Christen zwischen Freiheit und Eingrenzung – oder: Gut, dass wir einander haben

Die meisten hier wissen also: es ging in den letzten Wochen um das, was Paulus den Christen in der Hafenstadt Korinth in seinem sog. 1. Korintherbrief geschrieben hat, der eigentlich sein zweiter war. Heute morgen möchte ich deshalb mit Ihnen zusammen gern über eines der Themen dieser Wochen nachdenken, das im Neuen Testament einen wesentlichen Teil der Auseinandersetzung der Apostel mit der Gemeinde Jesu in der Anfangszeit ausmacht und das meines Erachtens bis heute immer ein brisantes Thema innerhalb der Gemeinde Jesu geblieben ist:
„Christen zwischen Freiheit und Eingrenzung – oder: Gut, dass wir einander haben“

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Christen zwischen Freiheit und Eingrenzung – oder: Gut, dass wir einander haben
Reihe
Datum
29.05.2016
Länge
41:16
Bibelstelle
1. Kor 7,23 – 24; 1. Kor 10, 23-26; 30-31

Lesungstext

1. Korinther 7
23 Christus hat euch freigekauft; ihr gehört jetzt allein ihm. Lasst euch nicht wieder von Menschen versklaven!
24 Deshalb, liebe Brüder und Schwestern, soll jeder an dem Platz bleiben, an dem er war, als Gott ihn zum Glauben rief. Dort soll er ihm dienen.
1. Korinther 10
23 Ihr lebt nach dem Grundsatz: „Alles ist erlaubt!“ Ich antworte darauf: Aber nicht alles, was erlaubt ist, ist auch gut. Alles ist erlaubt, aber nicht alles baut die Gemeinde auf.
24 Denkt bei dem, was ihr tut, nicht nur an euch. Denkt vor allem an die anderen und daran, was für sie gut ist.
25 Kauft unbesorgt das Fleisch, das auf dem Markt angeboten wird, und macht euch kein Gewissen daraus, ob es von Opfertieren stammt.
26 Denn „die Erde und alles, was auf ihr lebt, gehört dem Herrn.“
30 Wenn ich an einem Festmahl teilnehme und Gott für das Essen danke, warum wird mir mein Verhalten dann zum Vorwurf gemacht? Schließlich habe ich Gott doch für die Speise gedankt!“
31 Darauf will ich antworten: Was immer ihr tut, was ihr auch esst oder trinkt, alles soll zur Ehre Gottes geschehen.

Predigt

Liebe Gemeinde,

meine Frau und ich melden uns zurück aus einer Urlaubszeit voller Sonne und – wenigstens für Annegret – mit viel Radlaktivitäten zurück. Wir sind die gesamte deutsch-polnische Grenze abgefahren, immer an der Neiße und Oder entlang und sind am Ende von der Neißequelle bis auf die Insel Usedom gekommen – mit vielen sehr neuen und interessanten Einblicken in eine wunderschöne Landschaft in drei der neuen Bundesländer.

Angefangen haben wir kurz vor Zittau mit einem ausgiebigen Besuch in Herrnhut. Wir wollten endlich einmal dort vorbeischauen, wo Nikolaus Graf Ludwig von Zinzendorff gelebt und die Herrnhuter Brüdergemeine gegründet hat und woher seit über 250 Jahren die Herrnhuter Losungen kommen. Ein kleiner Ort mit einer weltweiten Ausstrahlung dieser alten Freikirchlichen Bewegung. Sehr interessant und empfehlenswert. Einen Herrnhuter Stern haben wir uns trotzdem nicht mitgenommen.

Nach jedem Frühstück aber habe ich meiner Frau noch einmal ihr Haferl mit Kaffee gefüllt; und dann kam das, was wir unseren täglichen „Kirchenkaffee“ nennen: Lesung der Tageslese und Kurzkommentar aus dem Neukirchener Kalender.

Die meisten hier wissen also: es ging in den letzten Wochen um das, was Pls den Christen in der Hafenstadt Korinth in seinem sog. 1. Korintherbrief geschrieben hat, der eigentlich sein zweiter war. Heute morgen möchte ich deshalb mit Ihnen zusammen gern über eines der Themen dieser Wochen nachdenken, das im Neuen Testament einen wesentlichen Teil der Auseinandersetzung der Apostel mit der Gemeinde Jesu in der Anfangszeit ausmacht und das meines Erachtens bis heute immer ein brisantes Thema innerhalb der Gemeinde Jesu geblieben ist:
„Christen zwischen Freiheit und Eingrenzung – oder: Gut, dass wir einander haben“

Mir kommt es dabei heute Morgen nicht auf Begriffe an. Es geht mir um zwei Grundansätze von Frömmigkeit, die sich in ganz verschiedene Begriffe fassen lassen. Ich kann dabei von „Enge und Weite“ sprechen; oder von „Starken und Schwachen“, von „Freiheit und Gesetzlichkeit“. Aber alle diese Begriffe haben einen Fehler: sie werten. Und ich möchte im letzten Teil der Predigt deutlich machen, dass es mir nicht auf eine Wertung ankommt, sondern auf eine Position in der christlichen Gemeinde, mit der beide Gruppen gut leben können.

