„Die Geschichte“ Nr. 5 – Neue Gebote und ein neuer Bund

Die 10 Gebote geben den Menschen Orientierungen, wie sie Freiräume für sich und andere schaffen können: Die „Zehn Gebote“ – die „Zehn großen Freiheiten“ – aber dürfen wir so denken? Ist das nicht eine ziemlich verrückte Interpretation der Zehn Gebote?

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
„Die Geschichte“ Nr. 5 – Neue Gebote und
ein neuer Bund“
Reihe
Die Geschichte
Datum
18.10.2015
Länge
26:20
Bibelstelle
2. Mose 20

Lesungstext

1 Dann redete Gott. Er sprach: 2 „Ich bin der Herr, dein Gott; ich habe dich aus der Sklaverei in Ägypten befreit. 3 Du sollst außer mir keine anderen Götter verehren! 4 Fertige dir keine Götzenstatue an, auch kein Abbild von irgendetwas am Himmel, auf der Erde oder im Meer. 5 Wirf dich nicht vor solchen Götterfiguren nieder, bring ihnen keine Opfer dar! Denn ich bin der Herr, dein Gott. Ich dulde keinen neben mir! Wer mich verachtet, den werde ich bestrafen. Sogar seine Kinder, Enkel und Urenkel werden die Folgen spüren! 6 Doch denen, die mich lieben und sich an meine Gebote halten, bin ich gnädig. Über Tausende von Generationen werden auch ihre Nachkommen meine Liebe erfahren. 7 Du sollst meinen Namen nicht missbrauchen, denn ich bin der Herr, dein Gott! Ich lasse keinen ungestraft, der das tut! 8 Achte den Sabbat als einen Tag, der mir allein geweiht ist! 9 Sechs Tage sollst du deine Arbeit verrichten, 10 aber der siebte Tag ist ein Ruhetag, der mir, dem Herrn, deinem Gott, gehört. An diesem Tag sollst du nicht arbeiten, weder du noch deine Kinder, weder dein Knecht noch deine Magd, auch nicht deine Tiere oder der Fremde, der bei dir lebt. 11 Denn in sechs Tagen habe ich, der Herr, den Himmel, die Erde und das Meer geschaffen und alles, was lebt. Aber am siebten Tag ruhte ich. Darum habe ich den Sabbat gesegnet und für heilig erklärt. 12 Ehre deinen Vater und deine Mutter, dann wirst du lange in dem Land leben, das ich, der Herr, dein Gott, dir gebe. 13 Du sollst nicht töten! 14 Du sollst nicht die Ehe brechen! 15 Du sollst nicht stehlen! 16 Sag nichts Unwahres über deinen Mitmenschen! 17 Begehre nicht, was deinem Mitmenschen gehört: weder sein Haus noch seine Frau, seinen Knecht oder seine Magd, Rinder oder Esel oder irgendetwas anderes, was ihm gehört.“ 18 Als die Israeliten den Donner und den Klang des Horns hörten, als sie die Blitze und den rauchenden Berg sahen, zitterten sie vor Angst und zogen sich vom Fuß des Berges zurück. 19 Sie sagten zu Mose: „Rede nur du mit uns, wir wollen auf dich hören! Gott selbst aber soll nicht mehr zu uns sprechen, sonst sterben wir noch!“ 20 Doch Mose beruhigte sie: „Habt keine Angst! Gott ist gekommen, um euch auf die Probe zu stellen. Er will, dass ihr Ehrfurcht vor ihm habt und keine Schuld auf euch ladet.“ 21 Das Volk blieb in einiger Entfernung vom Berg stehen. Nur Mose näherte sich der dunklen Wolke, in der Gott war.
Vorschriften für das Errichten von Altären
22 Der Herr sprach zu Mose: „Sag den Israeliten: Ihr habt selbst gesehen, wie ich vom Himmel her zu euch geredet habe. 23 Macht euch keine Götterfiguren aus Silber oder Gold, die ihr außer mir noch anbetet! 24 Errichtet für mich einen Altar aus Erde, und bringt auf ihm Schafe, Ziegen oder Rinder als Brand- und Dankopfer dar! Ich werde euch zeigen, wo ihr mir zu Ehren opfern sollt. Dann will ich zu euch kommen und euch segnen. 25 Wenn ihr mir einen Altar aus Steinen errichtet, so verwendet dazu nur unbehauene Feldsteine. Denn ihr würdet den Altar entweihen, sobald ihr ihn mit dem Meißel bearbeitet. 26 Baut den Altar ohne Stufen, damit man euch nicht unter das Gewand sehen kann, wenn ihr hinaufsteigt!“

