#GaK2018 | Woche 3: Wie Versöhnung geht

#GaK2018 | Predigt | Wie Versöhnung geht

Biblische Versöhnung – wie sieht sie aus? Was unterscheidet sie von Versöhnung allgemein?

Wir erleben ja immer wieder, dass wir schuldig werden oder dass andere an uns schuldig werden – im Beruf, in der Ehe, in Freundschaften, in der christlichen Gemeinde – ganz abgesehen von der Schuld Gott gegenüber.

Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Wie Versöhnung geht
Reihe
Gemeinsam auf Kurs 2018
Datum
11.03.2018
Länge
25:01
Bibelstelle
Lukas 15, 12-15; 1. Mose 45, 1-15
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

12 Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne. Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht. Da teilte der Vater das Vermögen auf.
13 Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.
14 Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über das Land und es ging ihm sehr schlecht.
15 Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.

1 Josef vermochte sich vor all den Leuten, die um ihn standen, nicht mehr zu halten und rief: Schafft mir alle Leute hinaus! So stand niemand bei Josef, als er sich seinen Brüdern zu erkennen gab.
2 Er begann so laut zu weinen, dass es die Ägypter hörten; auch am Hof des Pharao hörte man davon.
3 Josef sagte zu seinen Brüdern: Ich bin Josef. Ist mein Vater noch am Leben? Seine Brüder waren zu keiner Antwort fähig, weil sie fassungslos vor ihm standen.
4 Josef sagte zu seinen Brüdern: Kommt doch näher zu mir her! Als sie näher herangetreten waren, sagte er: Ich bin Josef, euer Bruder, den ihr nach Ägypten verkauft habt.
5 Jetzt aber lasst es euch nicht mehr leid sein und grämt euch nicht, weil ihr mich hierher verkauft habt. Denn um Leben zu erhalten, hat mich Gott vor euch hergeschickt.
6 Ja, zwei Jahre sind es jetzt schon, dass der Hunger im Land wütet. Und noch fünf Jahre stehen bevor, in denen man weder pflügen noch ernten wird.
7 Gott aber hat mich vor euch hergeschickt, um von euch im Land einen Rest zu erhalten und viele von euch eine große Rettungstat erleben zu lassen.
8 Also nicht ihr habt mich hierher geschickt, sondern Gott. Er hat mich zum Vater für den Pharao gemacht, zum Herrn für sein ganzes Haus und zum Gebieter über ganz Ägypten.
9 Zieht eiligst zu meinem Vater hinauf und meldet ihm: So hat dein Sohn Josef gesagt: Gott hat mich zum Herrn für ganz Ägypten gemacht. Komm herunter zu mir, lass dich nicht aufhalten!
10 Du kannst dich im Gebiet von Goschen niederlassen und wirst in meiner Nähe sein, du mit deinen Söhnen und deinen Kindeskindern, mit deinen Schafen und Ziegen, mit deinen Rindern und mit allem, was dir gehört.
11 Dort werde ich für dich sorgen; denn noch fünf Jahre dauert die Hungersnot. Du mit deinem Haus und allem, was dir gehört, du brauchst dann nicht zu darben.
12 Ihr und mein Bruder Benjamin, ihr seht es ja mit eigenen Augen, dass ich wirklich mit euch rede.
13 Erzählt meinem Vater von meinem hohen Rang in Ägypten und von allem, was ihr gesehen habt. Beeilt euch und bringt meinen Vater her!
14 Er fiel seinem Bruder Benjamin um den Hals und weinte; auch Benjamin weinte an seinem Hals.
15 Josef küsste dann weinend alle seine Brüder. Darauf unterhielten sich seine Brüder mit ihm.

Predigt

1. Biblische Versöhnung heißt zunächst : Rückblick auf einen Weg gegenseitigen Fehlverhaltens

Als Joseph von seinen Brüdern angegriffen, in eine leere Zisterne geworfen und schließlich an eine Karawane verkauft wird zum Sklaventransport nach Ägypten, da ist ein Konflikt auf seinem Höhepunkt angekommen. Da ist ein Weg gegenseitigen Fehlverhaltens ohne Korrektur weitergegangen bis zu diesem schrecklichen Augenblick: 11 Brüder verkaufen den 12. Bruder an fremde Händler, um ihn für immer und ewig los zu sein. 11 Menschen werden schuldig an dem einen. Nur – aus purer Bosheit und aus heiterem Himmel kommt so ein Konflikt nicht.
11 Menschen beseitigen einen Bruder, der sie über Jahre gequält hat mit seiner bodenlosen Arroganz.
11 Menschen lassen den Lieblingssohn ihres Vaters verschwinden, der ihnen die Liebe Jakobs streitig gemacht hat.
11 Menschen wollen endlich wieder frei sein von dem Vatersöhnchen, das sie immer wieder verpetzt hat.

