Mutter – eine Betrachtung in 10 Schritten

Pfr. Niclas Willam-Singer predigt am Muttertag über das Thema „Mutter“ unter verschiedenen Aspekten.

Daten

Prediger
Pfr. Niclas Willam-Singer
Thema
Mutter – eine Betrachtung in 10 Schritten
Reihe
Datum
08.05.2016
Länge
24:43
Bibelstelle

Predigt

I Wie bei Muttern …

Zwischen Muttermilch und Mutters Kuchen:
Zu Hause schmeckt’s doch immer noch am besten!
Manch vertrauensseliges Gasthausschild verheißt dem Hungrigen die gutbürgerliche Küche … „wie bei Muttern“
Ob dies zugleich auch etwas ‚Gutes‘ bedeutet, steht auf einem anderen Blatt … interessanterweise sind es ja oft Männer, die dort zu speisen versuchen.
Auf der Internetseite „www.frag-mutti.de“ findet man(n) dann Rezepte wie „Spinat wie bei Muttern“, „Verheiratete – ein Rezept von Oma“ oder Kassler mit Sauerkraut.
Und das deutsche Volksliedergut kennt „Hänschen klein“, dem die Mutter zum Abschied viele Tränen nachweint und der wieder zur Mutter heimkehrt.
Also – summa sumarum: „Schuster bleib bei Deinem Leisten!“, „Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm“ – und – „Wohl dem, der eine Mutter hat“.
Biblisch gesehen:
Schon Mose kehrte nach einem Kurzurlaub auf dem Nil (es war eben noch nicht eine Kreuzfahrt, sondern nur ein kleiner Ausflug im Binsenkörbchen) noch als Baby getrost zum Schoß seiner Mutter zurück (Ex 2,1-10).
Ob ihm dies jedoch zum Vorteil gereichte, bleibt eine offene Frage.
Zumindest auch dieser – später ‚glaubensmächtige‘ – Gottesmann folgte schon von Kind an einer ziemlich verworrenen Patchwork Biographie:

  • Ausgesetzt (aus politischen Gründen),
  • aufgefunden (als Spielzeug der Prinzessin),
  • übergeben (an die eigene Mutter als Amme, Babys machen schließlich Arbeit und die war der Prinzessin zu viel)
  • angenommen (als Kronprinz bei Hofe)
  • aufgezogen (am Eliteinternat der Pharaonen)
  • und schließlich ausgebrochen (aus der Enge der höfischen Standeserziehung), um als Gottesrevolutionär das Volk Israel zu befreien.

II Mein Gott, Mutter !!

Abnabelungsprozesse sind da oft mehr als notwendig (nicht nur beim Gottesmann Mose)
So sehr man(n) sich „wie bei Muttern“ gut geborgen und aufgehoben weiß, gilt auch der Umkehrschluss, dass allzu viel an „Bemuttern“ oft das Gegenteil dessen anrichtet, was vielleicht ursprünglich (noch) gut gemeint war.
Das Kinderspiel „Mutter, wie viel Schritte darf ich gehen!“ hat einen sehr realen ernsten Hintergrund.
Der ersten Abnabelung (nach der Geburt) folgt sinnvollerweise oft bald die zweite:
„Mensch, Mutter – Du nimmst mir die Luft zum Atmen!“ Umarmungen können erdrücken – auch gut gemeinte.
Biblisch gesehen:
Selbst Jesus machte sich von der überdominanten Sorge seiner Mutter Maria frei. Auf der Hochzeit zu Kana wies er sie in ihre Schranken: „Ist es deine Sache, liebe Frau, mir zu sagen, was ich zu tun habe?“ (Joh 2)

III Gute Mutter – böse Mutter

Immer gibt es ‚solche‘ und ‚solche‘… so wie es ‚gute und schlechte Zeiten‘ gibt.
So fragt die ZEIT letztes Jahr zu Muttertag: „Was ist eine gute Mutter?“
Die erste Antwort: „Sie kann sich in ihr Kind hineinversetzen, ihm Orientierung geben und – wenn nötig – Grenzen setzen.“
Die zweite Antwort: „Sie muss nicht perfekt sein!“
Eine gute Mutter zu sein, ist oft ganz schön schwer, besonders dann, wenn frau keine ‚schlechte‘ Mutter‘ sein will.
Biblisch gesehen:
Im berühmten Urteil des Salomo, gibt sich die ‚gute Mutter‘ darin zu erkennen, dass sie sich selbst zurück nimmt und dafür ihr Kind ‚frei‘ gibt. (1. Könige 3)

