Uhr. Symbolbild für die Frage, ob Gott zu spät kommt.

Kommt Gott zu spät?

Die Uhr tickt. Die Lage spitzt sich zu. Das Zeitfenster, in dem etwas passieren könnte, um das Unglück noch aufzuhalten, wird immer kleiner. Wenn Gott eingreifen wollte, dann müsste er es jetzt tun. Viel Zeit ist nicht mehr, sonst ist es zu spät.

Geschätzte Lesezeit: 11 Minuten

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Kommt Gott zu spät?
Reihe
Datum
29.04.2018
Länge
35:58
Bibelstelle
Johannes 11, 1-44
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

1 Ein Mann war krank, Lazarus aus Betanien, dem Dorf, in dem Maria und ihre Schwester Marta wohnten.
2 Maria ist die, die den Herrn mit Öl gesalbt und seine Füße mit ihrem Haar abgetrocknet hat; deren Bruder Lazarus war krank.
3 Daher sandten die Schwestern Jesus die Nachricht: Herr, dein Freund ist krank.
4 Als Jesus das hörte, sagte er: Diese Krankheit wird nicht zum Tod führen, sondern dient der Verherrlichung Gottes: Durch sie soll der Sohn Gottes verherrlicht werden.
5 Denn Jesus liebte Marta, ihre Schwester und Lazarus.
6 Als er hörte, dass Lazarus krank war, blieb er noch zwei Tage an dem Ort, wo er sich aufhielt.
7 Danach sagte er zu den Jüngern: Lasst uns wieder nach Judäa gehen.
8 Die Jünger entgegneten ihm: Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen und du gehst wieder dorthin?
9 Jesus antwortete: Hat der Tag nicht zwölf Stunden? Wenn jemand am Tag umhergeht, stößt er nicht an, weil er das Licht dieser Welt sieht;
10 wenn aber jemand in der Nacht umhergeht, stößt er an, weil das Licht nicht in ihm ist.
11 So sprach er. Dann sagte er zu ihnen: Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn aufzuwecken.
12 Da sagten die Jünger zu ihm: Herr, wenn er schläft, dann wird er gesund werden.
13 Jesus hatte aber von seinem Tod gesprochen, während sie meinten, er spreche von dem gewöhnlichen Schlaf.
14 Darauf sagte ihnen Jesus unverhüllt: Lazarus ist gestorben.
15 Und ich freue mich für euch, dass ich nicht dort war; denn ich will, dass ihr glaubt. Doch wir wollen zu ihm gehen.
16 Da sagte Thomas, genannt Didymus (Zwilling), zu den anderen
Jüngern: Dann lasst uns mit ihm gehen, um mit ihm zu sterben.
17 Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.
18 Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt.
19 Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.
20 Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus.
21 Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
22 Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.
23 Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.
24 Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Letzten Tag.
25 Jesus erwiderte ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,
26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?
27 Marta antwortete ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.
28 Nach diesen Worten ging sie weg, rief heimlich ihre Schwester Maria und sagte zu ihr: Der Meister ist da und lässt dich rufen.
29 Als Maria das hörte, stand sie sofort auf und ging zu ihm.
30 Denn Jesus war noch nicht in das Dorf gekommen; er war noch dort, wo ihn Marta getroffen hatte.
31 Die Juden, die bei Maria im Haus waren und sie trösteten, sahen, dass sie plötzlich aufstand und hinausging. Da folgten sie ihr, weil sie meinten, sie gehe zum Grab, um dort zu weinen.
32 Als Maria dorthin kam, wo Jesus war, und ihn sah, fiel sie ihm zu Füßen und sagte zu ihm: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
33 Als Jesus sah, wie sie weinte und wie auch die Juden weinten, die mit ihr gekommen waren, war er im Innersten erregt und erschüttert.
34 Er sagte: Wo habt ihr ihn bestattet? Sie antworteten ihm: Herr, komm und sieh!
35 Da weinte Jesus.
36 Die Juden sagten: Seht, wie lieb er ihn hatte!
37 Einige aber sagten: Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?
38 Da wurde Jesus wiederum innerlich erregt und er ging zum Grab. Es war eine Höhle, die mit einem Stein verschlossen war.
39 Jesus sagte: Nehmt den Stein weg! Marta, die Schwester des Verstorbenen, entgegnete ihm: Herr, er riecht aber schon, denn es ist bereits der vierte Tag.
40 Jesus sagte zu ihr: Habe ich dir nicht gesagt: Wenn du glaubst, wirst du die Herrlichkeit Gottes sehen?
41 Da nahmen sie den Stein weg. Jesus aber erhob seine Augen und sprach: Vater, ich danke dir, dass du mich erhört hast.
42 Ich wusste, dass du mich immer erhörst; aber wegen der Menge, die um mich herum steht, habe ich es gesagt; denn sie sollen glauben, dass du mich gesandt hast.
43 Nachdem er dies gesagt hatte, rief er mit lauter Stimme: Lazarus, komm heraus!
44 Da kam der Verstorbene heraus; seine Füße und Hände waren mit Binden umwickelt, und sein Gesicht war mit einem Schweißtuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden und lasst ihn weggehen!

