#GaK2018 | 1. Woche | Eine Familie geht kaputt

#GaK2018 | Predigt | Eine Familie geht kaputt!

Am Anfang: ein Vater – zwei Söhne; eine Familie; Brüder – mit der gleichen Liebe und der gleichen Sorgfalt aufgezogen. Mit der gleichen Güte bedacht.
Aber ihre Wege trennen sich. Den einen lockt die weite Welt. Er nimmt sein Erbe und geht. Der Vater lässt ihn ziehen.

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Eine Familie geht kaputt!
Reihe
Gemeinsam auf Kurs 2018
Datum
25.02.2018
Länge
32:36
Bibelstelle
Lukas 15, 12 – 15
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

12 Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.
13 Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen. 14 Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land und es ging ihm sehr schlecht.
15 Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.

Predigt

Er gibt seinem jüngeren Sohn seinen Anteil ohne große Diskussion. „Gib mir den Teil der Erbschaft, der mir zusteht!“, sagt der Sohn. Aber – da ging es ja nicht nur ums Erbe, sondern auch um das sofortige Verfügungsrecht darüber. Normalerweise hätte der Vater ja sonst noch das Recht gehabt, von dessen Ertrag seinen eigenen Unterhalt zu bestreiten. Aber er händigt den Anteil aus. Und lässt den Jüngsten ziehen.

Hat er ihm nachgeschaut? Hat er vorher noch Argumente ins Feld geführt, warum sein Sohn das besser nicht machen sollte? Hat er alles Erdenkliche getan, um mit seinem Sohn zu reden – auch über die Gefahren, die ihm drohen würden mit so viel Reichtum? Wir wissen es nicht. Wir können nur aus der späteren sehr emotionalen Reaktion des Vaters – er sieht seinen Sohn schon von weitem, gerät in große Gefühlsaufwallung und läuft seinem Kind entgegen – wir können daraus vielleicht schließen, dass dem Vater dieser Abschied sehr nahe gegangen ist. Dann hat er vielleicht dem Sohn nachgeschaut. Dann folgen seine Augen angestrengt der Gestalt, die kleiner und kleiner wird. Dann werden seine Augen darüber feucht. Aber er weiß: er muss ihn ziehen lassen. – Manchmal tut Liebe weh, auch Gottes Liebe. Sehr weh!!

Und wissen Sie, was mich doch schon ein wenig wundert: mindestens ein Familienmitglied ist hier völlig außer Acht gelassen: es gibt keine Mutter in diesem Gleichnis. Und auch keine Schwestern der zwei ungleichen Brüder. Warum Jesus das Gleichnis genau so und nicht anders erzählt, bleibt uns verborgen. Dabei hätte er eine Mutter ja durchaus einbeziehen können. Eine Mutter hat ja ihre eigenen Reaktionsmuster in so einer Situation. Wäre sie vielleicht dazwischen gegangen, als die beiden Männer über das Erbe sprachen? Hätte sie sich geweigert, ihren Sohn, ihren Jüngsten vielleicht, so einfach ziehen zu lassen. Hätte sie sich ihm händeringend in den Weg gestellt? Hätte sie ihrem Mann Vorwürfe gemacht, sich gar gegen seinen Gleichmut gewandt?

Jesus hat keine Mutter in sein Gleichnis hinein erzählt. Warum? Vielleicht weil man damals so eine Geschichte unter Männern ohne die Beteiligung von Frauen weiter erzählte. Eher aber wohl, weil es ihm hier um die Vaterperson ging, und darin besonders um die später in der Person des Vaters sehr deutlich werdende väterlich-mütterliche Haltung der Barmherzigkeit und der großen Liebe. Diese Geschichte braucht vielleicht deshalb keine Mutter, weil der Vater am Ende alle elterlichen Gefühle abdeckt. Aber – wir wissen es nicht.

Wir sehen hier nur: eine Familie geht kaputt.

Am Anfang, haben wir gesagt: ein Vater – zwei Söhne; Brüder – mit der gleichen Liebe und der gleichen Sorgfalt aufgezogen, mit der gleichen Güte bedacht.
Aber ihre Wege trennen sich. Der eine bleibt. Treu dient und schuftet er. Er wählt die Sicherheit des Vaterhauses und vermehrt das Erbe.
So geht es eine ganze Zeit… Gewohnte Gewohnheit. Nichts, was man groß erzählen müsste.
Nun könnte man ja entwicklungspsychologisch kommen und sagen: der Jüngere hat es genau richtig gemacht, weil er – im Gegensatz zum älteren Bruder – den Ablöseprozess vom Elternhaus durchlaufen hat. Der Ältere ist doch selber schuld, wenn er abhängig bleibt, eine ungesunde Persönlichkeit.

