Das Brotwunder – aus der Sicht der Menschen

Noch einmal eine Predigt über das Brotwunder, aber eben aus einer anderen Sicht als vor drei Wochen. Da ging es um den Schatz von fünf Broten und zwei Fischen.

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Das Brotwunder – aus der Sicht der Menschen
Reihe
Datum
26.06.2015
Länge
26:15
Bibelstelle
Johannes 6, 1-15
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

1 Danach ging Jesus an das andere Ufer des Sees von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt.
2 Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
3 Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder.
4 Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe.
5 Als Jesus aufblickte und sah, dass so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?
6 Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen; denn er selbst wusste, was er tun wollte.
7 Philippus antwortete ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll.
8 Einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm:
9 Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele!
10 Jesus sagte: Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras. Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer.
11 Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen.
12 Als die Menge satt war, sagte er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Brotstücke, damit nichts verdirbt.
13 Sie sammelten und füllten zwölf Körbe mit den Stücken, die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren.
14 Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
15 Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.

Predigt

Liebe Gemeinde,

heute Morgen nun, wie angekündigt: noch einmal eine Predigt über das Brotwunder, aber eben aus einer anderen Sicht als vor drei Wochen. Da ging es um den Schatz von fünf Broten und zwei Fischen.

Heute Morgen geht es mir aber im Besonderen um die Gruppe der zuhörenden Menschenmassen. Und ich wünsche mir – dass wir auch heute morgen spüren – durch Gottes Geist geführt: es geht ja um mich – auch um mich. Um meine Bedürfnisse, Gefühle, Hoffnungen, Wünsche, Ängste usw. Deshalb:

1. Der große Treck – oder: der Unterhaltungswert geht über alles!

„Achtung, eine wichtige Durchsage: Stau auf der Uferstraße am See Genezareth. Schaulustige behindern den Verkehr in beiden Richtungen. Die Planwagenfahrer werden gebeten, langsam an den Stau heranzufahren. Die Polizei gibt keine Ausweichmöglichkeiten bekannt. Der Stau hat mittlerweile eine Länge von 10 Stadien erreicht.
Auf allen anderen jüdischen Fahrwegen verläuft der Verkehr normal.“

So könnte es damals gelautet haben, falls man schon über Rundfunk von den Ereignissen hätte berichten können, die sich an diesem Tag um Jesus von Nazareth herum abspielten.

Nur: es gab damals keinerlei moderne Medien! Nicht einmal eine Heimatzeitung wies auf diesen interessanten Heiler und Prediger hin. Aber dennoch: Schon damals gab es ein gutes Informationsnetz, das sich über ganz Israel spannte. Man erzählte sich die Neuigkeiten weiter. Auf den Märkten, unterwegs beim gemütlichen Zusammensein in Karawansereien am Lagerfeuer. Alles dauerte etwas länger. Aber von Rom bis Jerusalem und Alexandria war man ganz gut informiert.

So verwundert es nicht, dass dieser Menschentreck – es war ja eine große Masse von 5000 Männern – Jesus Christus findet. Man ist diesem Mann nachgelaufen. Jesus hatte mit seiner Mannschaft über den See gesetzt. Er wollte Ruhe haben. Nur – die über 5000 Menschen liefen ihm einfach am Ufer hinterher. Und der Grund wird im Evangelium ganz offen genannt: sie wollten etwas erleben mit Jesus. Sie wollten Heilungen, Wunder, Action. Jesus antwortet mit einem Wunder. Aber ganz anders, als sie sich das vorgestellt hatten.

Viele werden unter den 5000 gewesen sein, die wollten die Show. Endlich einmal den Mann sehen, der zur Zeit soviel Redens von sich machte. Dabei sein, wenn er einer alten Oma die verkrüppelte Hand wieder in ein geschmeidiges, lebendiges Werkzeug verwandelte; zuschauen, wenn ein Lahmer auf einmal, von Jesus angerührt, seine Bahre zusammenrollte und tanzend vom Platz ging. In der ersten Reihe sitzen, wenn einem leprösen Bettler auch noch die Vergebung der Sünde zugesprochen wurde.

Massenveranstaltungen – auch christliche – bringen immer solche Effekte: Dabei sein ist alles. Ob Billy Graham, Louis Palau, Reinhard Bonnke, oder wie sie alle heißen mögen: Die Leute wollen auch die Show. Jesus hat das auch damals erkannt. Und er hat sich regelmäßig verweigert, wenn es den Menschen um solche Effekte ging. Jesus hat sich gegen den Zeitgeist in seiner Generation gewandt.

