„Vom Himmel hoch, da komm ich her“ – ein Lied und seine Aussage

Im Rahmen dieser Adventssonntage wird ein weiteres altes Adventslied in den Mittelpunkt des Gottesdienstes gestellt. Das Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Martin Luther ist Evangelium pur. Vor allem: Es werden wahrscheinlich zum ersten Mal im Leben alle 15 Strophen gesungen. In den Liederbüchern findet sich nur die Light – Version mit sieben oder acht.

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
“Vom Himmel hoch, da komm ich her” – ein Lied und seine Aussage – Das ganze Evangelium im Kirchenlied
Reihe
Weihnachtslieder
Datum
20.12.2015
Länge
22:42
Bibelstelle

Lesungstext

Zu dieser Predigt gibt es keinen eindeutigen Bibeltext, da sie auf dem Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ beruht.

 

Predigt

Liebe Gemeinde,

im Rahmen dieser Adventssonntage möchte ich ein weiteres altes Adventslied in den Mittelpunkt dieses Gottesdienstes stellen und darüber predigen. Dieses Lied „Vom Himmel hoch, da komm ich her“ von Martin Luther ist Evangelium pur. Wir werden sehen. Vor allem: wir werden wahrscheinlich zum ersten Mal in unserem Leben alle 15 Strophen singen. In den Liederbüchern finden wir nur die Light – Version mit sieben oder acht.

Zunächst ein paar Informationen zum Hintergrund der Entstehung dieses Liedes:

Viel deutet daraufhin, dass Martin Luther sein „Kinderlied auf die Weihnacht“ – wie er es nannte – zum Christfest 1534 geschrieben hat. Dann wäre sein Sohn Hans acht Jahre alt gewesen, Magdalene fünf Jahre, Martin drei und Paul zwei Jahre – und die eben am 17. Dezember geborene Margarete gerade eine Woche jung. Die Familie konnte also – evtl. verstärkt durch Freunde – durchaus dieses Weihnachtslied als Krippenspiel aufführen. Es ist ja ein Lied voller lebendiger Handlung, wie auch Martin Luther überhaupt ein großer Freund dieses alten geistlichen Spiels war, das sich als „Kindleinwiegen“ weiter Verbreitung erfreute: Joseph und Maria, der Verkündigungsengel und die Hirten sangen um eine Krippe oder Wiege vor dem Altar oder vor dem Christbaum in den Häusern. Weihnachtliche Verkündigung alten Stils – und sehr effektiv.

Die erste Melodie, auf die Luther dieses Kinderlied geschrieben hat und die heute nicht mehr musiziert wird, war ein Ringeltanzlied – wir würden heute sagen: ein Bänkelsängerlied. Burschen und Mädchen versammelten sich damals unter der Dorflinde zum abendlichen Singen, Spielen und Tanzen. Eine Art Nachrichtensänger trat in den Kreis und begann seinen Bericht mit dem Vers:

Ich komm aus fremden Landen her,
und bring euch viel der neuen Mär.
Der neuen Mär bring ich so viel,
mehr dann ich euch hie sagen will.

Hier knüpft Martin Luther an. Es geht ihm nicht um irgendeine neue Mär, sondern um die gute neue Mär, um die Frohbotschaft, die er für Kinder nachsingen und weitersagen will. Wohl gegen Luthers Absicht hat sich sein Kinderlied unmittelbar als Gemeindelied durchgesetzt. Er hat in der Tat mit diesem Verkündigungs- und Bekenntnislied wie mit keinem anderen die gute Nachricht von der Geburt Jesu unter die Leute gebracht. Vielleicht war die rasche und weite Verbreitung des Liedes auch ein Grund dafür, dass Luther bald darauf seinen Text von der Weise des alten Ringeltanzliedes gelöst und ihm eine eigene, die von uns heute gesungene Melodie, gegeben hat. Sie ist zusammen mit dem Text ein echtes Volkslied in des Wortes bester Bedeutung geworden. Denn – so Luther – Gottes Wort ist „ein lebendig Wort und eine Stimme, die da in die ganze Welt erschallet…“ (WA 12,259)

Wir singen die Strophen: 1 – 2

1 Vom Himmel hoch, da komm ich her,
ich bring euch gute, neue Mär;
der guten Mär bring ich so viel,
davon ich singen und sagen will.

