Ich liebe meine Gemeinde

Wenn man Christen verschiedener Konfessionen zusammenfindet, und wenn in diesem Kreis jemand von „meiner Gemeinde“ redet, dann bestätigt sich oft die Vermutung, dass der Betreffende ein Freikirchler ist. Denn von Gemeinde zu reden und innere Nähe zu dieser Gemeinde mit diesem Wort „mein“ zu verbinden, das ist wohl freikirchliches, frei evangelisches Urgestein.

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Ich liebe meine Gemeinde
Reihe
Datum
02.11.2014
Länge
37:41
Bibelstelle
1. Korinther 3, 9-11;16
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

9 Denn wir sind Gottes Mitarbeiter; ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau.
10 Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt; ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut.
11 Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.
16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt?

Predigt

„Meine Gemeinde“ – wie viele von uns gebrauchen diesen Begriff. Und was verbinden wir damit? Vielleicht auch beides: Lust – und Frust. Freude und Enttäuschungen. Aber immer geht es uns dabei doch in erster Linie um Menschen und Beziehungen, und dann erst um Gebäude und Lehren. Wir sind Personalgemeinde. Und unsere Gäste schätzen diesen Rahmen der Begegnung im menschlichen Bereich.
Nur: wie eng darf’s werden? Und wann kommt der Frust?
Phantasieren wir einmal: Was wäre, wenn wir eines der wenigen Hochhäuser unseres Ortes kaufen und als Gemeindeglieder und Freundeskreis dort einziehen würden? Was für eine Nähe! Wie einfach für den Pastor, Besuche zu machen. Wie schön für Mitarbeiter, Termine abzusprechen. Morgens würde einer für alle die Semmeln holen; Eltern hätten jederzeit Babysitter zur Hand. Der ganze Kindergottesdienstkreis wäre jeden Tag zusammen; und im Treppenhaus könnte man singen und pfeifen. Schön, nicht? Allerdings, beim Singen und Pfeifen im Treppenhaus, da hätte ich so meine Bedenken!
Gemeinde – das ist ja so – ist ein Ort der Gemeinschaft von Personen. Allerdings – ein Platz ist vergeben: nämlich: das Haupt ist Christus. Das ist den meisten von uns klar! Praktisch aber sieht das oft so aus, dass immer viele Mitbewerber um diesen 1. Platz mit antreten. Und schon kommt er dann auf – der Frust. Und wenn man in den Freikirchen, auch in den Freien evangelischen Gemeinden, genau hinsieht, dann entdeckt man dort immer wieder leere, ausgebrannte Mitarbeiter, die ihr bestes tun und doch zu wenig bekommen; die die Gottesdienste nur noch besuchen wie andere die Volksbühne.
Energiegeladene Männer und Frauen haben deshalb Angst vor zu großen Rollenerwartungen und Enttäuschungen in der Mitarbeit.
Und es gibt Gemeinden, in denn sich alle geistliche und geistige Kraft auf die Frage konzentriert: „Wie können wir wieder ein weiteres Jahr über die Runden bringen?“, anstatt zu fragen: „Wie können wir diese Welt für Jesus gewinnen?“

[bctt tweet=“Wie können wir diese Welt für gewinnen? “ username=“FeGFFB“]

Da steht zu Beginn eines Gottesdienstes oder einer Abendveranstaltung die wichtigste Frage im Raum: „Wie lange wird es heute abend dauern?“ – anstatt erwartungsvoll mit dem Reden Jesu Christi in mein Leben hinein zu rechnen. Stimmt das?

Die Gemeinde in der ich lebe, ist eine Quelle der Ermutigung – manchmal auch der Entmutigung – manchmal beides zugleich! Manchmal kann das gar nicht auseinandergehalten werden.

Was tun? Das Neue Testament gibt einen kurzen Hinweis: Hören wie Jünger hören! Und: Dinge mit den Augen Jesu sehen.
Eine der ständigen Frustrationen (Enttäuschungen) Jesu bestand darin, dass seine Jünger nicht das sahen, was er sah. Sie sahen z.B. in Zachäus den verachtenswerten kleinen Zolleinnehmer. Jesu dagegen sah in ihm bereits den Menschen, der einen Freund und vor allem Befreiung von der Sünde brauchte. Die Jünger sahen ein brachliegendes Feld, Jesus aber sah schon die Reifezeit.

Heilende Wirkung des Evangeliums – das heißt also auch: Auch in der Ortsgemeinde richtig sehen lernen!