In der Tat: der Ältere steht im Schatten. Vielleicht hat er ein starkes Bedürfnis nach Sicherheit. Der Gleichklang der Tage im Elternhaus hat etwas Verlässliches. So soll es sein und bleiben. Treu bleiben, tun, was zu tun ist; nicht fragen, ob irgendwo nicht doch auch Abenteuer und süßes Leben warten. Das Feld vor dem Haus soll genügen. – Und – ist das deshalb ein falsches Lebenskonzept? Ich finde nicht. Das ist legitim. Anders ist nicht falsch.

Von Ferne sieht er vielleicht, wie der Vater auf einmal losrennt, einer zerlumpten Gestalt entgegen. Was gesprochen wird, kann er nicht hören. Aber er sieht die Verwandlung. Aus den Lumpen wird ein Festgewand; die Hand wird mit einem Ring geschmückt.

Und dann: Neid! Neid nährt Zorn. Er war immer da, hat immer gearbeitet, treu und dienstbeflissen, hat sich selbst nichts gegönnt. Er hat mit dafür gesorgt, dass hier noch immer ein Vaterhaus ist. Das Fest aber bekommt ein anderer.

Eine Familie geht kaputt!

Tja, der Vater. Es gibt in der Bibel ja durchaus Beispiele dafür, dass da etwas in einer Familienkonstellation nicht stimmt. Am deutlichsten wird das bei der Jakobsgeschichte: ein Vater, der seinen zweitjüngsten derart massiv seinen anderen Söhnen vorzieht, ihn zu seinem persönlichen Spion macht und so den Hass der anderen auf Joseph konzentriert. Auch damals geht eine Familie kaputt. Viel Schuld kommt zum Vorschein. Auch die Schuld eines Vaters, der am Ende für jahrelange Fehler bezahlen muss und furchtbar leiden wird.

Oder die Vaterfigur des Eli in 1. Samuel 1. Es gelingt diesem Mann nicht, seine beiden Söhne so zu erziehen, dass sie verantwortungsvolle und wertvolle Teilnehmer der Gesellschaft werden. Ihm wird am Ende vorgeworfen, dass er lieber erduldet, dass seine Söhne Gottes Gebote mit Füßen treten, als ihnen Einhalt zu gebieten und Grenzen zu setzen.

Und hier?
Können wir etwas sagen zu diesem Vater hier? Das ist schwierig, denn es ist ganz klar, dass Jesus hier einen Vergleich zieht zu Gott. Dennoch hat er hier das Bild eines menschlichen Vaters aufgegriffen. Und wir erleben zunächst einmal eine Familie, die durchaus nicht so funktioniert, wie wir uns das wünschten, oder?

Der jüngere Sohn hat die Nase voll von Familie, von liebem angepasstem Bruder, der – nehme ich mal an – immer wieder an seinem kleinen Bruder herum erzieht und sich ihm als Beispiel empfiehlt, weil der nicht so angepasst lebt wie er selber; er hat auch die Nase voll von dem ach so lieben guten Vater; der ist doch nur ein Spießer wie alle Väter; hier in dieser sterilen Atmosphäre kann sich ja kein Mensch weiter entwickeln. Wer hier nicht lieb und brav funktioniert, der wird abgestraft. Ständig wird an einem herum erzogen. Und draußen – draußen ist die richtige Welt. Da ist das alles: Vergnügen, Frauen, eben: das Leben. Also – raus hier. – Und der Vater kann ihn nicht halten. Eine Familie geht kaputt. – Und – hat nur der jüngere Sohn Anteil daran? Nicht auch vielleicht ein Vater, der den Konflikt scheut; oder eine Mutter, die so wenig präsent, die so abwesend ist, dass Jesus sie hier im Gleichnis gar nicht erst erwähnen muss, die ihren Mann machen läßt? Ist ja auch viel einfacher so für sie.