Und mir scheint, auch heute geht es vielen, die geistliche Erlebnisse suchen, mehr um den Unterhaltungswert als um wirkliche Veränderung des eigenen Lebens.

Damals jedenfalls kam ein neugieriger Treck auf Jesus zu – und Jesus erfüllte nicht die hochgesteckten Erwartungen der Menschen. Er spürte wohl auch, dass diese Menschen jetzt nicht bereit waren, einer Predigt zu lauschen. In seiner Liebe aber entdeckt er ihr Hauptproblem jetzt: die leeren Mägen! Manchmal liegt die Lösung für große Gemeindephänomene doch nur im – profanen Appetit. Wir werden das noch deutlicher sehen. Also:

2. Merkwürdiger Jesus – oder: weniger ist manchmal mehr!

Es ist hier sehr interessant, was Jesus laut dem Johannesevangelium angesichts dieses Massenauflaufs tut! Wir würden jetzt erwarten: Jesus steht auf, zieht sein Predigtkonzept aus der Tasche und hält den Leuten eine donnernde Predigt – so nach dem Motto: „Heute hat sie der Herr in meine Hand gegeben“ – so dass auch der letzte Sünder vor Aufregung rote Flecken im Gesicht bekommt. Dann wartet er auf Entscheidungen. Und siehe da, vierhundert und dreiundzwanzig Menschen kommen zum Glauben an Jesus.

Aber Jesus ist eben doch anders. Er ist enttäuschend: enttäuschend, was unsere 0815 – Meinung von Jesus betrifft. Jesus tut etwas ganz anderes: er organisiert eine Massenspeisung. Zuerst das Brot, dann das Evangelium. Worüber bei uns jahrelang diskutiert wurde – Jesus tut es. Er holt die Leute da ab, wo sie leiden – bei ihrem leeren Magen. Dazu war Gottes Sohn sich nicht zu schade. Und das Johannesevangelium beschreibt es genauso! Während der Speisung der 5000 bei Matthäus eine lange Predigt vorausgeht – auch das hat Jesus ja getan – wird hier nicht viel geredet. Die Leute sind hungrig. Und Jesus sorgt dafür, dass sie satt werden.

Jesus holt die Leute ab – dort, wo sie sind. – Hören wir hier etwas Nachdenkenswertes für uns heraus? Ich habe vor längerer Zeit in einem kleinen Buch Fritz Pawelziks über die Arbeit des CVJM weltweit gelesen. Und mich haben die oft unkonventionellen Methoden beeindruckt, mit denen die Menschen ans Evangelium herangeführt werden. Da fängt man manchmal sehr einfach an. Ein CVJM – Sekretär in einem afrikanischen Dorf beginnt dort erst mit einer Hühnerfarm, weil er spürt: Wenn mir die Leute zuhören sollen, dann müssen sie erst einmal volle Mägen und Vitamine kriegen. Aber bei den Hühnerzüchterversammlungen im Dorf wird dann lange aus der Bibel vorgelesen, und man fragt dann: Wie ziehen wir unseren Betrieb nach Gottes Maßstäben auf?

Also: Womit fangen wir am besten an? Eine Frage, die sich nie an unseren Bedürfnissen orientieren darf, sondern daran, was die Menschen brauchen, um das Evangelium begreifen zu können. Und der Schlüssel ist eben auch damals: Liebe. Jesus hat diese Menschen geliebt, und deshalb tut er genau das, was die Liebe ihm gebietet: er macht hungrige Menschen satt.

3. Die große Überraschung: oder: ein Beitrag zur Überflussgesellschaft

Wir Westdeutschen müssen ja schon jahrzehntelang mit einem schlechten Weltgewissen herumlaufen – weil wir im Überfluss leben. Überfluss ist etwas beschämendes, so denken wir. Weil andere so gar nichts besitzen.

Und dann das hier! Nun gut, Jesus tut ein Wunder. Aber muss er denn gleich so dick auftragen? Hätte nicht auch ein halber Korb Übriggebliebenes gereicht? Warum diese zwölf Körbe voll? Was sollte man mit diesem Überfluss jetzt machen? Ihn ins galiläische Meer kippen, damit die Brotpreise in der Umgebung nicht zu weit sanken? Oh, Jesus, was bist Du nur für ein Verschwender!