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

ich finde diese Comics gut. Sie sind pfiffig und machen Lust auf mehr Bibel. Und wir machen jetzt weiter, so wie die KiGoKids hier angefangen haben.
Tja – und wir können sagen: Der Stoff, aus dem die 10 Gebote gemacht sind, ist – im Wesentlichen – wirklich Teil der Geschichte der Menschheit. Kulturgut im besten Sinne dieses Wortes! Und es schadet ihrem Ansehen wenig, dass die Gesetzessammlung des Hammurabi beispielsweise unseren 10 Geboten sehr ähnelt; sie entstand aber in einer anderen Zeit.

Was also sind für uns die 10 Gebote?

  • Gottes Vorschläge zur Gestaltung des Lebens?
  • Orientierungen für ein gedeihliches Miteinander der Menschen, die seit jeher voneinander so verschieden waren, wie wir heute auch?
  • Oder Beschreibung von Freiheiten, die dem Leben Würze geben?

„Da machte sich auch auf Moses, der Israelit, dass er hinginge auf den heiligen Berg, um zu empfangen von Gott, dem Herrn, Orientierungen für den Weg durch die Zeit“

, könnten wir heute formulieren.
Das klingt nach Lukas 2, der vertrauten Weihnachtsgeschichte. Und der „Empfang der Zehn Gebote“ ist ja auch das erste „Weihnachtsfest“: ein Geschenk. Und keine Verbote in unserem Sinn. Orientierungen eben, die etwas mit innerer Freiheit zu tun haben.
Im hebräischen Text ist die Formulierung, die Luther mit „Du sollst nicht …“ übersetzte, etwa so gemeint:

„Für ein gelingendes Leben ist es ratsam:

  • die Wirklichkeit, die größer ist als meine Wahrnehmung, ernst zu nehmen (1. Orientierung)
  • diese Wirklichkeit zu benennen und nicht um den heißen Brei herumzureden (2. Orientierung)
  • den Alltag so zu strukturieren, dass Zeit bleibt, eben darüber nach zu denken (3. O.)
  • die eigenen Wurzeln im Auge zu behalten und zu pflegen (4. O.)
  • das Leben anderer zu achten, weil man auch so sehr am eigenen hängt (5. O.)
  • die Beziehungen zu achten, in denen wir leben (6., 9., 10. O.)
  • im sprachlichen Umgang mit anderen offen, ehrlich und liebevoll zu sein (8. O.)

Das klingt anders – leichter, sanfter, meint aber nichts anderes als die 10 Gebote!

Und es ist genau so verbindlich gemeint. Die 10 Gebote geben den Menschen Orientierungen, wie sie Freiräume für sich und andere schaffen können: Die „Zehn Gebote“ – die „Zehn großen Freiheiten“ – aber dürfen wir so denken? Ist das nicht eine ziemlich verrückte Interpretation der Zehn Gebote?

Ein erstes Beispiel für Orientierung: das erste Gebot:
„Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere Götter haben neben mir”.

Liebe Gemeinde,

waren die Zehn Gebote, die Art, wie sie zustande kamen und die Besonderheiten ihrer Aussagen nicht wirklich eine verrückte Angelegenheit zwischen Gott und seinem Volk damals. Und ist die Sache mit Gott nicht bis heute so – verrückt?

Irgendetwas am christlichen Glauben war niemals so richtig „normal“. Ein paar Beispiele aus der jüngeren Vergangenheit – im Vergleich zur Entstehung der 10 Gebote…

Das war so, als Luther den kirchlichen Trott durchbrach und die Reformation erfand. Das war im 19. Jahrhundert der Fall, als ein Hinrich Wichern und andere sich der Armen und Entrechteten annahmen.
Oder als Johannes Kepler entdeckte, dass sich die Erde um die Sonne dreht; als die christlichen Atomphysiker des beginnenden 20. Jahrhunderts erkannten, dass alle bisherigen „naturwissenschaftlichen“ Erkenntnisse gar nicht so „genau“ sind – da waren das für die weniger informierten Zeitgenossen „verrückte Ideen“. Verrückt, weil sie das herrschende Bild von Wirklichkeit verrückten. Kepler und Heisenberg und Planck waren zu ihrer Zeit „verrückte Denker“.

