Weiter warten – die Legende von dem Schuster Martyn

In der Legende von Vater Martin begegnen wir einem Menschen, der wartet – auf Jesus. Der ihm begegnen wollte. So wie Zachäus auf seinem Baum, so wartet Martyn.

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Weiter warten – die Legende von dem Schuster Martyn
Reihe
Datum
27.12.2015
Länge
35:40
Bibelstelle
Philipper 4,4-7

Lesungstext

4 Freut euch Tag für Tag, dass ihr zum Herrn gehört. Und noch einmal will ich es sagen: Freut euch! 5 Alle Menschen sollen eure Güte und Freundlichkeit erfahren. Der Herr kommt bald! 6 Macht euch keine Sorgen! Ihr dürft Gott um alles bitten. Sagt ihm, was euch fehlt, und dankt ihm! 7 Und Gottes Friede, der all unser Verstehen übersteigt, wird eure Herzen und Gedanken im Glauben an Jesus Christus bewahren.

Predigt

Liebe Gemeinde,

in der Legende von Vater Martin sind wir einem Menschen begegnet, der wartete – auf Jesus. Der ihm begegnen wollte. So wie Zachäus auf seinem Baum, so wartet Martyn Awdejewitsch, wie er mit vollem Namen in Tolstois Legende heißt, vor seinem Kellerfenster in der Werkstatt. Was wir von diesem Mann noch nicht wissen, ist seine Lebensgeschichte. Leo Tolstoi erzählt sie in seiner Legende so:

Ein guter Mensch war er stets gewesen; wie er älter wurde, begann er mehr als früher an seine Seele zu denken und sich Gott zu nähern. Als er noch bei einem Meister arbeitete, war seine Frau gestorben. Sie hatte ihm ein Kind hinterlassen, einen Knaben von drei Jahren; die älteren Kinder waren früher gestorben. Martyn wollte das Söhnchen in das Dorf zu seiner Schwester schicken, er dachte aber: Meinem Kapitoscha wird es schwerfallen, in fremder Familie aufzuwachsen, ich lasse ihn bei mir. Und Awdejewitsch ging von dem Meister fort und wohnte mit dem Söhnlein zur Miete.
Gott aber gab Awdejewitsch in seinen Kindern kein Glück. Als der Knabe heranwuchs und dem Vater zu helfen begann, dass es eine wahre Freude war, befiel ihn eine Krankheit; er fieberte ein Wöchelchen, und dann starb er. Martyn begrub den Sohn und fiel in Verzweiflung. Und so wild war seine Verzweiflung, dass er auf Gott murrte; so eine Wehmut kam über ihn, dass er immer und immer wieder Gott um den Tod bat; dass er Gott vorwarf, statt des einzigen geliebten Sohnes nicht ihn, den alten Mann, zu sich genommen zu haben. Er ging sogar nicht mehr in die Kirche.

Der Vater also wird verbittert und löst sich vom Glauben an Gott. Er geht nicht mehr zur Kirche, hält sich an den Schnaps. Bis ihm ein gottesfürchtiger Bauer begegnet, der ihm wieder Mut macht, sich auf Gott zu verlassen. Er sagt ihm:

„Für Gott, Martyn, muss man leben. Er gibt dir das Leben, für ihn muss man auch leben. Wenn du für ihn lebst, wirst du über nichts trauern, und alles erscheint dir leicht.“
Nach kurzem Schweigen lieg sich Martyn vernehmen: „Aber wie lebt man für Gott?“
„Christus hat es uns gezeigt. Kannst du lesen, so kaufe dir das Evangelium und lies: du wirst erkennen, wie man für Gott lebt.“

So klar und einfach wird hier gesagt, was Christsein ist: „das Evangelium lesen und erkennen, wie ich für Gott leben soll.“

Martyn Awdejewitsch tut das und wird ein anderer Mensch. Er gibt das Trinken auf, sein Lieblingsbuch ist die Bibel. Bis tief in die Nacht liest er darin, bis – ja, bis irgendwann das geschieht, was die Legende erzählt: Christus sagt ihm im Traum, das er ihm am nächsten Tag begegnen wolle. Und dann wartet Martyn Awdejitsch. Das ist seine ganz persönliche Adventszeit. Und ich möchte ein paar Gesichtspunkte aus diesem Warten nennen.

