„Macht hoch die Tür“ – Ein Lied und seine Aussage

Was haben das Adventslied „Macht hoch die Tür“, der 30-jährige Krieg und Psalm 24 gemeinsam? Pastor Gerd Ballon zeigt die Verbindungen auf.

Daten

PredigerGerd Ballon
Thema„Macht hoch die Tür“ – Ein Lied und seine Aussage
ReiheWeihnachtslieder
Datum06.12.2015
Länge13:27
BibelstellePsalm 24

Lesungstext

1 Ein Psalm Davids. Die Erde ist des HERRN und was darinnen ist, der Erdboden und was darauf wohnt. 2 Denn er hat ihn an die Meere gegründet und an den Wassern bereitet.
3 Wer wird auf des HERRN Berg gehen, und wer wird stehen an seiner heiligen Stätte? 4 Der unschuldige Hände hat und reines Herzens ist; der nicht Lust hat zu loser Lehre und schwört nicht fälschlich: 5 der wird den Segen vom HERRN empfangen und Gerechtigkeit von dem Gott seines Heils.  6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, das da sucht dein Antlitz, Gott Jakobs. (Sela.)
7 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe!  8 Wer ist derselbe König der Ehren? Es ist der HERR, stark und mächtig, der HERR, mächtig im Streit. 9 Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, daß der König der Ehren einziehe! 10 Wer ist derselbe König der Ehren? Es ist der HERR Zebaoth; er ist der König der Ehren. (Sela.)

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

ich möchte heute Morgen im Rahmen dieses Abendmahlsgottesdienstes am 2. Advent eine kurze Andacht rund um mein Lieblingsadventlied halten. Lasst uns beginnen, indem wir die erste Strophe singen!

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit,
es kommt der Herr der Herrlichkeit,
ein König aller Königreich,
ein Heiland aller Welt zugleich,
der Heil und Leben mit sich bringt;
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott, mein Schöpfer reich an Rat.

Liebe Gemeinde,

Georg Weissel (oder Wessel) (1590-1635), der Dichter unseres Liedes, gehört zur sogenannten Königsberger Dichterschule um Simon Dach, der wir viele geistliche und weltliche Lieder verdanken. Während aber die weltlichen weithin vergessen sind – Simon Dachs „Ännchen von Tharau“ macht da eine Ausnahme -, hat eine Anzahl geistlicher Gesänge Eingang in den evangelischen Liedschatz gefunden und sich Jugend und Anziehungskraft bis heute bewahrt. Das gilt besonders von verschiedenen Liedern Georg Wessels und hier wieder vor allem von dem alljährlich zur Eröffnung der Adventszeit gesungenen „Macht hoch die Tür…“. Seine herrliche, stürmisch drängende Melodie hat sicher nicht zuletzt dazu beigetragen, die heilige Erregung eines gespannt Wartenden auszudrücken, der sich unmittelbar vor der Ankunft des sehnlich erwarteten Heilandes stehen sieht.

Dabei werden vielerlei Bildelemente aus dem Schatz alttestamentlicher Verheißungen aufgegriffen, vor allem Worte aus dem diesem Lied zugrundeliegenden 24. Psalm, die den Einzug des Königs ankündigen und dazu auffordern, seiner Einzugsstraße festlichen Glanz zu geben: „Machet die Tore weit und die Türen in der Welt hoch, dass der König der Ehre einziehe!“

Er ist gerecht, ein Helfer wert;
Sanftmütigkeit ist sein Gefährt,
sein Königskron ist Heiligkeit,
sein Zepter ist Barmherzigkeit;
all unsre Not zum End er bringt,
derhalben jauchzt, mit Freuden singt:
Gelobet sei mein Gott, mein Heiland groß von Tat!

So drängen sich in diesem Lied zugleich auch Bilder vom Einzug Jesu in Jerusalem auf (Matthäus-Evangelium 21, 1-9). Selbst die auf den Weg gestreuten Zweige gewinnen dabei gleichnishaften Rang: sie sind „die Zweiglein der Gottseligkeit“ und zeigen unsere Hingabe an den, der seinen Einzug bei uns halten will.

Diese unsere eigene Hingabe ist das eigentlich tragende Thema des Liedes. Das wird auf das Ende zu immer deutlicher und eindeutiger. Denn der letzte Vers schließt mit dem Gebet, dass mein eigenes Herz dem Herrn offen stehen und ihm als Tempel dienen möchte. Was hätte auch das gesamte Heilsgeschehen, das auf die Erscheinung Christi zudrängt, für einen Wert, wenn ich mich ihm verschlösse? Was wäre die Geburt des Erlösers nütze, wenn er mir nicht geboren wäre? Was hätte der Einzug in Jerusalem für einen Sinn, wenn ihm der Tempel meines Herzens verriegelt bliebe?

0 wohl dem Land, 0 wohl der Stadt,
so diesen König bei sich hat!
Wohl allen Herzen insgemein,
da dieser König ziehet ein!
Er ist die rechte Freudensonn,
bringt mit sich lauter Freud und Wonn.
Gelobet sei mein Gott, mein Tröster früh und spat!

Liebe Gemeinde,

In diesem Liede ist nur die Freude des Advents zu hören, der Ton der „frohen“ Botschaft. Er soll jedenfalls einer der Eröffnungsakkorde der Adventszeit sein. Dass dieser Advent auch dunkle Farben hat – dass der Weg zum Auferstehungssieg über die Stationen des Leidens und des Kreuzestodes führt -, das ist hier noch nicht zu hören. Die Adventssonntage insgesamt werden auch diese Schatten und Düsternisse nicht verschweigen – wie z.B. der Blick auf die Wiederkunft zum Gericht in der Predigt am Ewigkeitssonntag. Heute aber sollen wir uns ganz für die Freude des Advents sammeln.

Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!
Eur Herz zum Tempel zubereit.
Die Zweiglein der Gottseligkeit
steckt auf mit Andacht ‚ Lust und Freud;
so kommt der König auch zu euch,
ja Heil und Leben mit zugleich.
Gelobet sei mein Gott, voll Rat, voll Tat, voll Gnad!

Vielleicht ist es nützlich und mag uns eine Ahnung von der besonderen Art dieser Freude vermitteln, wenn wir bedenken, dass dieses strahlende Lied mitten im Dreißigjährigen Krieg, im Schrecken von Blut und Tränen, in der Angst vor tödlichen Epidemien – vor allem der Pest – gedichtet wurde. In einer Zeit wie der unsern, die förmlich mit ihren Ängsten und Depressionen kokettiert, tut uns das Beispiel Georg Wessels und Paul Gerhardts gut, die im Angesicht des Schreckens dieser Zeit Lob-, Vertrauens- und Freudenlieder anstimmten. Sie wussten mit dem Psalmisten: „Die Wasserwogen im Meer sind groß und brausen mächtig; der Herr aber ist noch größer in der Höhe“.

Diese, in der Traurigkeit gereifte Freude, ist es, die alle Verse dieses Liedes durchdringt

Komm, o mein Heiland, Jesu Christ,
meins Herzens Tür dir offen ist.
Ach zieh mit deiner Gnade ein;
dein Freundlichkeit auch uns erschein.
Dein Heilger Geist uns führ und leit
den Weg zur ewgen Seligkeit.
Dem Namen dein, o Herr, sei ewig Preis und Ehr!

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