2 Euch ist ein Kindlein heut geborn
von einer Jungfrau auserkorn,
ein Kindelein so zart und fein,
das soll euer Freud und Wonne sein.

Liebe Gemeinde,

sie ist den meisten von uns wohl vertraut, diese Szene der Heiligen Nacht: Da tut sich der Himmel auf, um dem Verkündigungsengel das Wort zu erteilen: „Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird“. Und darunter stehen jene raubeinigen Hirten, schlaftrunken erst und dann plötzlich hellwach, die als erste die gute neue Mär, Gottes gute neue Kunde, hören dürfen: „Euch ist ein Kindlein heut geborn…“.

Freud und Wonne! Luther sagt: „Das Wörtlein ,Euch‘ sollt uns fröhlich machen. Denn mit wem redet er? Mit Holz oder Steinen? Nein, sondern mit Menschen und nicht mit einem oder zweien allein, sondern mit allem Volk. Was sollen wir nun draus machen? Wollen wir auch weiter zweifeln an der Gnade Gottes…?“

Ja, „wollen wir auch weiter zweifeln an der Gnade Gottes?“ Oder ist nicht diese Geburtsanzeige ein ganz eindeutiger Beweis dafür, dass Gott uns ernst nimmt? Dass er es mit Ihnen und mit mir gut meint? „Gut“ heißt ja ab Weihnachten nicht weniger als „gerettet“. Gerettet aus Sünde und Schuld, gerettet aus Angst und Tod. Gerettet zu einem fröhlichen Leben jetzt und zu dem ewigen Leben jetzt und einst.

Wir singen die Strophen: 3-5

3 Es ist der Herr Christ, unser Gott,
der will euch führn aus aller Not,
er will eur Heiland selber sein,
von allen Sünden machen rein.

4 Er bringt euch alle Seligkeit,
die Gott der Vater hat bereit‘,
dass ihr mit uns im Himmelreich
sollt leben nun und ewiglich.

5 So merket nun das Zeichen recht:
die Krippe, Windelein so schlecht,
da findet ihr das Kind gelegt,
das alle Welt erhält und trägt.

Das hat damals nicht nur die Hirten erstaunt. Das kann auch uns neugierig machen: Was ist das denn für ein Kindlein, das mit einem solchen Aufwand an Engeln und Zeichen angekündigt wird? Das muss doch etwas ganz Besonderes sein! Etwas – was? „Es ist der Herr Christ, unser Gott“. Kein Geringerer ist er als die Mitte der Zeit, als die Erfüllung aller Hoffnungen, als die völlige Zuwendung Gottes zu den Menschen. Aus dem oft fernen und fremden Gott wird unser Gott. In diesem Kindlein der Weihnacht kommt Gott zur Welt, kommt mein Gott zu mir in Jesus Christus.

Dieser „Herre Christ“ hat einen Auftrag: „Er will euch führn aus aller Not“. Alle Not – das ist viel, das ist unvorstellbar viel. Alle Not der Welt! Wir können sie nicht aufzählen und erst recht nicht aufaddieren. Täglich begegnet sie uns mindestens als Nachricht, als – wir müssten sagen -„böse neue Mär“. Doch in alle Not und in alle Bosheit auf Erden hat sich das Kindlein Jesus hinein begeben. Das Licht der Heiligen Nacht und das Leuchten vom Ostermorgen zeigen Spuren an, auf denen der „Herre Christ“ uns aus aller Not führen will. Es sind Spuren des Lebens, das die Tiefe nicht scheut und Spuren des Sieges, den Gott allein geben kann. Keine Patentlösung beschreibt unser Evangelium. Aber es lädt uns ein, uns an Weihnachten von dem Kind an der Hand nehmen zu lassen, Gefährten, mehr noch: Geführte zu werden.

Wir singen nun kraftvoll die vielen Strophen: 6 – 11

6 Des lasst uns alle fröhlich sein
und mit den Hirten gehn hinein,
zu sehn, was Gott uns hat beschert,
mit seinem lieben Sohn verehrt.

