Toten. Abraham lernt hier beim Abschiednehmen von Sara, was später in Rö 8,28 so lautet: “Denen, die Gott lieben, müssen alle Dinge zum Guten mitwirken.”

Darum: so schwer es am Sarg des geliebten Menschen zu bekennen sein mag – es bleibt wahr. Und Abraham scheint diese Einsicht zu gewinnen. Denn als er das Trauerzelt verlässt, begegnet uns ein ruhiger, gefasster Mann, dessen öffentliches Auftreten eine große Würde ausstrahlt. Welch ein Vorbild für andere. Der schmerzhafte Abschied hat seine Gottesbeziehung nicht angegriffen. Er hat sehr geweint – aber seine Gottesbeziehung hat bestehen können. – Der Glaubende vertraut weiter .Und dass es dann weitergeht und wie es weitergeht, macht auch wieder etwas deutlich von der Treue Gottes – gerade auch im Verlust.

3. Ein neues Zeichen für die Erfüllung der Verheißung

Denn Verheißung geht weiter und – erfüllt sich hier schon ein Stück weit.

Abraham verhandelt mit den Hethitern über ein Stück eigenen Grund und Boden in diesem ihm noch fremden Land und kauft für sich und seine Familie die Höhle von Machpela bei Hebron. Wer sich im Judentum etwas auskennt, der weiß, wie wichtig bis heute dieses Stück Land für Moslems und Juden ist. Grabstätte der Erzväter.

Der Tod Saras stellt Abraham also vor das Problem einer Begräbnisstätte, genauer: eines Erbbegräbnisses. Aber worum geht es hier?
Es geht um ganz wesentliches! Denn das Erbbegräbnis im Heimatboden spielt in der Antike eine erhebliche Rolle Nach dem Verständnis der Antike bleibt nur in einem von den Generationen genutzten Erbgrab der Tote mit den Seinen verbunden. Nur dort wir er “zu den Vätern” versammelt. So wie der männliche Erbe eine Brücke in die Zukunft ist, so ist das Erbgrab eine Brücke nach rückwärts. Das Begrabensein in der Fremde ist für den Menschen des Alten Testamentes das Schrecklichste, was er sich vorstellen kann – die Trennung von seinem Geschlecht, von seiner geliebten Familie. Das ist das eine, worum es hier geht

Und dazu kommt das andere: Ein Erbbegräbnis zu haben, bedeutet: Besitzer, Eigentümer im Lande der Verheißung zu sein. Bodenständig sein, Heimat gewinnen. Die Landverheißung wahrmachen und sie selber noch erleben.
Und genau das erfährt Abraham mitten im schmerzlichen Verlust: Gott bestätigt seine Verheißung. Abraham erlebt, wie die Hethiter ihm das Erbbegräbnis verkaufen. Seine tote Frau erhält ein Stück Heimat. Und Abraham erfährt auf seiner letzten Wegstrecke nochmals: Gott ist treu. Er steht zu seinen Verheißungen Er bringt die durch, die ihm bedingungslos vertrauen. – Gott ist treu – auch uns gegenüber.

4. Ein Grundmuster wird erkennbar

Das, was Abraham im Abendrot seines Glaubenslebens erfährt, kann ein Bild sein für die Gemeinde des Glaubenden im neuen Bund – für Dich und für mich.

Auch uns ist ja eine Fülle großer Verheißungen gegeben. Auch uns ist das himmlische Erbteil zugesichert – ein Stück Heimat im Himmel. Jesus selber hält Wohnungen im Himmel für uns bereit – und ein neues, vollkommenes Leben, das so ist, wie es der auferweckte Christus jetzt schon hat.
Aber noch – noch leben wir in dieser Welt. Gewiss, wir leben mit Gott. Mit seinen Verheißungen und mit dem Glauben an sie.

Nur: von Erfüllung ist – aufs Ganze gesehen – oft wenig zu erkennen. Wir leben eben im Glauben, nicht im Schauen. Noch nicht. Wir erfahren noch viel mehr Schmerz und Trauer, Verlust und Trennung – mehr, als wir manchmal glauben aushalten zu können. Aber dennoch: der Totensonntag ist nicht der Totensonntag – er ist der Ewigkeitssonntag. Er erinnert uns an die Ewigkeit. An die Erfüllung von Verheißungen. Wir sind Erben!
Und das wird schon dann offenbar, wenn wir sterben. Wir sterben nämlich ins Leben hinein. Das hat Abraham auf seine Weise gewusst. Er hat auf seine Weise, unter seinen Umständen sein Leben, sein Verhalten darauf eingerichtet.

Und wir? Wie geht es uns vielen jungen und mitteljungen Menschen hier damit? Sind wir darauf eingerichtet, einmal zu sterben? Kleben wir am Leben, ohne unser Sterben im Blickfeld zu behalten? Verdrängen wir unser Älterwerden und das Näherrücken von Alter und Kräfteverfall? Haben wir unsere Schwerpunkte richtig gesetzt? Leben wir als Erben der kommenden Welt Gottes?

Kann ich das bei einem älteren oder jüngeren Menschen hier abspüren? Was prägt unser Denken und unsere Lebensäußerungen? Wer die Ewigkeit und den eigenen Tod im Auge behält, der ordnet seine Lebensschwerpunkte besser und weitsichtiger. Der geht nicht in seinem Beruf auf, in Karriere und Machtgelüsten. Der vergisst nicht, dass die eigenen Kinder wichtiger sind als der Computer im Büro; die eigene Ehefrau wichtiger als der Jahresabschluss im Betrieb. Das Reich Gottes wichtiger als die Verpflichtungen im Beruf oder die Reize der Freizeitgestaltung. Das Vertrauen in biblische Verheißungen wichtiger als der Glaube an die wirtschaftliche Zukunft unseres Landes.
Und es ist so wichtig für mich und Dich, die Lebensakzente richtig zu setzen. Egal wie alt wir sind. Es hängt soviel Lebenswert davon ab. Bitte, bitte nicht vergessen heute morgen am Ewigkeitssonntag.

Gott segne uns mit Trost und Hoffnung und Erfüllung von Verheißungen – und er schenke uns seine Nähe, seinen Trost – besonders heute.

Amen

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