IV Alleinerziehende

Besonders schwer, eine gute Mutter zu sein ist es, wenn frau alleine für die Erziehung verantwortlich ist, wobei das Thema Alleinerziehung in vielen Fällen nicht erst nach (!) einer Trennung schmerzhaft relevant ist.
Ich habe eine Hochachtung vor all den Frauen (vereinzelt sind es auch Männer), die es oft unter größten wirtschaftlichen und sozialen Einbußen schaffen, ihre Kinder allein verantwortlich zu begleiten, zu schützen und zu erziehen.
Solidarität – auch von Seiten der Kirchen und der Gemeinden (!) – ist da notwendig und gefragt.
Jede Verurteilung ist da schädlich, ja schändlich. Ein Schritt in die richtige Richtung ist – neben handfesten ökonomischen Unterstützungen –, das gängige Bild der Familie dahingehend aufzubrechen, dass Familie eben nicht immer nur die Konstellation Vater-Mutter-Kind ist.
Biblisch gesehen:
Hagar, die zweite Frau des Abraham steht für diese Frauen. Aus der Familie verstoßen muss sie das gemeinsame Kind Ismael alleine erziehen – und erfährt darin einen besonderen Schutz Gottes.

V Königinmutter

Neben den Alleinerziehenden, den Alleinseligmachenden gibt es auch die alleinbestimmenden Mütter, die ‚Königinmutter‘. Sie regiert – mit dem Alleinstellungsmerkmal eben der ‚Mutter‘.
Sie tut alles für ihr Kind (besonders wenn es ein Sohn ist)
Sie kämpft wie eine Löwin, wenn es ‚hart auf hart‘ kommt.
Und meistens verlässt sie erhobenen Hauptes (wenn auch zuweilen mit blutendem Herzen) das Schlachtfeld der Familie.
Auf der anderen Seite aber braucht sie auch viel an Zuwendung.
Eine echte Königinmutter schätzt den Kniefall … und Rosen am Muttertag.
Biblisch gesehen:
Bathseba, jene unbekannte Schöne, die sich König David einfach ‚nahm‘, auch wenn sie schon verheiratet war, gebar ihm später seinen Sohn Salomo und setzte diesen zielgerichtet, energisch und mit allen Künsten der Intrige als Thronnachfolger durch. (1. Könige 1)

VI Muttersöhne

Zu den Königinmüttern gehören – selbstverständlich – auch die ‚Muttersöhne‘. Interessanterweise gibt es den Gegenbegriff ‚Muttertöchter‘ nicht – eher sprechen wir von ‚Vatertöchtern‘.
Muttersöhne gibt es in allen Alterskategorien – vom Baby bis zum Greis. Gerade im Alter ab 40 entwickeln sie oft ihr Genre in Höchstform.
Sie sind eine besondere Spezies, zeigen sie doch welch ein besonderes Gewicht die Mütter haben können. Und dies ist – oft auch im übertragenen Sinn – mehr als nur ein Leichtgewicht.
Den meisten Frauen sind sie ein Graus – die Muttersöhne -, nur eben der eigenen Mutter nicht. Ihnen (eben auch ihren Frauen und Partnerinnen) ist mehr Abstand zu wünschen, der ihnen zeigt, wo sie selber stehen.
Biblisch gesehen:
Ein solcher Muttersohn war der biblische Erzvater Jacob. Seine Mutter machte ihn mit List zum Alleinerbe. Danach brauchte Jacob viele Jahre Abstand zu ihr, bis er endlich in der Fremde zu einer eigenen Familie fand.

VII Geliebte Mutter

Was denn nun? Das eine – oder – das andere? Geliebte oder Mutter? Oder doch: Geliebte und Mutter? Zuweilen scheinen die Grenzen fließend.
Und das führt dann zu noch mehr Konfusion. Wer denn nun mit wem? Und – wenn ja, wie? Und überhaupt: Was heißt denn hier ‚Liebe‘?
Einst sang der Knabe Heintje:

Mama, Du sollst doch nicht um deinen Jungen weinen /
Mama, einst wird das Schicksal wieder uns vereinen /
Ich werd es nie vergessen, was ich an dir hab‘ besessen /
dass es auf Erden nur Eine gibt, die mich so heiß hat geliebt /
Mama, und bringt das Leben mir auch Kummer und Schmerz /
Dann denk ich nur an dich /
Es betet ja für mich, oh Mama, dein Herz

Das war und ist ‚schrecklich schön‘. Eindeutigkeit ist hier gefragt.
Merke: Die ‚roten Rosen‘ gehören allein der Geliebten (Frau).
Der Mutter zu Muttertag schenkt man(n) doch lieber einen bunten Blumenstrauß – oder Rosen in einer anderen Farbe.
Biblisch gesehen:
Es gibt eben einen Unterschied zwischen Maria der Mutter Jesu und Maria Magdalena, die ihn liebte – und die ihn im Garten der Auferstehung allein am Klang seiner Stimme erkannte.