Predigt

Das ist eine Situation, die viele kennen: Menschen, die dringend einen neuen Job brauchen, die auf den Partner fürs Leben warten, die sich nach einer Versöhnung sehnen oder auch jemand, der unheilbar krank ist. Viele beten dann: „Gott, warum änderst du es nicht?“ Und das „es“, um das es dabei geht, hat vielerlei Gestalt. Dieses „es“ kann ein Mensch sein, eine Diagnose, eine verfahrene Lage im Beruf oder auch eine Zukunftsangst.

Die Bibel ist voll von Menschen, die sich mit irgendeinem „es“ herumschlagen, das Gott dringend ändern müsste. Dazu gehören die drei Geschwister Lazarus, Maria und Marta, von denen das Johannesevangelium in Kapitel 11 berichtet. Sie machen die bestürzende Erfahrung, dass in ihr Leben nicht einfach irgendein „es“ eingedrungen ist, das Gott nun ändern soll. Vielmehr erschafft Jesus dieses „es“ erst, und zwar deshalb, damit man dadurch glauben lernt.

Aber der Reihe nach: Lazarus ist schwer krank. Jesus ist zu dieser Zeit ungefähr zwei Tagesreisen weit entfernt. Die beiden Schwestern schicken einen Boten zu Jesus: „Herr, der, den du lieb hast, ist sehr krank“ (Johannes 11,3).
Es ist auffällig, dass sie gar keinen Namen nennen – das „Codewort“ reicht: „der, den du lieb hast“. Man kann daraus zweierlei Schlussfolgerungen ziehen. Zum einen: Die Freundschaft zwischen Jesus und diesen drei Geschwistern ist wirklich so eng, dass sofort klar ist, wer gemeint ist. Lazarus ist nun einmal der, den Jesus lieb hat. Zum anderen könnte aber auch ein gewisser Unterton mitschwingen: Du weißt doch, wer dich jetzt braucht! Du hast schon so vielen Fremden geholfen, sogar römischen Soldaten, allen möglichen hast du geholfen – und jetzt braucht derjenige, den du lieb hast, deine Hilfe!

Es ist, als ob die Schwestern gute Gründe anführen wollten, dass Jesus jetzt unverzüglich helfen soll. Eine ziemlich menschliche Regung, dass man Gott sagen will: „Du weißt doch, dass ich mit Jesus unterwegs bin. Dass ich dir immer Loblieder singe. Dass ich in der Kirche mitarbeite. Dass ich dort sogar anstrengende Arbeiten übernehme und meine Nerven lasse. Findest du nicht, jetzt bin ich auch mal dran, wenn ich dich brauche?“

Jesus allerdings steigt auf diese Ebene nicht ein. Er reagiert auf die Nachricht von der Krankheit seines Freundes völlig anders:

„Lazarus‘ Krankheit wird nicht zum Tode führen; sie dient vielmehr der Verherrlichung Gottes. Der Sohn Gottes wird durch sie verherrlicht werden“. (Vers 4). Mit anderen Worten: Jesus weiß um das Problem. Ihm ist das „es“ von Lazarus bekannt, das eigentlich jetzt geändert werden müsste. Aber für Jesus ist dieses „es“, diese Krankheit, nichts, was er schnell „wegmachen“ will. Sie hat vielmehr einen Sinn. Man soll die Herrlichkeit Jesu erkennen können. Jesus kümmert sich noch nicht darum, das Problem zu beheben.

