Vor Gott klagen dürfen

Klagen Sie – damit Sie vertrauen können. Gott segne Sie im Verständnis dieser sonntäglichen Botschaft von ermutigender Klage!

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Vor Gott klagen dürfen
Reihe
Datum
16.08.2015
Länge
26:01
Bibelstelle
Psalm 80
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

1 Ein Lied Asafs, nach der Melodie „Lilien“, ein Bekenntnislied.
2 Höre uns, Gott, du Hirte Israels, der du dein Volk wie eine Herde hütest! Der du über den Cherub-Engeln thronst – erscheine in deinem strahlenden Glanz!
3 Zeige deine Macht den Stämmen Ephraim, Benjamin und Manasse! Komm und hilf uns!
4 O Gott, richte uns, dein Volk, wieder auf! Wende dich uns in Liebe zu, dann sind wir gerettet!
5 Herr, du Gott über Himmel und Erde, wie lange willst du noch zornig auf uns sein, obwohl wir zu dir beten?
6 Tränen sind unsere einzige Speise – ganze Krüge könnten wir mit ihnen füllen!
7 Unsere Feinde spotten über unsere Ohnmacht, sie streiten sich schon über unser Land.
8 Herr, du Gott über Himmel und Erde – richte uns, dein Volk, wieder auf! Wende dich uns in Liebe zu, dann sind wir gerettet!
9 In Ägypten grubst du den Weinstock Israel aus; du pflanztest ihn ein in einem Land, aus dem du fremde Völker verjagtest.
10 Für ihn hast du den Boden gerodet, so dass er Wurzeln schlagen und sich im ganzen Land ausbreiten konnte.
11 Mit seinem Schatten bedeckte er das Gebirge, bis zu den gewaltigen Zedern im Norden wuchsen seine Reben.
12 Seine Ranken erstreckten sich bis zum Mittelmeer, und bis an den Euphrat gelangten seine Zweige.
13 Warum hast du nur die schützende Mauer niedergerissen? Jetzt kann jeder, der vorüberkommt, ihn plündern!
14 Die Wildschweine aus dem Wald verwüsten ihn, die wilden Tiere fressen ihn kahl.
15 Herr, du Gott über Himmel und Erde – wende dich uns wieder zu! Schau vom Himmel herab und rette dein Volk!
16 Kümmere dich um den Weinstock, den du selbst gepflanzt hast; sorge für den jungen Spross, der durch dich erst stark wurde!
17 Unsere Feinde haben ihn abgehauen und ins Feuer geworfen; doch wenn du ihnen entgegentrittst, kommen sie um.
18 Beschütze dein Volk, das du erwählt hast und das durch dich erst stark wurde!
19 Dann wollen wir nie mehr von dir weichen. Erhalte uns am Leben, dann wollen wir dich loben.
20 Herr, du Gott über Himmel und Erde – richte uns, dein Volk, wieder auf! Wende dich uns in Liebe zu, dann sind wir gerettet!

Predigt

Liebe Gemeinde,

ich möchte versuchen, in der Ferienzeit in den Predigten Themen aufzugreifen, die, wenn möglich, seelsorgerlichen Inhalt haben und ermutigen können.

Und ich finde es sehr ermutigend, was die Bibel zum Beispiel über den Umgang mit schlechten Gefühlen sagt, mit dem Bedürfnis zu klagen, Beschwerde zu führen und auszusprechen, anstatt alles unter einen Teppich des Wohlwollens oder des Verdrängens zu kehren.

Deshalb heute morgen – das Thema „Klage“.

Liebe Gemeinde,

in diesem Psalm klagt ein Mensch, klagt die AT – Gottesgemeinde. So tut es in diesem Lied des Asaph. Und vielleicht erstaunt es Sie zu hören, dass 1/3 aller Psalmen in der Bibel Klagepsalmen sind. Psalmen also, in denen im Vordergrund die Klage an Gott steht. Die Klage über Krankheit, über Todesangst. Die Klage angesichts der Verhöhnung und Verfolgung durch Menschen. Die Klage in Zweifeln und Sündenlast, unter Bedrückung, bei Rechtsbruch. Auch die Klage über das Überhandnehmen der Ungläubigen. Es wird geklagt in der Bibel – angesichts der Kriege, der Niederlagen, angesichts von Seuchen und Teuerung im Lande.
Es wird geklagt in der Bibel. Warum, das soll im letzten Punkt dieser Predigt deutlicher werden. Aber dies ist erst einmal die Erfahrung:
Alttestamentliche Gläubige haben sich nicht gescheut, vor Gott zu jammern, ihm ihr Elend auszuschütten und ihn zu bedrängen mit ihrer Seelenlast.
Und wir Menschen des NT? Klagen wir noch? Vor wem klagen wir? Wen klagen wir an? Können wir überhaupt noch vor Gott klagen? Oder klagen wir bloß noch einander unser Leid? Und: werden wir frei von dieser Klage? Oder schleppen wir das Belastende unseres Lebens mit uns herum wie einen schweren, viel zu schweren Rucksack?
Deshalb:

1. Christen lesen und beten die Psalmen anders

Es gibt im NT Beispiele für die neutestamentliche Auslegungsweise der Psalmen durch die Apostel.
Zum Beispiel zitiert Pls in Apg. 13 den Psalm 16,10, der von David sagt: „Du wirst nicht zugeben, dass Dein Heiliger die Verwesung sieht.“
Und Pls greift dieses Wort über David auf und sagt dazu folgendes: „Denn nachdem David zu seiner Zeit dem Willen Gottes gedient hatte, ist er entschlafen und zu seinen Vätern versammelt worden und hat die Verwesung gesehen. Der aber, den Gott auferweckt hat, der hat die Verwesung nicht gesehen.“ Pls sieht also in Ps. 16 schon einen Hinweis auf Christus. Und etliche Male wird im NT von Christen ein Psalm so anders gelesen – als Hinweis auf Christus, der weit über die Zeit der Psalmen hinausweist auf den Messias der Zeitenwende. Christen lesen also in diesem Sinne auch das Buch der Psalmen anders, nämlich – christozentrisch, mit Christus im Zentrum der Bibel, auch des AT!
Aber Christen lesen auch noch in anderer Weise anders. Gerade was die Klagepsalmen betrifft, haben sie eine neue Ausgangsposition. Helmut Lamparter schreibt in seiner Psalmenauslegung: „Ein Drittel der Psalmen sind Klagelieder – ein Zeichen dafür, wie tief das volle Heil in Jesus Christus den Frommen des Alten Bundes noch verborgen war.“
Christen haben demnach weniger Grund zum Klagen. Warum? Weil sie in Christus denjenigen kennen gelernt haben, der alle Macht hat, der auf alle Lebenslagen hin antwortet mit seiner vergebenden Liebe; weil Jesu tröstet und heilt, bewahrt und segnet. Und weil er uns damit den Ort zeigt, an dem wir das, was uns belastet, abgeben können – das Kreuz Jesu als Zeichen unseres Heils.
Also: das gilt es festzuhalten: Christen haben weniger Grund zur Klage. Sie lesen deshalb die Psalmen anders.
Aber: klagen Christen deshalb nie? Haben sie niemals Grund zur Klage? Und wenn sie klagen – wie gehen sie damit um? Und damit sind wir nochmals bei den einleitenden Fragen zu unserem Umgang mit der Klage – und beim 2. Gesichtspunkt:

2. Klagen dürfen heißt: Gott hält mich aus!

Es gibt sicherlich Erfahrungen im zwischenmenschlichen Bereich, z.B. in der Ehe, wo Menschen sich scheuen, einander ihre Klage zu sagen. Da ist vielleicht ein Ehepartner unglücklich. Er hat Schwierigkeiten mit sich selber, mit seinem Beruf. Tief in ihm steckt die Klage. Aber er hat gemerkt: wenn ich zu oft damit herauskomme, wenn ich dem Partner meine Klage zu oft und zu offen nenne, dann geht dem das immer mehr auf die Nerven. Und vielleicht ist dann irgendwann schon der Satz gefallen: „Ach, jetzt hör‘ doch endlich auf mit deinem Geklage. Ich werde ja auch schon ganz trübsinnig. Ich kann das nicht mehr hören. Bete lieber dafür!“
Klage, allzu oft wiederholte Klage, kann Abstand schaffen zwischen Menschen. Möglicherweise ist da auch das Gefühl: Der andere hält mich damit nicht aus. Nicht auf Dauer. Und was bleibt, ist die Angst, sich dem anderen zu entfremden. Also verstummt die Klage – äußerlich. Nur innerlich ist sie noch da – und tut weh.