1. Die Abgrenzung: Konsequenz in Fragen von Sünde und Heil – Freiheit in den Mitteldingen

Wir haben das in FFB vermutlich noch nicht in der Intensität miterlebt, in der andere Gemeinden sich über Jahre um Fragen streiten können, die nicht heilsnotwendig sind und den Auftrag Gottes überhaupt nicht berühren, die aber so vehement angegangen werden, dass die Verletzungen enorm sind und manchmal Gemeinden lähmen können. Da ist die Frauenfrage zu nennen: wie viel Einfluss dürfen Frauen in der Leitung der Gemeinde gewinnen? Da geht es um die Schminkfrage, um Rock oder Hose als Sonntagskleidung der jungen Frau, um Kinobesuch und Stellung zum Tanzen; da wird die Frage des Rauchens zum Hauptthema der Gemeinde, der Umgang mit dem Glaserl Wein ist grundsätzlich und für alle zu klären; und dann kommen bestimmte Beurteilungsstandpunkte zu Themen wie Weltschöpfung oder Psychologie dazu.
Es gibt im Bereich dieser nicht das Heil begründenden Mitteldinge (Adiaphora) so viele Themen, die Christen in der Gemeinde in Rage und Zorn, in Leid und Verletzung hineinbringen können, weil sich Gruppierungen bilden, die nicht mehr aufeinander hören können. Dabei spielen die Begriffe Freiheit und Gesetzlichkeit schon immer eine Rolle. Ich möchte sie deshalb zunächst definieren:

a. Freiheit – was ist das biblisch?

Freiheit des Christen ist Befreiung von der Sünde als Macht – in der festen Bindung an die Herrschaft Jesu Christi und an sein Wort.

Deswegen ist auch klar: Freiheit gibt es biblisch nicht in dem Sinne, dass ein Mensch sich in heilsbeschreibenden Aussagen und klar definierten Lebensbereichen auf sein Gewissen allein berufen könnte, indem er sagt: „Jeder Christ ist seinem Gewissen und Christus verantwortlich.“ Ein sehr beliebter Satz – aber ziemlicher Unfug. Freiheit bedarf der engsten Abhängigkeit zu Jesus Christus und seinem Wort. – Und, mit Verlaub: eine Gemeindeleitung hat die meisten seelsorgerlichen Probleme oft mit solchen Glaubensgeschwistern, die diese Abhängigkeit außer acht lassen und nur auf ihr eigenes Gewissen vertrauen wollen. Wenn diese Gläubigen nämlich geistlichen Unsinn reden oder tun, darf ihnen niemand da hineinreden. Wehe dem Pastor oder Gemeindeleiter, der sich das untersteht zu tun. Aber nochmals:
Freiheit des Christen ist Befreiung von der Sünde als Macht – in der festen Bindung an die Herrschaft Jesu Christi und an sein Wort.

b. Gesetzlichkeit – was ist das biblisch?

Gesetzlichkeit entsteht, wenn ein Christ oder eine Gruppe von Christen entweder
– persönliche Erfahrungen von Schuld und Versuchung (z. B. Tanzen und Kartenspiel als Verführung) in immer gültige Formen gießt, die auch 50 Jahre später noch zu gelten haben („Man geht als Christ nicht tanzen; man schminkt sich nicht; in den Spielkarten ist der Teufel“)
– oder wenn kulturgebundene Aussagen aus dem NT wortwörtlich ins Heute übertragen werden: „Frauen haben beim Beten ein Kopftuch zu tragen. Frauen sollen lange Haare und Röcke tragen!“
Gesetzliches Christsein versucht andere Christen auf eigene Erfahrungs – und Glaubenswerte festzulegen. Leider sind die mehr engen Geschwister oft auch die mehr bedrängenden. Sie haben Angst um sich und um den anderen Christen und lassen ihn deshalb nicht in Ruhe – in der Absicht, ihn doch nur zu seinem Besten zu ermahnen.

Dabei ist Gesetzlichkeit meist angesiedelt in den eben beschriebenen Mitteldingen des Glaubens. Denn: wo in der Gemeinde Sünde aufgedeckt wird, darf ja sowieso nicht mit Großzügigkeit und der Freiheit des Gewissens argumentiert werden. Wo Sünde aufgedeckt wird, sind die mehr engen Geschwister meist hilfreich konsequent; manchmal sind sie aber auch sehr rigoros und in der Gefahr der Lieblosigkeit.