Und was ist mit dem älteren Sohn? Der ist ja richtig stinkig, als er erlebt, wie der Vater den Jüngeren gleich wieder voll integriert und sogar ein Familienfest arrangiert. Und ist der nicht zu Recht sauer auf seinen Alten, hat er nicht allen Grund, sich tierisch aufzuregen? – Und ist es, liebe Gemeinde, da nicht ein wenig billig, wenn wir den Vater jetzt gleich in Schutz nehmen und sagen: Der Sohn hätte ja schon die ganze Zeit seine Feste feiern können, für ihn stand doch laut Aussage des Vaters ständig alles zur Verfügung. Ja, toll. Nur – warum hat der Vater ihm das nicht ab und zu auch mal so gesagt: Junge, es ist so gut, dass Du bei mir geblieben bist. Wir arbeiten doch so gut zusammen. Und alles, was mir gehört, gehört auch Dir. Feiere doch auch mal mit Deinen Freunden. Lass es Dir gut gehen. Ich liebe Dich sehr, mein Junge. Und ich möchte, dass Du das auch ausreichend spürst.

Ihr lieben Eltern, natürlich wollen wir alle nur das Beste – für den anderen, für unsere Kinder; natürlich wollen wir alles tun, damit sie glücklich leben; damit sie an unserer Gottesbeziehung Maß nehmen können für ihre eigene Begegnung mit Gott und Jesus. Und doch machen wir in unserer Begrenztheit, in unserer Bequemlichkeit, in unserer mangelnden Kenntnis von Pädagogik und selbst von der Bibel – und doch machen wir in all dem so viele Fehler; und deshalb kann es passieren, dass zwanzig Jahre später – eine Familie kaputt gegangen ist.

Liebe Gemeinde, ich bin sehr überzeugt, dass es die Gnade Gottes war, die dazu geführt hat, dass trotz meines Vaterseins, dass trotz meines Ehemannseins; dass trotz meines oft stümperhaften Bemühens um empfindsame Nähe und Liebe – dass also nicht wegen all dessen, sondern obwohl ich in all diesen Dingen so oft versagt habe – meine Familie nicht zerbrochen ist bis heute. Ein Geschenk Gottes ist das. Und obwohl meine Frau und ich glauben, alle Kinder gleichermaßen behandelt und erzogen zu haben, auch im Glauben – zwei von ihnen leben mit ihren Partner und mit Jesus in einer Gemeinde. Und einer tut es bis heute nicht – zumindest nicht wahrnehmbar. Und er ist trotzdem total liebenswert und gleichermaßen wertvoll. Aber er bleibt in dieser Hinsicht ein ganz wichtiges Gebetsanliegen.

Liebe Gemeinde, eine Familie geht kaputt. Um diese Aussage geht es heute erst einmal. Und ich möchte hier nicht vorwegnehmen, was dann das Gleichnis vom Vater und den zwei Söhnen umkehrt und versöhnlich, ja sogar beispielhaft für uns verändert.

Aber ich darf Euch und mir zum Trost sagen: So wie der Vater im Gleichnis hier seinen Sohn in Gedanken begleitet hat und wie er ihm am Ende entgegenläuft und alles sofort vergibt – so steht Gott an der Seite aller Väter und Mütter hier und hilft und segnet und bewahrt und vergibt und führt – obwohl wir vieles so schlecht machen, dass wir uns so oft vor uns selber schämen müssten, wenn wir immer ehrlich wären. – Es wird ja dennoch so vieles so gut mit unseren Familien. Und aus den Fehlern der Eltern kann man als Kind und Heranwachsender Gott sei Dank so viel lernen und es dann in der eigenen Familie besser machen. Ich kann mich doch von zerstörerischen Lebensmottos in meiner Ursprungsfamilie trennen („Jeder ist sich selbst der Nächste; wer seine Kinder liebt, der züchtigt sie; bei uns wird pariert; ganz oder gar nicht!“) Ich kann heil werden durch Gebet und Gottes Kraft zum Mich Verändern. Gott sei Dank. Gott sei Dank.

Aber – um die Umkehr geht es erst in der kommenden Woche. Und am 4. März wird Klaus Gundelbacher darüber predigen.

Für heute aber heißt es noch:

Der Sohn geht. In den Taschen das Erbe. Die Fremde lockt. Er geht. Leuchtende Augen und ein Lächeln auf seinen Lippen.
Gerade und leicht geht der Weg dahin. Die Luft ist mild. Es riecht nach Linden und Sommer. Was kostet die Welt!

Aber – das süße Leben fordert sein Opfer. Endstation Schweinestall. – Hier steht die Luft. Es stinkt nach Schwein. Die grunzenden Schnauzen wühlen im Trog. Dazwischen eine Hand. Sie versucht, etwas Essbares zu erhaschen. Endstation Schweinestall. – Gott sei Dank aber heißt es dann: Fortsetzung folgt!

Amen

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