Wer ist der Größte?

Wir Menschen sind unter anderem geprägt von dem Bemühen, unseren Platz im Sozialgefüge der verschiedenen Gesellschaften zu finden und zu markieren. Auch im Bereich christlichen Lebens ist das so. Da kann es dann auch zu dem Kuriosum führen, dass jemand sehr selbstsicher von sich behauptet: „In punkto Demut macht mir keiner was vor!“

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Wer ist der Größte?
Reihe
Datum
22.02.2015
Länge
22:59
Bibelstelle
Matthäus 18, 1-10
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

1 In jener Stunde kamen die Jünger zu Jesus und fragten: Wer ist im Himmelreich der Größte?
2 Da rief er ein Kind herbei, stellte es in ihre Mitte
3 und sagte: Amen, das sage ich euch: Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen.
4 Wer so klein sein kann wie dieses Kind, der ist im Himmelreich der Größte.
5 Und wer ein solches Kind um meinetwillen aufnimmt, der nimmt mich auf.
um meinetwillen, wörtlich: aufgrund meines Namens.
6 Warnung vor der Verführung und der Verachtung von Jüngern: 18,6-11
Wer einen von diesen Kleinen, die an mich glauben, zum Bösen verführt, für den wäre es besser, wenn er mit einem Mühlstein um den Hals im tiefen Meer versenkt würde.
7 Wehe der Welt mit ihrer Verführung! Es muss zwar Verführung geben; doch wehe dem Menschen, der sie verschuldet.
8 Wenn dich deine Hand oder dein Fuß zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Es ist besser für dich, verstümmelt oder lahm in das Leben zu gelangen, als mit zwei Händen und zwei Füßen in das ewige Feuer geworfen zu werden.
9 Und wenn dich dein Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Es ist besser für dich, einäugig in das Leben zu gelangen, als mit zwei Augen in das Feuer der Hölle geworfen zu werden.
10 Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.

Predigt

Heute Morgen stellen wir zwei kleine Kinder im Gottesdienst vor und empfehlen sie mit Hand auflegendem Gebet der Fürsorge und dem Segen Gottes.

Eine gute Gelegenheit also, einmal darüber nachzudenken, was wir Erwachsene von den Kindern lernen können, um unsere Beziehung zu Gott nicht zu gefährden.

Denn für uns Erwachsene scheint manchmal das wichtigste Thema zu sein: Wo stehe ich eigentlich auf der Gehaltsliste Jesu? Darauf gibt uns u.a. ein Wort Gottes in Matt 18, 1-12 eine hilfreiche Antwort.

1. Wer ist der Größte?

Die Männer um Jesus sind gerade dabei, die besseren Plätze im Himmel zu verteilen. „Wer ist der Größte?“ – das ist ihre Frage. Sie sind sich offensichtlich aber nicht darüber einig geworden. So kommen sie zu Jesus, um die Frage von ihm entscheiden zu lassen. Er kennt sie ja durch und durch. Er wird schon wissen, wer sein erster Mann, sein himmlischer Minister, sein sollte.

Diese Frage ist ja nun nicht nur im Jüngerkreis damals gestellt worden. Sie ist aktuell geblieben in der Gemeinde Jesu – über alle Jahrhunderte hinweg.

Deshalb frage ich Sie: wäre es nicht interessant, wenn wir hier vorn eine digital gesteuerte Anzeigewand hätten, auf der Sonntag für Sonntag die himmlische Reihenfolge der einzelnen Gottesdienstbesucher durchgegeben würde? Und jeder würde sonntags morgens diesen Saal betreten und als erstes auf diese Digitalanzeige starren: ist es heute wieder einmal der Pastor? Oder ein Ältester? Oder hat die Nummer Eins vom letzten Sonntag in dieser Woche Streit mit dem Ehepartner gehabt – das muss dann doch ein Abrutschen mindestens auf den zwölften Platz bedeuten, oder? Und ich habe heute vor, einen besonders großen Betrag ins Gemeindeopferkörbchen zu versenken. Vielleicht bin ich am nächsten Sonntag Nummer Eins!

So was gibt’s ja bei großen Firmen – den Wettbewerb um den ersten Platz!! Wie wär’s, wenn’s so etwas auch in der Gemeinde gäbe?

Am besten aber, man macht es dann auch so wie die Jünger Jesu. Man fragt Jesus selber. Er soll sagen, wer unter uns der Größte im Himmelreich ist.