Besonders schwierig werden sie aber da, wo es um Auffassungen geht, in denen durchaus zwei Christen unterschiedlicher Meinung sein können. Und es kann Christen mit einer großzügigen Haltung zu den Mitteldingen des Glaubens schon arg aufregen, wenn sie ständig in Bezug auf ihre Kleidung oder Schminke oder auf ihre Freizeitbeschäftigungen kritisiert werden.

2. „Teuer erkauft – nie wieder Knechte“!

Pls weist sehr intensiv an mehreren Stellen darauf hin: Ihr seid teuer erkauft!! Gott hat sich unsere Freiheit sehr viel kosten lassen, nämlich: alles: Das Kreuz Jesu, sein Blut, sein Leben!

Wenn ich etwas sehr Kostbares erworben habe – meist mit viel Geld, dann achte ich ganz besonders darauf!! „Finger weg!“ Es soll ja nichts kaputtgehen!

Gott hat uns teuer erkauft! Er will nicht, dass wir kaputtgehen; deshalb: „Finger weg!“

Pls sagt das so an Christi statt! Und er hat Grund dazu; denn damals gab es genügend Leute, die an die Christen heran wollten. Vor allem waren es die Irrlehrer aus dem jüdisch-frommen Hintergrund, die mit ihren neogesetzlichen Regelungen und Geboten die Gemeinde Jesu wiederum gefangen nehmen wollten! Deshalb ruft Paulus: Nicht der Menschen Knechte!

Das war offensichtlich die Gefahr! Neue Knechtschaft! Neue Gesetzlichkeit! Aber – warum eigentlich ist das immer wieder eine Gefahr? Es müssten die Menschen doch froh sein, wenn sie frei wären. Jesus selber will doch ihre Freiheit!

Das Problem ist, glaube ich: Freiheit macht unsicher! Das ist doch klar! Wenn ich ständig gesagt bekomme, was ich zu tun habe, dann kann ich nichts falsch machen! Und: ich bin nicht der letzte Verantwortliche! Es gibt einen, der hat mir ja gesagt, was ich zu tun habe! Einen Pastor vielleicht, oder ein Gemeindeleiter. Das ist bei diesem Thema das Problem! Freiheit macht auch selbstverantwortlich!

Deshalb die neuen Jugendsekten; aber auch die neuen Altensekten! Der Markt nimmt zu! Und wenn die Gesetzlichkeit einzieht – wir spüren das kaum. Die Gemeinde damals hat es auch nicht gespürt! Die Gastlehrer, die da durch die Gemeinden zogen damals, die waren doch fromm. Und sie gebrauchten so heilige Worte: Gebet, Gottes Wille, Zitate aus dem Alten Testament; alles war so einleuchtend; na gut, manches war ein bisschen hart und unverständlich; aber dafür war man sich auch sicher, das richtige zu tun! Warum nicht deshalb ein paar Vorschriften beachten, auf bestimmte Kleidung, bestimmte Gebetshaltungen Rücksicht nehmen, bestimmte Speisen nicht essen, bestimmte Zeiten beachten, bestimmte Gedanken möglichst nicht denken.

Kennen wir das? Die Esoterik ist voll von solchen Richtlinien; und die Menschen erfüllen sie bereitwillig. Es bringt ihnen das Gefühl, keinen Fehler machen zu können.

Und bei uns? Sind wir frei von der Gefahr der Knechtschaft? Hast Du ein feines Gefühl für „äußerliche Frömmigkeit und Heuchelei“? Wann wird ein Mensch zu einem Knecht?

Dann, wenn er sich von einem anderen in dessen Stil einspannen lässt, wenn er den Glaubens – und Frömmigkeitsstil eines anderen einfach übernimmt, ohne recht zu wissen, warum! Er übernimmt das einfach und kopiert es, weil man das so macht – oder weil man Angst hat, sich zu wehren und sich abzugrenzen.

Auch in unserer Gemeinde haben wir einen Frömmigkeitsstil. Ich bin dankbar für diesen Stil. Aber er lässt viel Raum zu unterschiedlichen Positionen in den Mitteldingen. Niemand muss den Stil eines anderen kopieren! Keine Frage darf nicht gestellt, kein Zweifel muss verschwiegen werden aus Angst, ich passte nicht in die Norm!