Und diese Reaktion von Jesus zeigt etwas Grundlegendes, nämlich: Gottes Verspätung bedeutet nicht: Gottes Ablehnung. Nur weil er jetzt gerade nicht wunschgemäß antwortet, heißt das nicht, dass er’s nie tun wird. Vielleicht will Gott durchaus das tun, was man so sehnlichst will. Aber er will es jetzt noch nicht tun. Manchmal gibt es so etwas wie eine heilige Verspätung. Es ist, als ob Jesus in Vers 4 sagen wollte:

„Vielleicht will Gott erst etwas in dir tun, bevor er etwas für dich tut.“ Wenn Gott etwas nicht tut oder noch nicht tut, hat er jedenfalls einen Grund dafür.

Der Bote, den die Schwestern zu Jesus geschickt haben, bekommt kein Signal, dass Jesus auf sein Anliegen eingehen will. Zunächst ist das eine Abfuhr. – Doch zugleich haben wir hier eine derjenigen Bibelstellen, die man aufmerksam lesen muss. Gerade hier, nachdem sich Jesus eher unkooperativ zeigt, schaltet das Johannesevangelium eine Art Zwischenbemerkung ein: „Jesus hatte Marta, Maria und Lazarus lieb“ (Vers 5).

Warum jetzt dieser Einschub? Nun, weil der Fortgang des Berichts einen genau daran zweifeln lassen kann: dass Jesus die drei lieb hat. So verstörend es auch ist, wie Jesus sich verhalten wird – es liegt nicht daran, dass es an der Liebe von Jesus fehlen würde. Aber verstörend ist es in der Tat, was nun folgt. Jesus wartet noch zwei volle Tage, bis er sich auf den Weg macht. Und dieser Weg wird ja auch noch zwei Tagesreisen dauern.

Die Uhr tickt. Die Lage spitzt sich zu. Wird Lazarus so lange durchhalten? – Für Jesus ist das keine Frage. Jesus weiß und spricht dann gegenüber seinen Jünger davon, dass sein Freund es eben nicht durchstehen wird. „Lazarus ist tot!“ Es ist nicht gerade einfühlsam, wie Jesus seinen Jüngern diese Nachricht hinwirft. Doch seine anschließenden Worte sind noch viel schroffer und unsensibler – eine verbale Ohrfeige geradezu: „Euretwegen bin ich froh, dass ich nicht dort war.“ Man möchte den Atem anhalten: Jesus, was kann so wichtig sein, dass du den sterben lässt, den du liebst? Warum bist du froh darüber? Die Antwort: „Weil ihr so einen weiteren Grund haben werdet, an mich zu glauben. Kommt, wir wollen zu ihm gehen“ (Vers 15).

Der Freund von Jesus stirbt, aber Jesus geht es gar nicht um ihn, sondern um eine Lektion für seine Jünger! Was passiert hier gerade? Jesus erschafft ein „es“ – also so eine Situation, in der wir denken: Gott, warum änderst du „es“ nicht? Und zwar erschafft er ein „es“, damit seine Jünger verstehen, wer er in solchen Situationen ist.

Was aber ist zwischenzeitlich mit denen, die am Rande der Verzweiflung stehen? Führen wir es uns vor Augen: Lazarus lag im Bett. Er kämpfte mit einer schweren Krankheit, ohne Morphin, ohne irgendwelche Medikamente, ohne Maschinen, die es ihm leichter machen.