Wodurch eigentlich hatte sich zuerst der Glaube an den einen Gott Jahwe und später das Christentum in der damaligen Welt durchgesetzt? Mit Macht doch nicht.

Christen wurden in den ersten drei Jahrhunderten massiv unterdrückt und blutig verfolgt. Jesus von Nazareth war in den Augen seiner Zeitgenossen ein Versager, Paulus ein Hysteriker, Petrus ein Hypochonder, Johannes ein Weichling,
Judas ein Verräter.
Überzeugende Führungspersönlichkeiten sehen anders aus.
Was aber war es dann? Was liess das Vertrauen an einen lebendigen redenden und handelnden Gott niemals untergehen?
Eine der ältesten Schriftstellen im Neuen Testament gibt die Richtung an, in der sich das Nachdenken lohnt. Philipper 2 – der große Christus-Hymnus (Phil. 2/5-11) beschreibt die Selbst- erniedrigung Jesu. “Er war gehorsam bis zum Tode, ja bis zum Tode am Kreuz“. Verrückt, oder?

Und eines der eindrücklich-ärgerlichsten Gleichnisse, die von Jesus überliefert und dann aufgeschrieben wurden, steht in Matth 20,1-16: die Sache mit den Arbeitern im Weinberg, die unterschiedlich viel arbeiten und doch denselben Lohn bekommen.

Liebe Gemeinde, der heruntergekommene, vom Himmel herabgekommene Gott setzt andere Maßstäbe, nach denen er urteilt und handelt. Die Umwertung der Werte ist sein Ziel. Darin ist Gott total verrückt. – Darf man das so sagen?
Irgendwie absurd. Absurd, aber wahr.

Und vielleicht liegt hier der Schlüssel dafür, zum Beispiel das 1.Gebot zu begreifen:

“Ich bin der Herr, dein Gott.
Du sollst nicht andere Götter haben neben mir”.

Oder ein anderes Beispiel: das dritte Gebot:
„Du sollst den Feiertag heiligen

„Setz’ Dich nicht dauernd unter Druck!“

  • „Du musst Deinen übervollen Terminkalender nicht wie eine Monstranz vor Dir her tragen!“
  • „Nimm’ Dir Zeit!“
  • „Mach’ mal ‚ne Pause!“

Vielleicht käme ein Mose heute vom heiligen Berg mit solchen Sprüchen herunter.

Das „3.Gebot“ ist eine wesentliche Rückbesinnung auf den biblischen “Schöpfungsbericht”.
Das 3.Gebot weht wie ein Trostwort aus uralter Zeit zu uns herüber. Die Menschheit weiß das seit Jahrhunderten. Aber die Schwierigkeiten im Umgang mit der Zeit nehmen eher zu. Stress-Situationen werden zum Leistungsnachweis. Von Ruhe kann keine Rede sein. Wenn aber doch von Ruhe geredet wird, meint man Ausschlafen, Auspendeln und Regenerierung der Kräfte.

Die „Pausen-Orientierung“ des 3.Gebotes könnte eine freundliche Mahnung Gottes sein: Jedes Mal, wenn du vergißt, dass der Sinn deines Lebens nicht nur in der Arbeit liegt, wirst du unruhig, unduldsam und ungenießbar. Du benötigst Räume der Stille und Erholung. Ich erinnere dich immer wieder daran. Nicht mehr, aber auch nicht weniger!

So werden aus Sonntagen von Gott eingerichtete Ruhetage und Erinnerungstage:

Und noch ein drittes Beispiel: die Beziehungsgebote:
das vierte, sechste und achte Gebot

Und da schlage ich gleich einmal den Bogen hin zur Bergpredigt. Jesus hat diese Gebote zitiert und dann interpretiert.