1. Jesus erwarten löst vom Alltag

Der Alltag heißt ja so, weil alle Tage gleich sind. Keine Höhen, keine Tiefen. Viel Langeweile, wenig Nennenswertes. – Der Alltag raubt dem Menschen Leben – und doch macht er den größten Teil unseres Lebens aus. Alles geht seinen gewohnten Gang. Auch bei Martyn Awdejewitsch. Aber das wird anders, als er seine Traumvision gehabt hat. Am nächsten Morgen ist kein Alltag. Da beginnt der Tag mit der Erwartung: Christus will kommen. Das verändert.

Martyn tut alles wie gewohnt. Aber – er hat einen neuen Gedanken zu denken. Der bringt Spannung in sein Leben. Der lässt neues ahnen. Der macht Advent.

Hat Jesus bei uns Advent gemacht? Hat er es geschafft, unseren Alltag aufzureißen und eine neue Bewegung in unser Leben hinein zu bringen? Rechnen Sie mit einer ganz neuen Erfahrung? Kann und darf sich bei Ihnen der Alltag verändern? Oder bleibt alles, wie es ist?

2. Jesus erwarten schärft den Blick

Tag für Tag hat Martyn die Menschen vor seinem Haus gesehen, hat er Schuhe wiedererkannt. Oft genug war der alte Stephan Schnee räumend vor seinem Fenster erschienen. Martin hatte weitergearbeitet. Heute nicht. Jesus erwarten schärft den Blick. Auf einmal sieht der alte Schuster anders, er sieht neu. Er sieht die Dinge und Menschen mit einem anderen Blick. Das ist die Voraussetzung für alles Weitere.

Jesus erwarten schärft den Blick. Was will die Adventszeit eigentlich in unserem Leben ausrichten? Ganz sicher will Jesus uns wieder den Blick schärfen für das Wesentliche. Wie viel übersehen wir schon längst, ohne noch darüber nachzudenken. Menschen, denen wir täglich begegnen; Dinge, die wir kaum beachten; Nachbarn, Freunde, Menschen in der Gemeinde, längst vergessene Geschenken anderer; Verhaltensweisen, die wir unkorrigiert leben lassen; Zeiteinteilungen, die so wie immer laufen. Warum geschieht das so oft?

Nun, wir haben uns mehr oder weniger gut eingerichtet, versuchen uns mehr oder weniger erfolgreich durch Leben zu schlagen, sehen erst einmal uns, sitzen auf unseren vier Buchstaben, haben vielleicht auch eine Bibel – aber lesen wir wirklich jetztbezogen darin? Begreifen wir, welcher Schatz an Lebensweisheiten darin steckt?

Der Schuster Martyn tut etwas, was wir Menschen im 21. Jahrhundert nur noch selten tun: Er blickt auf, sieht den alten Soldaten, wie er traurig und müde Schnee schaufelt. Und er schaut nicht weg, schaut länger hin – und bittet ihn herein, teilt Wärme und Tee mit ihm. Wie ist das mit uns? Sehen wir wirklich einen Moment länger hin, wenn wir die Opfer von Kriegen und Gewalt frieren sehen? Teilen wir wirklich unser Haus mit ihnen – oder sagen wir viel zu schnell: dafür sind wir nicht zuständig. Das können wir nicht. Das geht einfach nicht.