Ich bis sicher, dass diese allgemeine menschliche Erfahrung auch vor 2000 und 3000 Jahren möglich war. Und deshalb bin ich auch der Überzeugung, dass damals wie heute gilt: „Klagen dürfen heißt: Gott hält mich aus!“
Schauen Sie Sich die Klagepsalmen daraufhin einmal an: was wird da geklagt!! Über Persönliches, über Allgemeines. Aber immer in großer Betroffenheit. Und immer in der Überzeugung: Gott hört das. Er muss das hören und anhören. Und er muss das aushalten.
Und was hält Gott nicht alles aus! Kleine und große Sorgen; Anfragen an sein göttliches Handeln. Anklagen eines Hiob, der Gott bei seiner Verantwortung packt. Oder hier in Ps. 80 dieses fordernde: „Du musst jetzt doch endlich etwas tun! Du kannst doch nicht dauernd zusehen. Du kannst Dein Volk doch nicht vergessen.“
Und eines bewundere ich bei den klagenden Psalmbetern: sie leben in dem tiefen Bewusstsein: Gott hält mich aus. Gott ist größer; er ist immer größer als meine Klage; er ist immer größer als meine Anklage, als meine Herausforderung.
Gott ist immer größer – d.h.: er zürnt mir nicht gleich, wenn ich ihn anfrage. Er verstößt mich nicht, wenn ich herausfordernd klage. Er hält mich aus. Er liebt mich. Deshalb versteht er mich. Deshalb erhält er mich. Die AT – Beter klagten in dem tiefen Bewusstsein: „Gott kann ich meinen ganzen Krempel vor die Füße knallen. Er hört mich an!“
Und ich frage wieder: Was machen wir mit unserer Klage? Können wir Gott noch wirklich unser Leid klagen, ihn anfragen? Ihm unseren Zweifel nennen? Ihm die Ungereimtheiten unseres Lebens vor die Füße schleudern?

Oder geben wir uns zu schnell mit frommen Lösungen zufrieden? Sind wir zu schnell bei einer frommen Antwort? Bei dem „Sein Wille geschehe“ – obwohl wir mit seinem Willen noch gar nicht fertig sind und innerlich noch heftig rebellieren?
Sagen wir das nicht oft zu schell, was ja wahr ist: „Gott macht keine Fehler“ – Zu schnell, weil in unserem Inneren noch die Klage ist, weil es in uns jammert: „Warum, Gott? Warum nicht anders?“

Klagen heißt: Gott hält mich aus!
Klagen heißt: Ich darf!
Ich darf ihm sagen: „Gott, Du siehst, wie der Mensch, um den es mir geht, nach Dir sucht. Du hörst doch, wie er mir sagt: ‚Ich kann Gott nicht finden`. – Gott, mach jetzt doch was! Jetzt bist Du dran. Ich beklage mich bei Dir! Warum tust Du nichts – zu Deiner Ehre? Zeige doch endlich, dass das wahr ist, dass, wer Dich sucht, dass der Dich auch findet!“

Klagen heißt: Gott hält mich aus!
Ich darf ihm sagen: „Gott, jetzt hast Du mich diesen Weg geführt. Ich bin ihn gegangen. Ich habe standgehalten. Ich habe mir Feinde gemacht. Ich habe auch auf Deine Verheißungen vertraut. Aber jetzt geht’s mir schlecht. Jetzt sind meine Kraftreserven ausgeschöpft. Jetzt klage ich Dir mein Leid. Meine Niedergeschlagenheit. Jetzt musst Du handeln. Gott, warum handelst Du nicht? Warum bestätigst Du meinen Weg jetzt nicht vor den anderen? Wo bist Du, Gott?“
Klagen heißt: Gott hält mich aus.
Ich darf ihm sagen: „Gott, jetzt hast Du meine familiäre Situation so verändert. Jetzt sind ohne unser Zutun Schwierigkeiten gekommen, die mir und meinem Partner manchmal die Luft abschnüren. Warum hast Du das zugelassen? Warum bringst Du Deine Gefolgsleute so in Schwierigkeiten? Ich klage Dir mein Leid!“
Klagen heißt: Gott hält mich aus.
Auch wenn ich ihm sage: „Gott, jetzt habe ich mich so gefreut auf den anderen Menschen. Ich glaubte schon, den Partner fürs Leben gefunden zu haben. Und jetzt ist alles wieder anders gekommen. Warum hast Du das zugelassen? Warum hast Du mich wieder einsam gemacht? Warum?“

Nochmals: Klagen dürfen heißt: Gott hält mich aus.
Er ist nicht so klein, so kleinlich und verletzbar, wie ich mir Gott manchmal vorstelle. Er bestraft nicht jeden kleinen Zweifel sofort und unerbittlich. Er hat in Jesus Christus deutlich gemacht, was für ein großes Herz er hat; wie weit er mit uns mitgeht, wie sehr er uns in unserer Klage und Anklage lieb behält.
Wagen Sie doch, zu klagen, bevor Sie die christliche Antwort geben. Klage, die ich im Innersten verschließe, ist wie Gift. Sie zerstört langsam meine Freude und meinen Glauben. Klage gehört an Gottes und Christi Ohr. Dann aber passiert folgendes:

3. Klagen dürfen heißt: den Weg der neuen Hoffnung gehen!

Eines wird ganz deutlich beim Lesen der Klagepsalmen: der klagende, Gott sein Leid herausfordernd klagende Mensch steht auf einem Fundament. Und dieses Fundament heißt: Gott liebt mich. Er liebt sein Volk. Gott ist lebendig. Er ist da.

