Burg mit Blick in den Himmel

Ein feste Burg ist unser Gott

Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen. Dieses Lied hat den Liederdichter Martin Luther berühmt gemacht. Und wer schon einmal in Wittenberg war, hat diese Worte rund um den massigen Schlossturm verfolgen können. Dort sind sie rundherum aufgeführt.
Geschätzte Lesezeit: 8 Minuten

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Ein feste Burg ist unser Gott – Ein Lied von Martin Luther
Reihe
Datum
10.06.2018
Länge
26:16
Bibelstelle
Psalm 46
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

1 Ein Lied der Korachiter, vorzusingen, nach der Weise »Junge Frauen«. 2 Gott ist unsre Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in den großen Nöten, die uns getroffen haben. 3 Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge und die Berge mitten ins Meer sänken, 4 wenngleich das Meer wütete und wallte und von seinem Ungestüm die Berge einfielen. Sela. 5 Dennoch soll die Stadt Gottes fein lustig bleiben mit ihren Brünnlein, da die heiligen Wohnungen des Höchsten sind. 6 Gott ist bei ihr drinnen, darum wird sie fest bleiben; Gott hilft ihr früh am Morgen. 7 Die Völker müssen verzagen und die Königreiche fallen, das Erdreich muss vergehen, wenn er sich hören lässt. 8 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Sela. 9 Kommt her und schauet die Werke des HERRN, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet, 10 der den Kriegen ein Ende macht in aller Welt, der Bogen zerbricht, Spieße zerschlägt und Wagen mit Feuer verbrennt. 11 Seid stille und erkennet, dass ich Gott bin! Ich will mich erheben unter den Völkern, ich will mich erheben auf Erden. 12 Der HERR Zebaoth ist mit uns, der Gott Jakobs ist unser Schutz. Sela.

Predigt

Widersprüchliche Erzählungen übrigens ranken sich um Martin Luthers Choral. Einer Legende zufolge inspirierte er Pfalzgraf Friedrich III. zu einer Art pazifistischer Grundhaltung. Gott sei „ein feste Burg, ein gute Wehr und Waffen“ – nicht aber die von Menschen gemachten Kanonen und Wallanlagen, so soll der Pfalzgraf und Kurfürst das Lied verstanden haben. Er habe daher während seiner Regentschaft keine einzige Festung bauen lassen.

Ganz anders eine Legende um den schwedischen lutherischen König Gustav Adolf. Von ihm heißt es, seine Soldaten seien im Dreißigjährigen Krieg mit dem Lied auf den Lippen gegen die Truppen der Altgläubigen ausgerückt. Und nach einem Sieg habe Gustav Adolf ausgerufen: „Das Feld muss er behalten!“

Wie kann ein Choral nur derart widersprüchlich interpretiert werden? Und – was wollte Luther eigentlich mit diesem Choral wirklich sagen? Luther wähnte sich in der apokalyptischen Endzeit, in der sich Gott und Teufel einen kosmischen Kampf liefern. Gott und Christus streiten für das Gute, Christus bringt den „altbösen Feind“ zu Fall – „ein Wörtlein kann ihn fällen“. Der Gläubige aber bleibt dabei passiver, staunender Beobachter.

Martin Luther übrigens dichtete sein Lied Eine feste Burg ist unser Gott mit Bezug auf den Psalm 46, einer der großen Vertrauenspsalmen der Bibel. Doch von Vertrauen ist dort zunächst nicht die Rede. In Psalm 46 heißt es vielmehr (hier in der Einheitsübersetzung):

Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres, wenn seine Wasserwogen tosen und schäumen und vor seinem Ungestüm die Berge erzittern.

Und es wird auch sogleich der Grund für das Vertrauen mitgeliefert:

Der Herr der Heerscharen ist mit uns, der Gott Jakobs ist unsre Burg.

Da ist die Rede von allerlei Katastrophen, die uns treffen können. Und dennoch beginnt der Psalm 46 mit:

Gott ist uns Zuflucht und Stärke,
ein bewährter Helfer in allen Nöten.

Liebe Gemeinde,

was können wir aus dieser Nachdichtung des Psalm 46 durch den Reformator Martin Luther aber heute morgen lernen? Wovor haben wir Angst? Ich glaube nämlich, dass jeder Mensch sich irgendwo mehr oder weniger ängstigt. Da ist vielleicht die Angst um unsere Arbeit, weil wir ständig mitbekommen, wie schnell sich Situationen in Unternehmen verändern und Stellen wegrationalisiert werden können?
Oder ihr junge Leute? Habt ihr Angst in der Schule, Angst davor, einen bestimmten Leistungslevel nicht erreichen zu können so dass sich eure Berufswünsche vielleicht nicht erfüllen lassen?
Oder hast Du vielleicht Angst vor der Begegnung mit einem Menschen, weil Du weißt, dass Du mit einer starken Kritik an Deiner Person rechnen mußt?
Oder, viel schlimmer: Haben Sie vielleicht Angst, dass ihre Familie zerbricht oder Angst davor, wie es weitergeht, nachdem sie zerbrochen ist?
Oder fürchten Sie sich davor, plötzlich schwer zu erkranken? Haben Sie Angst vor der Islamisierung unseres Landes, weil in den letzten Jahren so viele Menschen aus anderen Ländern und Kulturen in unser Land gekommen sind, von denen einige auch nicht besser sind als einige von uns? Oder haben Sie ganz allgemein Angst vor der Zukunft, weil sich diese Welt immer schneller zu drehen scheint und Sie die Sorge haben, dem allen nicht mehr gewachsen zu sein? Wir Menschen haben Angst, mal mehr, mal weniger.
Auch Martin Luther hatte Angst. Das macht schon gleich die erste Strophe seines wohl berühmtesten Liedes deutlich.