Und da wird er deutlich, der Weg gegenseitigen Fehlverhaltens. Auch Arroganz ist Schuld. Und Joseph trägt nun ihre Folgen.
Aber mehr noch – auch ein Lieblingssohn hat einen Vater, der ihn dazu gemacht hat. Jakob ist schuldig geworden an Ruben, Levi, Juda und all den anderen, die sich betrogen fühlten um die Liebe ihres Vaters. Der Schmerz über seinen vermeintlich getöteten Sohn Joseph und diese Lüge seiner 11 Söhne ist der Preis, den Jakob für sein Versagen als Vater zu zahlen hat.

In den wenigsten Fällen, die menschliches Zusammenleben betreffen, ist der eine total schuldig und der andere total unschuldig. Und ich meine jetzt natürlich nicht Situationen wie die, wo ein Mörder seinem Zufallsopfer auflauert und es rücksichtslos umbringt. Ich meine die Situationen, in denen wir uns so oft befinden oder in die wir hineinkommen können.
Ein aufsässiges Kind ist nicht nur ein schlechtes Kind, das die Liebe seiner Eltern mit Füßen tritt. Vielleicht ist es auch ein Kind, das deutlich macht,, dass seine Eltern bei aller Liebe mitschuldig sind an der Aufsässigkeit – weil man nämlich mit tollen Geschenken und Geld keine Liebe ersetzen kann.
Der Ehebruch mag ein schrecklicher Endpunkt sein – der Endpunkt aber einer Ehe, in der beide einander einsam und suchend gemacht haben nach mehr Erfüllung, weil jeder zu lange zu wenig an den anderen und zuviel an sich selber gedacht hat.
Der Konflikt in der Gemeinde – auch er hat mit mindestens zwei Menschen zu tun, die jeder für sich, Anteil an diesem Konflikt haben – auch ihren Anteil an Schuld!

Glauben wir doch nicht, dass uns solche Wege auf Dauer erspart blieben. Biblische Versöhnung heißt: Rückblick auf einen Weg gegenseitigen Fehlverhaltens. Und es ist schon so viel gewonnen, wenn dieser Blick gewagt wird, und wenn die Einsicht wach wird: „Ich habe ja auch meinen Anteil Schuld.“

Schauen wir kurz einmal in das Gleichnis in Lukas 15. Der jüngere Sohn kann erst da den Weg der Versöhnung mit seinem falschen Weg und mit seinem Vater beschreiten, als er sich und sein Fehlverhalten erkannt hat. Er schaut zurück – und dann beginnt er nach vorn zu schauen. Und der Weg der Versöhnung beginnt.

2. Biblische Versöhnung kennt keine Sieger und Besiegten, sondern Menschen in einer Haltung der Demut

Vielleicht erinnern wir uns an Erfahrungen von Vergebung, wo sich ein anderer bei uns entschuldigt hat. Und das tat ja so gut. Da konnten wir großzügig sagen: „Alles klar. Sprechen wir nicht mehr drüber.“

Und – wir waren oben, und der andere war unten.
Oder wir erinnern uns an Erfahrungen, wo wir danach den bitteren Geschmack auf der Zunge hatten, als wir um Vergebung baten. Welche Kraft hatte es uns gekostet, an diesen Punkt zu kommen. Wie viel Gebet vielleicht. Wie viel Bereitschaft zur Demut. Und dann – nahm der andere unsere Versöhnungsbitte an. Er nahm an – und das war´s dann auch schon. Wir waren unten, und der andere war oben.
In einer solchen Situation kommt uns dann vielleicht der Gedanke: „Pah! Du hattest doch auch Deinen Anteil an dem Konflikt. Nur – ich kann mit Spannungen schlechter leben als Du. Und Du weißt das – und gewinnst, weil Du länger warten kannst.“

Was ist das dann eigentlich? Echte Versöhnung? Biblische Versöhnung jedenfalls nicht! Versöhnung, die Jesus Christus stiftet, kennt keine Sieger und Besiegten, sondern nur Menschen in einer Haltung der Demut. Menschen, die im Blickfeld behalten: auch ich werde laufend schuldig. Auch ich brauche Vergebung. Auch jetzt, wo der andere mich um Vergebung bittet. Auch jetzt verdient der andere meine demütig ausgestreckte Hand: „Bitte vergib Du auch mir!“.