Und Jesus? Der stellt ein Kind in ihre Mitte und sagt: „Wenn ihr nicht umkehrt und werdet wie die Kinder, so werdet Ihr nicht in das Reich der Himmel kommen.“

Und nun stellt sich den Jüngern damals und uns jetzt die Frage: Inwiefern kann ein Kind denn ein Modell abgeben? Wie kann ausgerechnet an einem Kind das Verhalten abgelesen werden, auf das es ankommt, wenn es um Leben und Zukunft geht? Eine seltsame Antwort Jesu, fürwahr.

Gehen wir also einen Schritt weiter. Schauen wir uns ein Kind einmal etwas genauer an. Das ist nämlich hochinteressant. Denn – da stellen wir fest:

2. Kinder – vertrauensvoll und wahrhaft sorglos

Was findet sich denn im kindlichen Wesen, das als Vorbild unserer Gottesbeziehung gelten kann? Es gibt einige wesentliche Grundzüge. Da ist einmal

a. die kindliche Bereitschaft zum Vertrauen.

Sie ist noch nicht belastet durch enttäuschende Lebenserfahrungen. Abwehr oder Misstrauen, diese typischen Erwachsenenmerkmale, sind noch nicht wirklich durchgedrungen. Kinder können vertrauen. Erstaunlich, manchmal erschreckend vertrauen.

Zu dieser kindlichen Haltung des Vertrauens tritt im kindlichen Leben

b. eine echte Sorglosigkeit.

Kinder sorgen sich nicht über den Tag hinaus. Was morgen sein wird, verdüstert das Heute noch nicht. Es sind ja andere da, die für es Verantwortung tragen und für es sorgen, Vater und Mutter. Das Kind selber birgt sich in der Fürsorge und Liebe, die ihm entgegengebracht wird. Darum können Kinder auch ihre Ängste überwinden in der Nähe oder an der Hand derer, denen sie vertrauen und denen sie zutrauen, dass diese sie schützen werden.

Vertrauen und echte Sorglosigkeit des Kindes – eine Voraussetzung, in den Himmel zu kommen!

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Weiterhin ist das kindliche Leben

c. noch nicht gekennzeichnet und geprägt von den tiefen Spuren der Sünde.

Gerade diese Erfahrung, dass das Tun und Erleiden des Bösen dauernde Folgen nach sich zieht; gerade die Erfahrung, dass man schuldig wird und dass jede Art von Sündigen Gebundenheit erzeugt und tiefe Spuren in der eigenen Biographie hinterlässt – das alles sind ja wesentliche Begleiterscheinungen des Übergangs vom Kindsein zum Erwachsenensein.
Kindsein ist darum letztens

d. nach vorn, in die Zukunft hinein ausgerichtet, offen und voller verheißungsvoller Möglichkeiten.

Kind sein hat noch viele Fenster nach vorn, viele große ungefilterte Hoffungen in die Zukunft. Es lebt voller Spannung auf das, was sich an Interessantem noch ereignen wird und möchte dabei sein.

Deshalb also gebraucht Jesus das Bild vom Kind!

Wir Erwachsenen fragen nach der Größe unter den Menschen im Himmelreich. Uns interessiert die Machtfrage. Jesus macht uns klein. Und er stellt uns die Vertrauensfrage.
Ich sage nicht: er kriegt uns klein. Er ist nicht ein Kaputtmacher unserer Seele. Aber – er macht uns klein. Er macht, dass wir uns herunterbeugen anhand des von ihm liebevoll ausgewählten Beispiels des Kindes. Wollen wir das? Lassen wir das zu? Dass er uns klein macht? Es ist wirklich entlastend, so von Jesus klein gemacht zu werden! Deshalb ein nächster Schritt!

3. Das Angebot Jesu an alle „großen“ Kinder

In diese unsere Lage hinein sagt Jesus uns: Kehrt um! Werdet noch einmal wie Kinder! Sucht den Ort auf, an dem Ihr noch einmal von vorn beginnen, Christsein ganz neu verstehen könnt. Lebt Euer Leben neu! Wagt das! – Und erreicht dabei, dass Ihr in den Himmel kommt!

Aber: wie soll man das machen? Denn das ist doch klar: Von uns aus können wir das Rad unseres Lebens nicht zurückdrehen. Wir können nicht so tun, als ob wir kein gelebtes, gezeichnetes, enttäuschtes, verwundetes Leben hätten. Wir haben es doch – und der eine oder andere blutet aus offenen Wunden, die nur er kennt – nicht einmal der nächste Mensch – und die er heimlich beweint!