Wahrscheinlich wusste man noch nicht mal, was er für eine Krankheit hatte, aber er litt darunter. Seine Schwestern saßen bei ihm am Bett, pflegten ihn, wischten ihm den Schweiß von der Stirn und sagten immer wieder: „Lazarus, halte durch, wir haben einen Boten zu Jesus geschickt. Er weiß, dass du es bist, er wird von dir erfahren, er wird dir zur Hilfe kommen.“ Sie warteten und warteten. Und dann kam der Bote angerannt: „Ich habe ihn gefunden, ich hab’s ihm erzählt, seine Jünger waren auch da, er wird gleich kommen! Er wird mit Sicherheit gleich da sein!“ Und Maria und Marta: „Lazarus, Lazarus, hast du das gehört? Er hat unsere Nachricht bekommen. Er weiß, dass du Hilfe brauchst. Glaube, vertraue, er wird kommen, er wird helfen.“ Vielleicht haben sie sich in der Zeit aufgeteilt. Eine der Schwestern wartete draußen auf Jesus, eine saß bei Lazarus und ermutigte ihn: „Halte durch, Jesus kommt!“ Sie warteten – und sahen zu, wie Lazarus starb.

Die Auferweckung des Lazarus nun ist im Johannesevangelium nicht nur ein beeindruckendes Wunder, mit dem Jesus erweist, dass er Gottes Sohn ist. Gerade dieses Wunder hat im Nachhinein so viele Wellen geschlagen, dass die Jerusalemer Führungsschicht Jesus beseitigen wollte (Johannes 11,47-53; 12,9-11.17-19).

Das durch dieses Wunder erregte Aufsehen war für sie nicht hinnehmbar. Indem Jesus also Lazarus zunächst sterben ließ und ihn dann auferweckte, hat er nicht nur Maria und Marta Leiden zugemutet, sondern dieses Wunder führte direkt in sein eigenes Leiden. –

Lazarus also ist tot. Irgendwann sagen die Freunde dann: „Maria, Marta, wir müssen euren Bruder jetzt beerdigen.“ Schließlich fingen sie an, Lazarus in Leinentücher zu wickeln und ins Grab zu legen. Sie wälzten den Stein davor und trauerten. Aber kein Jesus. Eine Situation, die leider nicht nur damals vorkam, sondern seitdem unzählige Male: Kein Jesus da!

Erst vier Tage später kommt er. Warum? –
Der Zeitraum von drei Tagen nach dem Tod eines Menschen hat eine besondere Bedeutung. Innerhalb dreier Tage ist es laut dem Talmud denkbar, dass die Seele in den Verstorbenen zurückkehrt. Erst nach Ablauf von drei Tagen konnte man einen Scheintod sicher ausschließen. Vier Tage nach dem Sterben musste ein Leichnam demnach als unwiderruflich tot gelten. –

Jetzt also, nach vier Tagen, besitzt Jesus die Frechheit zu kommen, nachdem das Begräbnis vorbei ist und andere mit den Schwestern die Totenklage halten mussten, weil ihr Freund Jesus fehlte. Das soll der Retter der Welt sein?

Marta rennt ihm entgegen. Sie wirft ihm all ihre Enttäuschung an den Kopf: „Herr, wärst du hier gewesen, so wäre mein Bruder nicht gestorben. Aber auch so weiß ich, Gott wird dir alles geben, was auch immer du ihn bittest“ (Vers 22).

Jesus fängt an, von der Auferstehung zu sprechen – und davon, dass er, Jesus, es ist, der das ewige Leben gibt. Marta glaubt ihm das. Sie formuliert es in einem einzigartigen Glaubensbekenntnis, das übrigens sehr stark dem des Petrus ähnelt: „Du bist Christus, der Sohn des lebendigen Gottes“ (Matth. 16,16)

Lazarus allerdings ist immer noch tot. Welchen Sinn soll das ganze Reden von der Auferstehung also nun haben?

Die Schwestern hatten die Erwartung, dass Jesus kommt und heilt. Und dann hat zumindest Marta die Erwartung, dass ihr Bruder auferstehen und Leben in der Ewigkeit haben wird.