Von ihm wird berichtet, dass er das uralte mosaische Gesetz verschärft, aber seine Einhaltung – vor allem da, wo es um Beziehungen untereinander geht – ad absurdum führt.
Was machen wir – kleine Erinnerung an „GemeinsamAufKurs 2015“ – mit diesen Sätzen im 5. Kapitel des Matthäus- Evangeliums:

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht töten! – Ich aber sage euch: Wer mit seinem Bruder (nur) zürnt, der ist des Gerichtes schuldig.“

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Du sollst nicht ehebrechen! Ich aber sage euch: Wer eine Frau (nur) ansieht, sie zu begehren, der hat die Ehe schon gebrochen in seinem Herzen.“

„Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch: wenn dich jemand auf deine rechte Backe schlägt, dem biete die andere auch dar.“

In unsere Zeit übertragen könnte es das Mobbing sein, das schon die Gebote anprangern und das Jesus hier meint: Wir machen andere „schlecht“.
Zur Zeit Jesu und lange danach hieß das „Falsch Zeugnis reden wider den Nächsten“ (8.Gebot).

Oder es geht um das Generationenproblem: Wir finden tausend Gründe dafür, Eltern Respekt und Achtung zu verweigern. – „Der alte Herr kommt ja doch aus einer ganz anderen Welt!“ (4.Gebot)

Oder eine Beziehung geht kaputt: „Ach, das kann vorkommen. Wir sind alle nur fehlerhafte Menschen!“

Nur – so einfach ist das nicht! Das ist ja Schuld. Und das trennt uns laut der Gebote von Gott.

An diesen Beziehungs-Gesetzen IV, V, VI, VIII gehen wir so richtig ein. Was Mose einst vom Sinai mitbrachte, ist dann wohl eher blanker Wahnsinn, purer Verzicht auf jede Hoffnung.

Aber, liebe Gemeinde, so ist das eben nicht!

Da kommt nämlich ins Spiel, was die Bibel Barmherzigkeit nennt. – Die 10 Gebote sind keine Gesetze, an denen wir alle kaputtgehen sollen. Nein! Es sind Orientierungen, Freiheiten!

Wenn ich diese Gebote auch nicht absolut einhalten kann, dann kann ich doch in der “Freiheit der Barmherzigkeit Gottes” versuchen, Glauben und Handeln im Sinne Jesu verbindlich “auszuprobieren“.

Und deshalb am Ende noch einmal ein Versuch, die zehn Gebote so zu verstehen, wie Gott sie damals dem Volk Israel geschenkt hat: als ein Geländer durch eine dunkle Periode des Altertums, das zur Freude an und mit Gott führen sollte:

Ich will Gutes für Dich, meint der Barmherzige:

  1. Du musst nicht weitersuchen nach Sinn für Dein Leben.
    Ich, Dein Gott, bin der Sinn.
  2. “Ich werde sein, der ich sein werde” und lasse mich nicht festlegen.
    Wer es dennoch versucht, missversteht mich.
  3. Zeit ist eine meiner kostbarsten Erfindungen.
    Du musst nicht beweisen, dass Du keine Zeit hast. Gönne Dir Pausen!
  4. Vergiss Deine Wurzeln nicht.
    Wer nicht weiß, woher er kommt, erkennt schwerer das Ziel, wohin er unterwegs ist.
    Und die Menschen leben davon, dass Generationen miteinander unterwegs sind.
  5. Gewalt löst kein Problem. Wer andere achtet, gewinnt eigene Würde (Gebote 6,8,9,10).
    Ich habe Menschen mit der Fähigkeit und dem Bedürfnis ausgestattet, nicht allein zu sein. Bindungen sind nicht Fessel, sondern Geländer.
    Wer das nicht beachtet, macht es sich und anderen schwer.

Liebe Gemeinde,

was hat Jesus in den Sand geschrieben –damals, als diese Ehebrecherin vor ihm stand und ihre Feinde ein gesetzestreues Wort Jesu einforderten? Was war seine Botschaft. Wir wissen es bis heute nicht genau. Vielleicht aber dies: „Barmherzigkeit“?

Denn das allein ist unsere, meine und Deine Rettung. Im Alten und im Neuen Testament. Barmherzigkeit Gottes – bis zum Tode am Kreuz.

Amen

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