Lassen Sie uns diese erste Strophe nun einmal in der uns vertrauten Weise singen.

Strophe 1
Ein feste Burg ist unser Gott, ein gute Wehr und Waffen.
Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen.
Der alt böse Feind mit Ernst ers jetzt meint;
groß Macht und viel List sein grausam Rüstung ist,
auf Erd ist nicht seinsgleichen.

„Er hilft uns frei aus aller Not, die uns jetzt hat betroffen!“ – Eine große Verheißung, bei der sich die Gelehrten bis heute fragen, was denn mit „aller Not“ gemeint war, von der Martin Luther sagt, dass sie ihn „jetzt“ betroffen hat. Zum ersten Mal veröffentlicht wurde dieses Lied wohl 1529. Sicher ist, dass das Jahr 1529 nicht unbedeutend gewesen ist. Die Osmanen rückten auf Wien vor und belagerten die Stadt. War also die große Not Martin Luthers? Dass das christliche Abendland untergeht und durch die Osmanen bedroht wird?
Oder: „Nehmen Sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib…“
Diese Zeile in der vierte Strophe, bei der man sich beim Singen ein wenig innerlich sträuben mag, könnte als Umschreibung für das Elend und die Verluste stehen, die Kriege und Plünderungen bringen.
Aber wenn der Ansturm der Osmanen Luthers große Not gewesen wäre, hätte er dann nicht klarere Worte gefunden? In anderen seiner Lieder hat er das so gemacht.

Was wir wissen ist, dass Martin Luther sich angesichts seiner Sorge und Angst in das Wort Gottes flüchtete wie in eine Burg. In seiner Not, in seiner Ängstlichkeit stößt Martin Luther auf jenen Psalm 46:
Gott ist unsere Zuversicht und Stärke, eine Hilfe in großen Nöten, die uns getroffen haben. Darum fürchten wir uns nicht, wenngleich die Welt unterginge…

Wir singen Strophe 2.

Strophe 2
Mit unsrer Macht ist nichts getan, wir sind gar bald verloren;
es streit‘ für uns der rechte Mann, den Gott hat selbst erkoren.
Fragst du, wer der ist? Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth, und ist kein andrer Gott,
das Feld muß er behalten.

“Fragst du wer der ist?“ – Ist es Zufall, dass Martin Luther auch in diesem Lied das Frage und Antwortschema aus seinem Katechismus verwendet, den er im Januar 1529 verfasste? Oder tritt an dieser Stelle der Seelsorger Martin Luther hervor, der weiß, dass Trost und Vergewisserung im Glauben am besten im Gespräch unter Glaubensgeschwistern geschieht, indem man gemeinsam fragt und in der Gemeinschaft um Antworten ringt?
Schon der biblische Psalm strahlt die Gewissheit aus, dass wer sich zu Gott flüchtet, nichts zu fürchten hat. Diese Glaubensgewissheit verstärkt Martin Luther jedoch noch, indem er die Macht des Bösen – das es ohne Zweifel in der Welt gibt – nahezu ins Lächerliche zieht. Das macht besonders die 3. Strophe deutlich. Wir singen sie nun.

Strophe 3
Und wenn die Welt voll Teufel wär, und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir und nicht so sehr, es soll uns doch gelingen.
Der Fürst dieser Welt, wie saur er sich stellt,
tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht‘:
Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Der Fürst dieser Welt, wie saur er sich stellt, tut er uns doch nicht; das macht, er ist gericht‘: Ein Wörtlein kann ihn fällen.

Das sind starke Worte, oder? “Ein Wörtlein kann ihn fällen…”
Aber Martin Luther hat auch gewusst, dass das Böse in dieser Welt letztlich alles andere als lächerlich ist. Denn man muss sich ja beim Singen dieses Liedes vor Augen halten, dass Martin Luther 1528 sein zweites Kind, seine Tochter Elisabeth, im Alter von einem Jahr verliert, und dass er selbst ein Mensch ist, der sein ganzes Leben lang unter Krankheiten gelitten hat.
„Ein Wörtlein kann ihn fällen“ – vielleicht steckt ja hinter dieser Formulierung die Erfahrung, dass gerade in den Krisenzeiten des Lebens ein Trostwort der Bibel uns so erreichen kann, dass es die Kraft hat, dem Düsteren, dem Bösen seine scheinbar alles beherrschende Macht zu nehmen. Da ist vielleicht jemand, der von Selbstzweifeln geplagt wird, der nicht glauben kann, dass man ihn liebt, weil er sich als Versager sieht, vielleicht auch weil er sich schuldig fühlt. Und dann besucht er einen Gottesdienst und hört vielleicht wie Sie heute den Wochenspruch für diese Woche: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will Euch erquicken!“ – Und auf einmal kann er – er weiß gar nicht warum – diese Worte glauben, kann er glauben, dass diese Worte für ihn gesprochen sind. Und er ist getröstet.