Oder noch eine Konkretion: da ist die Frau, die arm ist – und ihr Kind, das ungeschützt dem Wind ausgesetzt sein muss. „Armut ist weiblich“ – so belegt es der Armutsbericht der Bundesregierung. Viele Rentnerinnen und Alleinerziehenden leiden unter der zunehmenden Kälte in unserer Gesellschaft. Kinder sind unschuldige Opfer verfehlter Politik. Wieder teilt der alte Schuster: teilt Brot, Suppe, sein Haus. Zärtlich nimmt er das Kind auf den Schoß. – Auch in unserem Land gibt es längst wieder Armut. Sehen wir sie? Nehmen wir diese Menschen ganz selbstverständlich in unsere Mitte, sind wir gut zu ihnen und sind wir bereit zum Teilen?

Oder – letzte Konkretion aus dieser Geschichte von Tolstoi: der Diebstahl des kleinen Jungen auf dem Markt. Mundraub, aber auch ein Diebstahl. Der alte Schuster tritt mutig für die Versöhnung ein, zeigt Zivilcourage. Und er hat recht: Weil er vergibt, stiftet er Frieden – der ehemalige Dieb trägt der ehemals Bestohlenen freiwillig den schweren Korb. Sind wir bereit zur Vergebung? Zum Neuanfang? Legen wir nicht oft lieber andere auf ihre Schuld fest, als einfach unseren Beitrag zu leisten, damit mehr Versöhnung geschieht?

Drei Beispiele zeigt Tolstoi auf, durch die wir mitten in unserer kleinen Welt etwas tun können für mehr Menschlichkeit, mehr Wärme, mehr Gerechtigkeit, mehr Liebe. Und er zeigt auch in seiner Geschichte, dass das glücklich machen kann.

Manches kann in dieser Geschichte von dem Schuster Martyn also recht leicht in meinen und Deinen Alltag hinein aktualisiert werden und ist ganz leicht zu verstehen. Opfer von Gewalt und Krieg gibt es auch in unserem Land mittlerweile wieder mehr. Ebenso arme Frauen und Kinder sowie schuldig gewordene Menschen. Und einfach, weil es sie gibt, sind wir herausgefordert, ihnen zu helfen: Das will Gott.

Gott möchte also, dass Du und ich, dass wir offen und empfindsam sind für die Liebe und die liebevolle Tat ohne Hintergedanken – einfach nur, weil es aus dem Glauben an Christus und aus der Achtsamkeit für das Schwache heraus geschieht. Und das möchte ich dann im vierten Gesichtspunkt der Predigt herausstellen: genau daraus folgt das Glücksgefühl, das den Schuster Martin so bewegt: dass es erst so zu einer echten Begegnung mit Jesus kommt, denn: „Was ihr an den Geringsten getan habt, das habt ihr an mir getan“, sagt Jesus.

Jesus erwarten schärft den Blick. Warum? Weil wir mit Neuem, unerwartetem rechnen dürfen! Weil Jesus uns in den Alltagsgesichtern anderer Menschen erscheinen möchte, weil er den Blick aufs Wesentliche richten will. Und das heißt dann auch:

3. Jesus erwarten weist auf den andere Menschen

Jesus Christus ist Mensch geworden, damit jeder von uns fortan niemals achtlos am anderen Menschen vorbeigehen soll. Aber weil wir das immer wieder tun; weil unsre Achtlosigkeit hier so groß ist, deshalb macht die Legende von Vater Martin auf dieses Wort in der Bibel so sehr aufmerksam: „Gott ist Liebe. Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. Wer Gott liebt, der liebt auch seinen Bruder.“
(1. Joh 4,16b,21)

Jesus erwarten heißt: den anderen Menschen als meinen Bruder behandeln. Ja, noch mehr: im anderen Menschen Jesus Christus begegnen, lieben, bewirten, aufnehmen, annehmen. Advent. Durch unsere Alltagsfenster sehen wir alltägliche Menschen. In wem wird Jesus uns in dieser Zeit begegnen? Wer wird uns in dieser Begegnung nahekommen, wer wird sich verändern, wer wird unsre Liebe erfahren, und uns wiederlieben? In der Nachbarschaft, im Freundeskreis und auch in dieser Gemeinde?