7 Merk auf, mein Herz, uns sieh dorthin:
was liegt doch in dem Krippelein?
Wes ist das schöne Kindelein?
Es ist das liebe Jesulein.

8 Sei mir willkommen, edler Gast!
Den Sünder nicht verschmähet hast
und kommst ins Elend her zu mir;
wie soll ich immer danken dir?

9 Ach Herr, du Schöpfer aller Ding,
wie bist du worden so gering,
dass du da liegst auf dürrem Gras,
davon ein Rind und Esel aß!

10 Und war die Welt vielmal so weit,
von Edelstein und Gold bereit‘,
so war sie doch dir viel zu klein,
zu sein ein enges Wiegelein.

11 Der Sammet und die Seiden dein,
das ist grob Heu und Windelein,
darauf du König groß und reich
herprangst, als war’s dein Himmelreich.

Liebe Gemeinde,
es gibt etwas zu sehen! Wir sollen die Augen aufmachen. Mit den Hirten betreten wir den Stall und erleben die Welt der Gegensätze: Äußerlich betrachtet – absolute Niedrigkeit. Mit dem Herzen geschaut und geglaubt – das Wunder aller Wunder: Gottes Sohn.

Dies ist Grund genug, um mit einzustimmen in den Aufruf: „Des lasst uns alle fröhlich sein“. Diese Fröhlichkeit möchte von uns nicht hinter Schloss und Riegel gesperrt werden. Sie will hinein in unser Leben. Sie will sich äußern. Sie will singen und springen, denn – so wurde es einmal formuliert – „Das Volksfest von Weihnachten ist von Gott inszeniert“. Was dies ganz konkret für unser Leben bedeutet, darüber lohnt sich auch künftig noch nachzudenken. Vielleicht sollten wir es tun im Zusammenklang mit dem Satz Luthers: „Christen sind ein selig Volk, die können sich freuen im Herzen und rühmen, pochen, tanzen und springen; das gefällt Gott wohl…“.

Wir singen jetzt die Strophen: 12 – 13

12 Das hat also gefallen dir,
die Wahrheit anzuzeigen mir,
wie aller Welt Macht, Ehr und Gut
vor dir nichts gilt, nichts hilft noch tut.

13 Ach mein herzliebes Jesulein,
mach dir ein rein, sanft Bettelein,
zu ruhen in meins Herzens Schrein,
dass ich nimmermehr vergesse dein.

Liebe Gemeinde,

wir kommen zum Schluss unseres Nachdenken über dieses kraftvolle Weihnachtslied von Martin Luther.
„Wer soll sich dann dieses Kindes annehmen denn die Menschen?“ fragt Martin Luther. Und er fährt fort: „Die Engel bedürfen sein nicht, die Teufel wollen sein nicht, wir aber bedürfen sein und um unsertwillen ist er Mensch geworden. Derhalben gebührt es uns Menschen, dass wir mit Freuden uns sein sollen annehmen“. Und wir dürfen hinzufügen: Auch mit Freuden annehmen, dass Gott uns mit ihm seinen „ein’gen Sohn“ schenkt!

Dieses Ereignis der Weihnacht war für Luther so einschneidend, dass es gleichzeitig den Beginn des neuen Jahres bedeutet.

Alles Heil hat seinen Ursprung in Gottes Geschenk. Dieses große, einmalige, im Grunde genommen unfassbare Geschenk Gottes an uns ist wiederum die Ursache unseres tiefen Dankes: „Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron“.

Liebe Gemeinde,

im Schlussvers des Liedes vereinigen wir uns, wir, die wir heute leben und loben, mit der „Menge der himmlischen Heerscharen“ zu dem Lob, das alle Zeiten und Kontinente umspannt und zusammenhält – und das doch das Leben nur dann verändert, wenn es gleichzeitig unser, Ihr, mein ganz persönliches Lob wird.

Wir singen die Strophen: 14-15

14 Davon ich allzeit fröhlich sei,
zu springen, singen immer frei
das rechte Susaninne schön,
mit Herzenslust den süßen Ton.

15 Lob, Ehr sei Gott im höchsten Thron,
der uns schenkt seinen eingen Sohn.
Des freuen sich der Engel Schar‘
und singen uns solch neues Jahr.

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