Wäre alles gut gewesen, wenn Jesus diese Erwartungen erfüllt hätte? Ich glaube, wenn Gott immer nur unsere Erwartungen erfüllt, hat er nie die Möglichkeit, sie zu übertreffen. Das kann der Sinn dabei sein, dass Jesus so lange gezögert hat: Er wollte mehr tun als „nur“ die Erwartungen seiner Freunde zu erfüllen. Er wollte sie übertreffen!

Aber – noch ist es nicht so weit. Noch trauern Maria und Marta. Erneut streut das Johannesevangelium eine Notiz ein, die man keinesfalls überlesen sollte: „Als Jesus die weinende Maria und die Leute sah, die mit ihr trauerten, erfüllten ihn Zorn und Schmerz“ (Vers 33). Und wenig später: „Da weinte Jesus“ (Vers 35). Diese Einzelheiten des Berichts sind entscheidend für jeden, der gerade im Wartezimmer Gottes sitzt und denkt: Gott, wann bin ich dran? Wann nur, wann? – Jesus weint mit. Es ist nicht so, dass Jesus Katz und Maus mit uns spielt. Er weiß, wie wir empfinden. Er weiß um unsere Situation. Er leidet mit. Aber er kennt auch das Ziel und er weiß, was er vorhat.

Und dann – jetzt endlich – schreitet Jesus zur Tat. Man soll das Grab öffnen. Marta wendet ein, dass der Gestank nach vier Tagen schrecklich sein muss. Jesus antwortet: „Habe ich dir nicht gesagt, dass du die Herrlichkeit Gottes sehen wirst, wenn du glaubst?“ (Vers 40). Damit knüpft Jesus nicht nur an den kurzen Dialog mit Marta an, als sie ihm entgegengegangen war. Er greift auch das auf, was er ganz am Anfang zu seinen Jüngern sagte: Diese Krankheit dient zur Verherrlichung Gottes.

Nun also ist es so weit Jesus betet und nennt dabei noch einmal das Ziel, um das es ihm geht: damit alle, die hier sind, glauben, dass Gott ihn gesandt hat. Dann ein lauter Ruf – und der eben noch Tote, von Grabtüchern umwickelt, kommt heraus. Jesus hat gezeigt, dass er das kann, was man von ihm erwartet hat, ja, dass er noch viel mehr kann.

Die Zumutungen, vor die Jesus seine Jünger und seine beiden Freundinnen stellte, liegen wie schwere Steine im Verlauf dieses biblischen Berichts: diese schroffen Antworten, die unerträgliche Verzögerung, die anfängliche Konzentration auf die Jünger anstatt auf den Todkranken.

Aber die Schlussfolgerungen, die Menschen, sozusagen im Wartezimmer Gottes, aus diesem Bericht ziehen können, sind wie Perlen auf der Schnur des biblischen Berichts aufgefädelt. Schauen wir sie uns am Ende dieser Predigt noch einmal an:

  • Gottes Verspätung bedeutet nicht, dass er unser Anliegen ablehnt.
  • Manchmal will Gott erst etwas in uns tun, bevor er etwas für uns tut.
  • Gott erschafft ein „es“, das wir am liebsten loswerden möchten, während er zeigen will, wer er in solchen Situationen ist.
  • Wenn Gott immer unsere Erwartungen erfüllt, hat er keine Möglichkeit, sie zu übertreffen.
  • Jesus teilt den Schmerz derer, die über schlimme Verluste trauern. Kommt Gott zu spät? Es kann in unserem Leben lange Zeit so scheinen. Doch am Ende ist Gottes Zeitrechnung die bessere.

Und weißt du:
Gott segne mich und Dich in den entscheidenden Momenten unseres Lebens mit der Geduld, die wir brauchen, um wirklich Wichtiges zu lernen – von Jesus.

In vierzehn Tagen möchte ich gern noch einmal über Joh 11 predigen. Aber mit veränderten Vorzeichen. Lasst Euch dann überraschen.

Amen

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