Jesus Christus möchte beides: er möchte, dass wir einander Gelegenheit geben, um Vergebung zu bitten. Wehe dem, der dem nicht vergibt, der ihn ehrlich darum bittet.
Aber auch das andere möchte er: dass wir einander Gelegenheit geben zu vergeben. Bitte hören Sie: es gehört zum Reichtum menschlichen Lebens und zur geistlichen Bewältigung von Konflikten, einem anderen Menschen auch vergeben zu dürfen. Denn vergeben dürfen heißt: der andere nimmt meine Verletzungen ernst. Er sieht nicht nur seine Wunden. Er sieht auch, dass ich leide oder gelitten habe. An ihm, an seinem Verhalten, an seiner verletzenden Reaktion während des Streites usw.

Darum ist dieser so wichtige Schritt zum Verheilen eines Konfliktes: wir bitten einander um Vergebung. Wir erkennen auch die Verletzung beim anderen. Und wir verbinden sie und tun einander wohl.

Ich bin mir sicher , dass an dieser Stelle die größten Verwundungen bestehen bleiben – unter den Menschen allgemein, aber auch in der christlichen Gemeinde. Wir erwarten, dass der andere auf uns zukommt und uns wohl tut, und glauben uns total im Recht. Aber wir spüren nicht, wie wir den anderen zum Besiegten machen wollen und selber Sieger bleiben möchten. Und wir entwickeln Verhaltensmuster, die – oft auch für uns selber undurchschaubar – uns nur absichern sollen vor dem Augenblick, da wir selber sagen müssten: „Ja, auch ich bin an Dir schuldig geworden. Bitte vergib Du mir.“

Diese Art der Versöhnung erleben wir im Gleichnis vom Vater und seinen Söhnen so nicht. Deshalb brauchen wir hier den Blick auf Josef und seine Brüder damals. Aber in dem Gleichnis in Luk 15 erleben wir diese Gesten anders.
Der jüngere Sohn demütigt sich tief und bittet um Vergebung. – Der Vater hat keinen Grund zu sagen: Bitte vergibt Du mir auch. Aber er tut etwas anderes, heilendes: er eilt seinem Sohn entgegen, er nimmt ihn in den Arm und hält ihn ganz fest. Er zeigt ihm seine Liebe und seine Freude über diesen Augenblick. Das ist der Heilsame Augenblick in Lukas 15. Das ist Versöhnung. Das ist der neue gemeinsame Weg.

3. Biblische Versöhnung bedarf der Vergewisserung und Liebe (1. Mo 50, 15-21)

Sehr realistisch wird das hier in 1. Mo 50 geschildert:
Als ihr Vater Jakob gestorben ist, bekommen die 11 Brüder Angst. Sie spüren: Joseph hat es jetzt nicht mehr nötig, Rücksicht auf seinen Vater zu nehmen. Sollte also tief in seinem Herzen noch Groll stecken – jetzt könnte er losschlagen.
Und dann stehen diese Männer vor ihrem Bruder und versuchen, ihn freundlich zu stimmen.
Wie schwer haben wir Menschen es doch oft, die Wahrhaftigkeit unserer Gefühle und Handlungen deutlich zu machen – besonders dann, wenn es um Versöhnung geht. Schlimm, wenn einer wieder unsicher wird, wie der andere zu ihm steht; ob die Aussprache wirklich alles geklärt hat; ob der andere wirklich in Versöhnung mit mir lebt? Ob er auch wirklich gute Gedanken für mich hegt?

Und wie die Brüder bei Joseph nach Zeichen seiner Liebe zu ihnen gesucht haben werden, so suchen wir beim anderen nach Zeichen dafür, dass wir mit ihm in Frieden leben können. Und machen es uns oft so schwer.