„Kehrt um!“ – das sagt uns allerdings nicht irgendwer heute Morgen! Das sagt uns Jesus Christus selber. Und weil eben Jesus uns anredet, deshalb bedeutet das:
„Ihr könnt! Ihr, Christen und Nichtchristen – Ihr könnt! Ich, Jesus, ermögliche Euch den Neuanfang mitten in Eurem alten, festgelegten und vielleicht sogar zukunftslosen Leben.“

Wie das gehen kann? Jesus macht uns deutlich:

Lasst doch diese Frage nach dem Ansehen vor den Menschen, ob auf Erden oder im Himmel, endlich fallen! Kämpft nicht dauernd mit Eurem Selbstwertgefühl und Euren elenden Minderwertigkeitsproblemen. Sie sind es nicht wert. Schaut nicht auf die anderen; vergleicht Euch nicht mit denen, deren Anblick Euch demütigt. Ich, Jesus, ermögliche Euch einen Neuanfang! Ich nehme Euch Eure Schuld ab. Ich nehme Euch die Schuld anderer an Eurem Leben ab! Ich gebe Euch das Recht, Eure Sorgen und Ängste bei dem zu lassen, der allein sorgen kann, weil er die Macht dazu hat. Ich lasse Euch vertrauensvoll an jedem neuen Tag leben. Auch wenn Euch das jetzt als eine riesige Herausforderung erscheint. Auch wenn Euch das zunächst Angst macht! Versucht es. Wagt es.

Vielleicht sagen Sie jetzt: „Schön gesagt! Aber das hilft mir schon lange nicht mehr! Ich habe allen Grund zur Sorge. Ich kann nicht loslassen. Ich brauche endlich einen Ausweg und keine guten Worte!“ –

Gut – aber dann sei auch wirklich schwach. Sei es aus ehrlichem Herzen. Jesus sagt selber: „In der Welt habt Ihr Angst!“ Aber Jesus hat die Welt überwunden. Deshalb sind wir mit unseren Lebensängsten in ihm aufgehoben. Wir dürfen schwach sein – und ihm vertrauen. Wir brauchen nicht groß und stark zu tun. Jesus ist groß und stark. Wir sollen wieder neu wie Kinder werden! Erst dann erfahren wir wirkliche Hilfe!
Jesus will uns durch seine Möglichkeiten entlasten. Und wo das geschieht – durch Jesus – da werden auch Vertrauen und Offenheit, Bewältigung von zwischenmenschlicher Schuld und echte Hoffnung auf eine gute Zukunft die Folgen sein – eine Hoffung, die wir desto nötiger haben, je mehr echte Sorgen uns belasten. Werde wieder Kind! Lerne wieder total zu vertrauen auf Gott.

Wir haben am Anfang gesagt: Die Männer um Jesus sind gerade dabei, die besseren Plätze im Himmel zu verteilen. Wir fragen: Wer ist der Größte – unter den Menschen und im Himmel? Und – wir überfordern uns so oft damit! Jesus aber macht uns Mut zum Kleinwerden. Er macht uns deutlich, wie furchtbar wenig wir ohne ihn sind und können, wie gefährdet unser Leben ist.

Jesus macht uns klein. Aber er macht uns klein, um uns zu helfen – zu helfen, wie Kinder ihm nachzufolgen, vertrauensvoll, unbesorgt, offen für einen neuen Anfang – und bereit, lieber Auge und Hand zu opfern, als uns auch nur einen Schritt weit von Jesus Christus zu lösen.

Also: wir brauchen keine Digitalanzeige hier vorn an der Stirnwand, die uns die Platzanzeige im Himmel bekanntgibt.

Wir brauchen den Mut, uns so zu sehen und so zu werden, wie Jesus uns haben will, damit er uns den Himmel öffnen kann!

Wir brauchen die Konsequenz, uns von dem zu trennen, das uns diesen Eintritt in den Himmel nehmen könnte. – Ich weiß, was das bei mir ist. Weißt du, was es bei Dir ist?

Dieses Wort in Matt 18 sagt uns heute, da wir Kinder auch in diesem Gottesdienst in den Vordergrund rücken: wir dürfen im Blickfeld behalten und immer wieder daran denken: es ist schön, bei Gott Kind zu sein – denn ich darf…

  • in kindlicher Bereitschaft vertrauen
  • in echter Sorglosigkeit leben
  • nach vorn hin offen und voller verheißungsvoller Möglichkeiten hoffen
  • täglich an einen neuen Anfang durch die Vergebung der Schuld glauben
  • frei von der quälenden Frage nach meiner Rangordnung im Himmel und – auf Erden leben
  • einfach von Jesus geliebt und angenommen sein – und ihm dafür danken.

Ich freue mich, Kind Gottes sein zu dürfen! Du Dich auch?

[bctt tweet=“Ich freue mich, #KindGottes sein zu dürfen! Du Dich auch?“ username=“FeGFFB“]

Amen

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