Und Jesus – Jesus sagt darauf in seinen Predigten immer wieder: „Oh ja! Ich bin ein Verschwender. Ich knausere nicht mit meinen Gaben. Mein Vater im Himmel tut es auch nicht. Und meine Jünger brauchen auch nicht zu knausern. Die dürfen im Wesentlichen auch mal klotzen“.
Jesus sagt uns: „Habt keine Angst vor Verschwendung, vor Überfluss – da, wo genug vorhanden ist.“

Als Gott diese Welt machte, hat er aus seinem göttlichen Überfluss heraus gehandelt. Wie wunderbar hat er seine Schöpfung gebaut. Wir fragen: Wozu diese Milliarden von Sternen? Wozu diese Detailplanung der Lebewesen? Diese Tausende von Arten der Tiere, Pflanzen, Individuen?

Gott sagt: „Ganz einfach: zu meiner und Eurer Freude.“
Gott verschenkt sich – ohne Rücksicht auf Verluste. Im Wundergeschehen der Speisung sollten wirklich alle ganz satt werden. Keiner sollte leer ausgehen. Selbst der Letzte in der allerhintersten Reihe sollte bedacht sein. Deshalb die 12 Körbe voll.

Gott verschenkt sich, ohne abzuwägen. Immer. Als er diese Welt erretten wollte, da hat er auch nicht abgewogen. Da hat er gleich nach dem Liebsten gegriffen, nach seinem Sohn. Liebe ist eben verschwenderisch. Auch göttliche Liebe. Und Liebe kann den Überfluss aushalten.

Nur wer an sich zuallererst denkt, den macht Überfluss kaputt. Unsere Gesellschaft ist krank, weil sie aus lauter Egoisten besteht, nicht deshalb, weil sie reich ist. Nochmals: Unsere Gesellschaft ist krank, weil sie aus lauter Egoisten besteht, nicht deshalb, weil sie reich ist.
Was könnte das reiche Europa Gutes tun, wenn es Liebe zur Welt hätte. Stattdessen kämpfen die Staatenlenker immer noch um nationale Interessen – und die Egoisten verdienen gut daran. Liebe aber ist verschwenderisch.

Kann Jesus uns da etwas sagen? Zu unserem Umgang mit seinem Geld, mit seiner Zeit, mit seiner Liebe? –

Wir neigen leicht zum Knausern, zum Abwägen, zum Zurückbehalten. Wir wagen so wenig; wir rechnen kaum mit Gottes Überfluss. Jesus aber will sich durch uns verschenken. Wenn er satt macht, dann richtig. Wenn er frohe Botschaft weitergeben will, dann aber ordentlich. Gott mache uns zu Verschwendern aus Liebe! Damit die Menschen satt werden! Und in unserer Nachbarschaft und in unserem Freundeskreis fangen wir am besten an.

4. Der große Irrtum – oder: weg von der Befriedigung des Appetits hin zur Stillung des Lebenshungers!

Das hatten die 5000 noch nicht erlebt. Vor einer halben Stunde hing ihnen ihr Magen in den Kniekehlen – und auf einmal: kein Brocken hätte noch hinein gepasst. Kein Appetit auf nichts. Alle reiben sich ihre Bäuche. Und dann auf einmal – macht’s bei den Menschen „Klick“! Da haben sie plötzlich begriffen: „Wenn wir den Jesus zu unserem König machen, dann ist’s vorbei mit dem Hungrigsein! Dann wird unser Brotkönig unseren Appetit auf alles befriedigen. Dann sind wir endlich satt.“

Schon hat sich eine Gruppe gefunden, die sich des Jesus Christus bemächtigen will. Und dann? Dann weicht Jesus aus. Zum Brotkönig will er sich nicht machen lassen. Zum Befriediger von diversen Bedürfnissen will er nicht herhalten. Und er läuft den Leuten davon.