Kann man das lernen? Und kann man das auch verlernen?
Ich stelle mir vor, wie das damals war, als dieser Anbau an das bestehende Gemeindezentrum gebaut wurde. Da wurde zunächst viel eingerissen und herausgebrochen; da stand auf einmal ein demoliertes älteres Haus au diesem Platz. Aber: es gab einen Bauplan. Und wer angesichts des Kaputten, angesichts der hässlichen Rohbaumauern, herausstakender Moniereisen, roher Holzbalken und eines zerstörten Gartenterrains alle Hoffnung verlieren mochte, dass hier jemals etwas Positives entstehen könnte, der musste nur in den Bauplan schauen, aufs Modell.

Der durfte einmal träumen vom fertigen Gemeindezentrum und gepolsterten Stühlen, verglasten Fenstern und sanften Klavierklängen. Und dann erfassten ihn hoffentlich wieder Mut und Energie. Und er griff zum Vorschlaghammer und demolierte die nächste Altbauwand.
Er hatte eine Vision im Kopf. Er hatte neu, richtig, sehen gelernt. Und das gab ihm Kraft zum Tun.

Richtig sehen lernen heißt zuerst und – jetzt übertragen: Nicht zuerst in die Ortsgemeinde schauen, sondern ins Neue Testament. Und das heißt: Gottes Entwürfe studieren im Blick auf Gemeinde! Seinen Bauplan erfassen!

Im NT werden, so sagt man, 96 Bilder für die Gemeinde Jesu Christi verwandt.

Eines davon lassen Sie uns heute Morgen betrachten: Das Bild vom Haus „Gemeinde“

Wir wohnen bereits in diesem Haus, wenn wir Mitglieder einer Gemeinde sind. Deshalb sprechen wir von „meiner Gemeinde“. In dieser Gemeinde haben wir unseren Lebensraum. Pls schreibt dazu: „Ihr seid Gottes Bauwerk.“ Und Petrus sagt: „Wir sind lebendige Bausteine in diesem Haus.“ Aber – dieses Haus ist noch nicht fertig! Wir leben noch auf der Baustelle! Jeder, der sich zu Christus bekehrt und sich einer Gemeinde anschließt, der entdeckt in Gottesdiensten und Begegnungen zunächst nur die wunderbare Architektur in der Gemeinde. Wenn er aus dem Fester schaut, dann vergleicht er die Außenanlagen schon mit dem Garten Eden. Und er schwärmt, zumindest in den ersten Monaten, von seiner Gemeinde. Dann aber – kommt die Ernüchterung. Dann entdeckt er nämlich, dass dieses Haus noch nicht fertig ist.

Und dann – dann ist es wichtig, vor lauter Frust die Lust nicht zu verlieren. Dann ist es wichtig, die Baustelle Gemeinde als eine Chance und Aufgabe zu sehen – und Hoffung und Freude zu bewahren. Denn der Bauherr ist Gott. Er setzt die Schwerpunkte an seinem Bau!

Es gibt Schwärmer, die die Gemeinde ohne Baugerüst bauen möchten, ohne Strukturen und Ordnungen. Dann muss man aber schwindelfrei sein, wenn man ohne Gerüst bauen will. Organisation ist nichts schlechtes, nur weil ich vielleicht nicht organisieren kann – oder will – und es dann auch nicht mag, wenn andere es tun.
Andere vergolden das Baugerüst. Lebendige Gemeindestunden finden dann statt, wenn man eine Satzungsänderung beschließt.

Das aber sind alles Versuche, die Baustelle, den Rohbau, zum fertigen Prachtbau umzufunktionieren. Ich will Lust – nicht Frust. Gemeinde ist und bleibt aber beides! Baustelle – und Projekt glänzender Pläne und Visionen nach Gottes Vorstellung. Und – beides gilt es auszuhalten! Ich brauche im Alltag des Gemeindelebens meine Vision von Gemeinde Gottes, so wie sie einmal sein soll und sein wird. Aber: gleichzeitig gilt eben genauso: Gemeinde Jesu, auch die FeG Fürstenfeldbruck, ist Baustelle. Da liegt Bauschutt herum, da ist vieles noch nicht fertig. Da gibt es manches, was verletzende Kanten hat. Aber das alles gehört für mich zum Thema Gemeinde. Und es soll mich nicht davon abhalten, Gemeinde zu lieben. Meine Gemeinde zu lieben. Denn dann können Leute kommen und auf den vielen Dreck in unseren Ortsgemeinden hinweisen; auf den vielen Dreck, der weggekarrt werden muss: da liegen auf dieser geistlichen Baustelle so viele rostige Nägel herum; es gibt so viele spitze Zungen und Betonköpfe; da gucken so viele Bretter voller Bitterkeit heraus; und da gibt es so manches Mauereisen, das gefährlich in mein Leben hineinstakt.