So ist es ja auch Martin Luther ergangen, als er beim Lesen des Römerbriefes das Wort „Gerechtigkeit“ neu entdeckte, dass nämlich darunter nicht eine moralische Messlatte zu verstehen war, die er durch seine guten Taten erreichen musste, sondern ein Zustand vor Gott, der ihm geschenkt wurde – einfach so, aufgrund der Gnade und Barmherzigkeit Gottes. Und noch später wird eben jener Psalm 46 für Martin Luther zu einem Trostwort, zu einem Zufluchtsort. Ja mehr noch: Der Glaube an Jesus Christus wird ihm nicht einfach zu einer Zuflucht, sondern zu einer festen Burg; zu einer guten Waffen. Wir singen gemeinsam Strophe 4.

Strophe 4
Das Wort sie sollen lassen stahn und kein‘ Dank dazu haben;
er ist bei uns wohl auf dem Plan mit seinem Geist und Gaben.
Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib:
Laß fahren dahin, sie habens kein‘ Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben!

Wieso, liebe Gemeinde, wird eigentlich ganz oft die 4. Strophe dieses Liedes weggelassen? So, wie wir auch die Strophe des Bonhoeffer-Liedes „Und reichst Du mir den schweren Kelch, den bittern“ oft nicht singen. Ich selber überschlage sie auch oft.

Vielleicht liegt es daran, dass diese Strophe sehr leicht missverstanden werden kann. Wer im dem Brustton der Überzeugung singt, dass es einem Christen nichts ausmacht, wenn ihm sein Leib, sein Ansehen, ja seine Familie genommen wird, der verletzt damit vielleicht Menschen, die fürchterlich darunter leiden, wenn ihnen all dieses widerfahren ist.
Aber vielleicht will Martin Luther mir und Dir mit dieser vierten Strophe auch sagen: „Stimmt es denn etwa nicht, dass es im Angesicht des Todes am Ende keine Rolle mehr spielt, ob ich Ansehen habe, ob ich eine Familie habe, ob ich Geld oder einen gesunden Körper gehabt habe. Das hat alles keinen Gewinn. Das bleibt nicht. Wichtig ist doch nur eines: Dass ich meinen Herrn und Heiland habe und ihn darum bitte, dass er mir immer wieder den Glauben an ihn schenkt.“

Und Martin Luther weiß ja, worüber er hier spricht; auch den Verlust von Familienangehörigen hat er ja oftmals schmerzlichst erfahren müssen.
Leider wird uns Menschen oftmals erst im Angesicht des Todes deutlich, was wirklich zählt. Wir Menschen kümmern uns um so viel Nebensächliches. So viel Streit um unnützes Zeug. Und in der Tat, wenn und sofern das Wort bestehen bleibt, das Wort Jesu Christi; wenn er, Jesus, unser Retter und Erlöser, wenn er der Mittelpunkt unseres Lebens ist, da stärkt und kräftigt er unseren Glauben mit seinem Heiligen Geist und seinen Gaben.
Wie oft grübeln wir und zermartern uns das Gehirn und verlieren Christus aus dem Blick. Dinge in der Welt nehmen auf einmal einen ungeheuer wichtigen Platz ein und werden wichtiger als sein Wort, als sein Trost und seine Zusagen.
Doch Martin Luther macht mir und Dir durch dieses Lied deutlich: „Das Wort sollen sie stehen lassen und keinen Gedanken dazu setzen.“ Den das reicht aus!
Christus versorgt uns mit allen Gütern und steht uns bei. Und selbst für den Fall, dass uns das Äußerste geschieht – wovor uns Gott bewahren möge – dass uns unser Leben, Besitztümer, Familienangehörige genommen werden sollten, so ändert das doch nichts an der Tatsache, dass Christus uns das Himmelreich aufgeschlossen hat. Daran halten wir fest und darauf dürfen wir auch im Schlimmsten vertrauen.

„Ein feste Burg“ – ein Kampflied? Nein, liebe Gemeinde, dieses Lied will eines sein, das uns hilft, dass wir uns besonders in der großen Not vergewissern: Christus ist bei uns. Dieses Lied ist ein Vertrauenslied, dass in
Not und Anfechtung auf den hinweist, der uns einzig und allein helfen kann: Jesus Christus.
Gott segne uns – in guten und in schweren Zeiten. Denn: ein feste Burg ist unser Gott. Ein gute Wehr und Waffen. Mit ihm sind wir auf der sicheren Seite des Siegers.

Amen

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