Jesus wird uns nicht überfordern – aber er wird uns herausfordern. An dem einen Tag des Vater Martyn damals geschah überall viel Unrecht und Not. Martyn aber durfte 5 Menschen begegnen. Mit dem einen trank er Tee, mit anderen aß er zu Mittag, den anderen verschönte er den Abend. Zum Schuhe besohlen kam er auch noch. Jesus schenkte im Begegnungen, die er verkraften konnte.

Und auch wir werden in dieser Zeit nicht überfordert werden. Wollen wir Jesus erwarten – im anderen? Was wird sich ändern? Wo wird neue Liebe entstehen – auch hier bei uns?

Die Legende macht deutlich: nur in der liebenden Hinwendung zum Menschen wird Erwartung des Herrn Jesus wahr – und wahr bleiben. Ohne dies alles ist Erwartung ein Selbstbetrug. Denn auch Zachäus machte seine Schuld am Menschen wieder gut, indem er Reichtum verteilte.

4. Jesus erwarten erfüllt

Einer der letzten Sätze der Originallegende von Tolstoi lautet: „Da erfüllte reine Freude die Seele des Awdejitsch.“ Und als ich das las, habe ich mich gefragt: Was ist das – reine Freude? Wann hat sie dich so erfüllt? Kennst Du das? Eine Freude ohne Bitterkeit, ohne Nebengedanken, ohne Egoismus und Neid?

Reine Freude ist nicht so häufig in unserem Leben. Aber begegnen wir ihr nicht immer dann, wenn wir erleben, wie Jesus Christus uns begegnet – in andere Menschen? Wenn wir ihnen Liebe geben durften und Liebe empfangen haben. Und wenn das alles uns erinnern konnte an die endlose Liebe des Sohnes Gottes, der uns am Kreuz vergeben hat und für uns gestorben ist. „Jesus erwarten erfüllt“ – Das muss nicht nur ein Satz sein. Das kann das Geschenk Jesu Christi an Sie sein – im Advent dieses Jahres, wenn er ihnen begegnet – in seinem Wort, aber in anderen Menschen. Denn im anderen Menschen wird Glauben immer wieder konkret.
„Gott ist Liebe. Wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott, und Gott bleibt in ihm. Wer Gott liebt, der liebt auch seinen Bruder.“

Und wie endet die Geschichte bei Tolstoi? In der Nacht nach diesen Ereignissen hört er im Traum Jesus zu sich reden:

„Martyn, Martyn! Hast du mich nicht erkannt?“
„Wen?“ fragte Awdejewitsch.
„Mich“, sagte die Stimme. „Ich bin es.“
Und es trat aus der dunklen Ecke Stepanitsch; er lächelte und zerrann wie ein Wölkchen.
„Das bin ich auch“, sagte die Stimme, und aus der dunklen Ecke trat das Weib Mit dein Kindchen; das Weib lächelte und zerrann wie ein Wölkchen.
„Das bin ich auch“, sagte die Stimme, und es näherte sich die Alte mit dem Knaben; der Knabe hielt den Apfel, beide lächelten und verschwanden.

Fröhlich war es Awdejewitsch auf der Seele, er bekreuzte sich, setzte die Brille auf und las im Evangelium, wo es aufgeschlagen war. Oben auf der Seite las er Matthäus 25: Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeiset. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränket. Ich bin ein Gast gewesen, und ihr habt mich beherberget. Und unten auf der Seite las er noch: Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem unter diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan.
Und Awdejewitsch begriff, dass der Traum ihn nicht betrogen, dass zu ihm an diesem Tage sein Heiland gekommen war und er ihn empfangen hatte.“

Liebe Gemeinde, am Ende dieser Predigt noch einmal ganz deutlich und auf eines unserer vier Gemeindeziele hin gesagt: Gastfreundschaft und ein offenes Haus sind nicht in mein Belieben gestellt. Gott selber will das von mir. Von Dir. Von unserer Gemeinde. Und da haben wir noch riesig was zu lernen. Wann willst du endlich damit anfangen? Wann? Wann?

Amen

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