Ich habe als junger Mann einige Male auf dem Bau gearbeitet. Und ich habe mich einmal gefreut, als der Polier mich beim ersten Mal fragte: „Na, Gerd, hasse schon mal auf dem Bau gearbeitet?“ Ich fragte vorsichtig zurück: „Warum fragst Du das?“ – Und der Polier lachte und sagte: „Weil Du Dich so dämlich anstellst!“ – Das war aber Bau – Mentalität. Eigentlich wollte er mir mitteilen – und ich habe das so verstanden: „So blöd machst Du Deine Arbeit gar nicht; man kann meinen, Du hast das schon mal gemacht.“ – Tja, auch in der Gemeinde Jesu verstehe ich nicht immer alles gleich auf den ersten Moment; und manches hört sich anders an, als es gemeint ist.

Und dann habe ich eines Tages erlebt – ich war gerade dabei, die ausgeschalten Kellerräume von Holzresten und Schutt zu reinigen – dass ich auf einmal mit meiner Stirn irgendwo davor stieß und aufschrie. Die Stirn blutete sofort; denn ich war dort mit einem herausstakenden Moniereisen in Berührung gekommen. Ein paar cm weiter unten – und mein Auge wäre getroffen worden und ausgelaufen. Das war Bewahrung. Das war aber auch Bau. Schön – und gefährlich. So wie die Gemeinde Jesu eben auch. Aufpassen – und sich immer wieder klar machen: es ist trotz allem ein Geschenk, hier mitarbeiten zu dürfen. Denn ich darf lernen. Was denn:

1. Die heilende Wirkung des Evangeliums besteht darin, dass ich in der Gemeinde Jesu mit all dem leben kann, ohne daran zu verzweifeln. Ohne zu erwarten, dass alles so schön und sauber ist, wie ich’s erwarte und möchte.

2. Die heilende Wirkung des Evangeliums besteht dann auch darin, dass das Geheimnis des Gebetes bewahrt wird. Überall bei uns wird viel gebetet. Gebetet wird für die Baustelle Gemeinde. Gebetet um Bewahrung vor verletzenden Unfällen, gebetet um einen Fortgang der Arbeiten. Gebetet um neue Arbeitskräfte; und das ist gut so!

3. Die heilende Wirkung des Evangeliums besteht darin, dass wir die Gesinnung Jesu in uns tragen und bewahren. Und das heißt, dass Konflikte in der Gemeinde Jesu anders gelöst werden als „draußen“ im Verwaltungsrat, also in dem Bemühen um letzte Wahrheit und Ehrlichkeit, auch wenn das weh tut und ich vielleicht Angst davor habe.

4. Die heilende Kraft des Evangeliums besteht schließlich darin, dass eine Gemeinde als eine gehorchende Gemeinde lebt und auch so von Gott gebraucht wird – eine Gemeinde, in der ein Platz längst vergeben ist – der Platz des Hauptes – an Jesus Christus!

Diese heilende Kraft des Evangeliums haben wir alle immer wieder einmal nötig. Wir leben am Bauplatz Gemeinde in einer Spannung zwischen Lust und Frust. Aber schön und wichtig – wenn eines bleibt – die Dankbarkeit. Wenn ich weiß: hier gehöre ich hin. Hier mache ich weiter! Hier packe ich zu!

Auch wenn mir jederzeit ein rostiger Nagel in die Hand fahren kann. Denn ich habe eine Vision von Gemeinde, und an der halte ich fest! Bis Jesus wiederkommt.

Und wir haben während unserer GL – Klausur vor einigen Wochen uns diese beiden Sätze vorgenommen und kurz bedacht:
„Everybody wins when a leader get’s better.” Und
“The local church is the hope of the world.”

[bctt tweet=“The local church is the hope of the world. “ username=“FeGFFB“]

Und auf diesem Hintergrund, liebe Gemeinde, werde ich nie wirklich verstehen können, wie Menschen eine Ortsgemeinde in ihrem Lebensbereich verlassen und sich einer anderen, weiter entfernten Gemeinde anschließen. Was wir momentan erleben, ist doch dies: Unsere Gemeinde kann derzeit in Sachen Asylhelferkreis Zeichen der Hoffnung senden – in unsere Stadt; in Richtung auf hilfsbereite Menschen. Wir haben hier am Ort beste Raumangebote und dürfen sie einbringen zum Wohl des Ganzen.
Denn: “The local church is the hope of the world.” – Deshalb: ich liebe meine Gemeinde! Gott ist wirksam hier; durch mich und durch Dich. Deshalb bleib dabei. Und bring Dich weiter ein. Und werde gesegnet.

Es könnte eine Konsequenz aus diesem Gottesdienst sein, ganz neu mit der eigenen Gemeinde anzufangen mit einem Liebesbrief an sie. Gemeinde ist Bauplatz – mit Lust und Frust – aber der Bauplan ist herrlich! Und Gott ist der Bauherr. Und das Evangelium hat heilende Kraft. Deshalb liebe ich meine Gemeinde!

Amen!

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