Der große und verhängnisvolle Irrtum. Da will einer den Hunger nach Leben stillen – und die Menschen suchen einen Zauberer für ihren Appetit. Ein allerdings verhängnisvoller Irrtum. Denn was bleibt dieser Masse: es bleibt das Gefühl, einmal richtig satt gewesen zu sein. Und das alles führt zu etwas anderem: nämlich zu dem Wunsch, nein, zu einer Sucht: zur Sucht nach Befriedigung!
Und fatal erleben wir die Folgen des Irrtums in unseren Tagen: Drogenmissbrauch, Alkoholkonsum, entartete Sexualität, Tablettenmissbrauch, Arbeitssucht – und das nicht nur vor den Toren der Gemeinde Jesu. Oh nein, das alles ragt auch hinein in den christlichen Bereich. Die Süchtigen in der christlichen Gemeinde nehmen ständig zu! Die Ursache dafür liegt tief im einzelnen Menschen. Sie liegt in der Suche nach Erfüllung. Wer süchtig wird, der wird es eben nicht, weil ihn der Alkohol oder die Droge binden oder weil ihm das alles gar schmeckt; das ist ein falscher Denkansatz! Es ist vielmehr so: die Sucht nach Erfüllung des Lebens lässt Menschen zum Alkohol, zur Droge greifen.

Wer innerlich leer ist, ausgehöhlt; wer nach Leben schreit – der sucht sich einen Brotkönig. Und wo Jesus weise geflohen ist und sich diesem falschen Bedürfnis der Menschen entzieht, da sagt der König Alkohol oder der Gott Arbeit oder die Göttin Erfolg: „Gern befriedige ich Deine Bedürfnisse. Hier bin ich, wundertätig, mild und einschläfernd. Bei mir vergisst Du deinen Hunger – auch den Hunger nach Leben. Und wenn Du aufwachst, bist Du bereits ruiniert an Leib und Seele, hast Dich kaputt getrunken, gearbeitet, gegessen!“

Warum, liebe Gemeinde, sind die Christen heute so wichtig? Gewiss auch deshalb, weil sie noch die einzigen sind, die einen Weg wissen, von der Befriedigung des Appetits auf alles Mögliche zur Stillung des Lebenshungers zu kommen. Das Evangelium will erfüllen – ganz und gar und überall! Gute Nachricht für alle Lebenshungrigen! Aber – wie?

In unserem Abschnitt flieht Jesus vor der Masse. Als diese Leute ihm aber nachgehen, um ihn doch noch zu überreden – das JohEv berichtet uns von einer Segelregatta über den See Genezareth, immer dem Boot Jesu hinterher – da sagt er: „Verschafft Euch doch nicht die Speise, die vergänglich ist, sondern die, die für das ewige Leben vorhält. Ich bin das Brot des Lebens. Wer zu mir kommt, der wird nimmermehr hungern.“ Das ist es:

Christen wissen den Weg zum Brot des Lebens. Und die Menschen unseres Landes suchen in ihrem Überfluss nach genau diesem Brot. Christen stellen sich allem Irrtum entgegen und reichen das Brot des Lebens – in großem Überfluss der Liebe. Deshalb sind Sie wichtig. Geben Sie von Ihrem Lebensbrot, dem guten Evangelium, an andere! Und danken Sie Gott für dieses Brot, von dem Sie leben. Wir brauchen nicht missbilligend auf die Abhängigen unserer Gesellschaft zu blicken. Im Gegenteil: jeder Süchtige ist eine stille Anklage an eine glaubenslose Gesellschaft. Aber aus dem Überfluss der Liebe weitergeben – das ist eine wunderbare Aufgabe. Sonst gehen uns die Menschen kaputt!

Und deshalb erlauben Sie mir, an dieser Stelle einmal eine klare Selbstbestimmung unserer FeG Fürstenfeldbruck:

Wir brauchen nichts weniger als Brotkönige, Wundertäter und Heilungsspezialisten, die die Sucht nach Übernatürlichem befördern und am Ende Unzufriedenheit und Enttäuschung zurücklassen.

Solange diese Gemeinde besteht, hat es aber immer ausreichend von dem Brot des Lebens gegeben, von dem Leben spendenden Evangelium. Alle bisherigen Pastoren haben es gepredigt, ich habe mich bemüht, es weiterzugeben, so wie an diesem Morgen. Bis heute kann ein Mensch hier dieses rettende Wort hören, annehmen und sein Leben verändern. Und Jesus Christus segne uns mit einem unerschütterbaren Vertrauen in die Kraft dieses Evangeliums, das auch in Zukunft, so wie bisher, Gemeinde bauen, festigen und erblühen lassen wird – und allen Lebenshunger für immer stillen. –

Amen.

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