Und dieses Fundament nun ist wichtig. Ohne dieses Fundament wird Klage gegen Gott zur blinden Anklage. Ohne dieses Fundament läuft der Klagende Gefahr, ungerechte Forderungen zu erheben und sich schließlich von einem vermeintlich ungerechten Gott abzuwenden.

Die Psalmbeter aber klagten von einem sicheren Fundament aus. Sie wussten bis tief in ihre Seele hinein: Wenn ich klage, hört der Lebendige Gott mir zu. Er ist ja für mich. Er liebt ja sein Volk. Auf ihn ist ja letztlich Verlass.
Und dann passiert in Klagepsalmen immer wieder das Wunderbare: der Psalmbeter geht den Weg von der Klage zur Hoffnung. In Psalm 80 lautet der Kehrvers immer wieder: „Herr, Gott, tröste uns wieder! Lass leuchten Dein Angesicht, so genesen wir!“ Das heißt doch: Da ist Hoffnung. Da kann geheilt werden. Und da wird geheilt.

Und hören Sie noch aus einem anderen ergreifenden Psalm diese Sätze:

Ich aber hätte beinahe an Gott gezweifelt; fast hätte ich den Glauben aufgegeben..
Als ich verbittert war und mich vor Kummer verzehrte, da war ich dumm wie ein Stück Vieh, denn ich verstand Dich nicht.Psalm 73,2,21,22

– Das ist Klage! – Und dann, sofort danach:

VV 23-26:

Jetzt aber bleibe ich immer bei Dir, und du hältst mich bei der Hand. Du führst mich nach Deinem Plan und nimmst mich am Ende in Ehren auf. Herr, wenn ich nur Dich habe, bedeuten Himmel und Erde mir nichts. Selbst wenn alle meine Kräfte schwinden und ich umkomme, so bist du doch, Gott, allezeit meine Stärke – ja, Du bist alles, was ich habe.Psalm 73, 23-26

Was für ein Vertrauen klingt aus diesen Versen, welche Freude über Gott. Hier ist ein Mensch durch die heftige Klage hindurch den Weg der Hoffnung und des neuen tiefen Vertrauens gegangen. Und genau das ist der Weg, den uns die Klagepsalmen weisen wollen. Das ist der Weg durch die Klage zu neuem Vertrauen.
Und das bedeutet: Christen lesen die Psalmen anders als der Beter des AT. Aber Christen werden letztes Vertrauen, letzte Hoffnung und Freude im Glauben nur behalten, nur behalten – wenn sie es nicht verlernen oder verdrängen, vor Gott in Jesus Christus zu klagen. Denn die Klage, die in mir bleibt, die ich nicht zulasse, die ich mit christlichen Worten ersticke, die wird immer gegen meinen Glauben und mein Vertrauen aufstehen und kämpfen, die wird mich unfroh erhalten. Die wird auch andere anklagen. Und anderen mein Leid klagen!

Klage aber, die ich in dem tiefen Vertrauen vor Gott aussprechen kann, dass er mich hört, dass er mich versteht, dass er mich liebt und mir hilft – solche Klage ist der Weg zu neuem tiefem Vertrauen und einem dann doch wieder fröhlichen Weg mit Gott.
Die Klage bewahrt mich davor, andere Menschen oder mich selbst in sinnloser Weise anzuklagen. Sie erspart mir ggfs. nicht den Weg der Vergebung und der Reue. Sie erspart mir auch nicht das Bemühen um neuerliches Vertrauen. Aber sie macht meinen Glauben fest.
Und deshalb ist die Botschaft der Klagepsalmen an uns nicht geprägt von Traurigkeit und Trübsal, sondern von einem Aufruf zu festem Vertrauen auf einen Herrn, der immer größer ist als wir; der immer weiter ist wir; der immer mehr sieht als wir.

Klagen Sie – damit Sie vertrauen können. Gott segne Sie im Verständnis dieser sonntäglichen Botschaft von ermutigender Klage!

Kommentar verfassen