VIII Mutter Gottes, Gottesmutter

Da haben uns die Katholiken etwas voraus. Ich bekenne dies ungern, aber dennoch ‚frank und frei‘.
Das uralte Wissen um eine Ur-Mutter, eine Muttergöttin – ein religiöses Ahnen, welches sich durch viele Kontinente, Kulturen und Zeitalter zieht, bekam im Katholizismus die Form der Marienfrömmigkeit.
Und die – für protestantische Augen unglaubliche – ungebremste Popularität dieser Mutter Gottes zeigt, dass da ein unstillbares Verlangen – eine Sehnsucht geborgen und aufgehoben ist.
Auf protestantischer Seite muss da wohl neu gesucht und gefunden werden.
Biblisch gesehen:
Dass diese Maria, die leibliche Mutter Jesu hat sein sollen, ist mehr als bemerkenswert.
Sie hatte – laut Zeugnis der Bibel – viele Kinder (Markus 32,31) und sorgte sich wie alle Mütter um ihren Zwölfjährigen, als dieser auf eigene Faust versuchte, das Leben zu erkunden.
(Lukas 2,41 ff)

IX Mutter Erde

Dann doch lieber ‚Mutter Erde‘. Von den Indianern, und nicht nur von ihnen, haben wir gelernt, uns als ein Teil der ganzen Schöpfung zu sehen.
Nicht die Herrschaft über die Natur, sondern das bewahrende Leben mit der Natur ist uns mit auf den Weg gegeben, wenn es im Schöpfungsbericht heißt

Macht Euch die Erde untertan… ! Gen 1,18

Mutter Erde ist keine Königinnenmutter. Sie ist die große Gebärerin, voll Kraft – und zugleich – ist sie so verwundbar und verletzbar. Sie gibt Schutz und braucht Schutz.
Vielleicht ist es daher nicht ganz abwegig, die Bedeutung des Muttertages zu variieren:
Nicht mehr nur die leiblichen Mütter dieser Welt, sondern auch die Mutter Erde insgesamt braucht an diesem Tag Wertschätzung, Ehre und liebevolle Beachtung.

X GOTT, eine Mutter

„Die Mutter ist ‚Gott Nr. 2“ sagt ein Sprichwort aus Malawi. Warum da nicht auch noch einen draufsetzen und sagen: „GOTT ist eine Mutter“?
Vor Jahren schien das undenkbar („Gotteslästerung!“), manches aber spricht auch dafür.
Dass unser Gottesbild einseitig ‚männlich‘ geprägt ist, ist unumstritten und ein Ergebnis der Kulturgeschichte. Darin ist unser Gottesbild ‚hartgesotten‘. Aber selbst Jesus sprach ja von seinem „Papa“ (Abba).
Das Kind mit dem Bade auszuschütten und jetzt nur noch von der Göttin sprechen – das kann es auch nicht sein. Auch das haben wir Gott sei Dank hinter uns.
Biblisch gesehen:
Dennoch gilt es die vielen – gerade auch die weiblichen Seiten Gottes wahr zunehmen und wert zu schätzen. Denn Gott hat so viele Seiten.
Gott ist ebenso ‚Quelle des Lebens‘ (Ps 36,10) wie ‚Herr unser Herrscher‘(Ps 8,2) . Gott ist ebenso ‚Gebärerin‘ (Spr 8,24) wie der ‚Gerechte und Helfer‘ (Sach 9,9). Gott ist immer auch ‚Abba‘ (Mk 14,36) , der Vater Jesu von Nazareth, wie auch die ‚Liebe‘ und wer in der
Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott bleibt in ihr“. (1. Joh 4,16b)

Fazit:

Auch wenn die „Vorsicht die Mutter der Porzellankiste ist“, gilt es am Muttertag eher die Weite der Welt der Mütter in den Blick zu nehmen und dafür zu danken, dass sie da sind – die geliebten, erdigen, eigenen allein/erziehenden, königlichen, göttlichen, liebevollen, gebärenden,
eigenwilligen, weiblichen, mütterlichen Mütter.
Amen
(Mit herzlichem Dank an Kollegen Andreas Pasquay, Erlöserkirche Langenfeld)

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