Nur: hier wird ja auch etwas deutlich: auch biblische Versöhnung bedarf der Vergewisserung und Liebe – und dazu sind Taten, Worte und Gesten so wichtig.
Es genügt eben nicht, sich, vor allem nach einem schweren Konflikt, einander vergeben zu haben, vor Zeugen sogar vielleicht.
Es genügt eben nicht, sich gegenseitig einmal zu bekennen: Ja, wir haben wieder Vertrauen zueinander aufgebaut. Wir haben eine neue Basis des gemeinsamen Lebens gefunden. Belastetes Vertrauen muss wieder neu anwachsen, muss neu fest werden. Das braucht ja auch Zeit.
Deshalb: auch biblische Versöhnung ist mit dem gegenseitigen Vergeben nicht beendet. Sie braucht Gesten der Liebe, der Vergewisserung: Ja, wir sind einander wieder gut. Jesus ist unser gemeinsamer Herr. Und seine Liebe bestimmt uns jetzt.

Und diese Vergewisserung schafft der Vater im Gleichnis in Luk 15, indem er den Sohn neu einkleidet, indem er ihm den Siegelring gibt, indem er ein rauschendes Fest vorbereitet. Sein Sohn soll wissen: alles ist jetzt gut. Versöhnung hat wirklich stattgefunden. Nichts muss mehr gesagt werden. Alles ist gut. – Und die Zukunft kann ganz neu gestaltet werden zwischen Sohn und Vater. Herrlich, nicht? Biblische Versöhnung!

4. Biblische Versöhnung heißt: Hinter allem verläuft Gottes barmherziger Weg mit uns

Joseph zeigt damals, als seine Brüder nach dem Tod ihres Vaters sorgenvoll zu ihm kommen, zurück in die Vergangenheit. Und indem er das tut, wird noch einmal deutlich, dass Gott aus diesem arroganten Vatersöhnchen einen demütigen Diener Gottes gemacht hat. Joseph sagt seinen Brüdern:

„Schaut, ich stehe doch unter Gott. Ich habe kein Recht, Euch zu richten oder mich an Euch zu rächen. Wer bin ich denn? Ein Diener Gottes so wie Ihr. Und dass ich unter Pharao zum zweiten Mann im Staat geworden bin, das verdanke ich doch nicht meinen Qualifikationen allein, sondern in erster Linie Gott.
Seht doch: Gott hat durch Euer Versagen an mir seinen wunderbaren Plan durchgeführt. Damit wir alle überleben konnten in der Hungersnot, bin ich jetzt Großwesir in Ägypten.
Wo Ihr mir schaden wolltet, habt Ihr Euch selber und – oh Gnadenwunder Gottes – auch mir genützt. `Ihr gedachtet es böse mit mir zu machen, aber Gott gedachte es gut zu machen, um zu tun, was jetzt am Tage ist, nämlich am Leben zu erhalten ein großes Volk.´“

Diese Versöhnung zwischen Joseph und seinen Brüdern schafft veränderte Menschen.

Wir wissen nicht, wie das mit dem Vater und den beiden Söhnen weitergegangen ist nach diesem Versöhnungsfest. Aber ich glaube: auch hier kam es zu einer tiefgehenden Veränderung – durch die versöhnende Liebe des Vaters. Da werden Menschen heil. Denn: Biblische Versöhnung heißt: hinter allem verläuft Gottes barmherziger Weg mit uns.

Vielleicht hilft uns diese Einsicht schließlich auch, das Schwerste zu vergeben und neu miteinander anzufangen – in Demut, in Liebe, mit wachsendem neuen Vertrauen. Denn dazu hat Gott letztlich diesen Weg biblischer Versöhnung unter Menschen geschenkt. Und wie ernst es ihm damit selber ist – den Beweis ist Gott uns ja nicht schuldig geblieben. Jesus Christus hat sich in seiner Versöhnungsliebe vor 2000 Jahren an ein Kreuz schlagen lassen, damit Gott uns auch das Schwerste vergeben und neu mit uns anfangen konnte – bis heute.

Gott segne Sie, Gott segne Euch alle – mit einem Leben in heiliger biblischer Versöhntheit.

Amen

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