Es wird aber immer schwierig in der christlichen Gemeinde, wenn einer oder eine Gruppe von sich behauptet, den Willen Gottes für alle zu kennen, und ihn dann auch erfüllt sehen will. Das sind Knechtemacher – und vor denen warnt Pls. Er warnt vor denen, die anderen sagen: „Ein Christ schminkt sich nicht. Ein Christ darf nicht ins Kino gehen; ein Christ kleidet sich so und so!“

In den Mitteldingen des Glaubens sind wir wirklich allein unserem Gewissen verantwortlich, sind wir allein Gott verantwortlich – nicht zuerst den Geschwistern oder dem Pastor. Wenn ich, Gerd Ballon, kein Fernsehgerät hätte, dann wäre das meine Regelung mit Gott; ich dürfte das nicht zur Norm für alle machen. Wenn meine Frau fände, ein Christ solle sich nicht schminken, dann wäre das ihre Sache. Dann ließe sie’s halt. Und alle anderen dürften’s tun. Wenn jemand findet, dass Frauen in Kleidern und Röcken, aber nicht in Hosen zum Gottesdienst kommen sollten, dann soll er’s selber doch tun. Aber er darf niemandem ins Gewissen reden, der das anders sieht. Das ist nicht seine Aufgabe! Sonst wird er zum Knechtemacher!

Nochmals: es muss uns in unserer Gemeinde um eine klare Lehre gehen, um eine eindeutige Ethik und um mutiges Durchsetzen der Weisungen Jesu in der Gemeinde. Hier liegt meine Verantwortung, hier liegt auch die Verantwortung der Geistlichen Leiter. Und hier habe ich nicht gekniffen in den letzten sechseinhalb Jahren. – Auf das persönliche Gefühl von Rocklängen beim Einzelnen einzugehen und die Gemeinde hier ständig zu ermahnen, darauf liegt unsere Verantwortung zum Glück nicht!

Und noch etwas ist wichtig. Ich kann den Hang zu Gesetzlichkeit fördern oder mindern. Es gibt Kassetten, es gibt Schriften und Bücher, die in starkem Maße geprägt sind von Gesetzlichkeit. Wer sich an ihnen orientiert, gerät auf Dauer unter diesen Einfluss und in die Gefahr, sich der geistlichen Richtung seiner eigenen Gemeinde zu entfremden.

„Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht wieder der Menschen Knechte!“ – Lasst uns miteinander darauf achten, dass wir dieser Gefahr nicht erliegen: weder der Gefahr, wieder Knechte einer wie auch immer gearteten Gesetzlichkeit zu werden, noch der Gefahr, andere in Gewissensnot und – zwänge zu bringen durch ein Verallgemeinern unserer ganz persönlichen Erkenntnisse zu den „Mitteldingen des Glaubens“.

Allerdings: mit diesem Thema sind wir jetzt noch nicht zu Ende. Und ich danke Ihnen, wenn Sie Sich noch einige Minuten sehr konzentrieren.

Denn: eine wichtige Frage ist ja noch nicht geklärt:
Wie leben wir denn mit unterschiedlichen Auffassungen in der Gemeinde Jesu zusammen? Wie können sich denn die mehr Engeren und die mehr Weiteren gemeinsam wohlfühlen und einander helfen in ein und derselben Gemeinde? Deshalb:

3. Gut, dass wir einander haben – Enge und Weite als gegenseitiges Korrektiv in der Gemeinde

Ich habe ja am Anfang gesagt: mir liegt nicht an einer Wertung, z. B.: „Eng ist schlecht und schwach; weit ist gut und stark!“ Ich selber ordne mich eher bei den mehr weiter geprägten Christen ein. Ich liebe es, Grenzen weiter zu ziehen und viel Freiraum zu spüren. Ich meine zumindest, im Frömmigkeitsstil offener zu sein. Nicht in der Frage nach Sünde und der Reaktion darauf. Da bin ich eher konservativ, und manchem bin ich da sicher viel zu stringent. Aber in den Mitteldingen des Glaubens, da liebe ich mehr die Weite.

Nur: bin ich dadurch nicht auch stärker gefährdet? Brauche ich nicht gerade deswegen den mehr engeren Mitchristen, damit der mir hilft, nicht doch irgendwann zu weit wegzukommen und mein weites Gewissen zu stark zu öffnen für gefährdende Einflüsse?

Und: wann wird der Engere denn schuldig am mehr Weiten? Wann wird der mehr Weite schuldig am engeren Mitchristen?

Der mehr Weite sagt: „Der mehr gesetzliche schwache Mitchrist wird schuldig an mir, wenn er mich ständig mit seiner Enge nervt; wenn er mich immer wieder eingrenzen will.“

Und der mehr Weite sagt auch: „Soll der andere doch so werden wie ich. Dann wird sein Glaube auch weniger verkrampft sein. Dann wird er endlich Frühlingsluft atmen. Ich ermutige ihn doch ständig dazu, seine Grenzen zu erweitern.“
Und damit ist für den Starken im Glauben der Fall erledigt.

Nur: Bitte lesen Sie zu Hause noch einmal sehr genau nach, z.B. auch in Rö 14. Da sagt Pls: „Wer isst, der verachte den nicht, der nicht isst; und wer nicht isst, der richte den nicht, der isst. Denn Gott hat ihn angenommen. (Und:) So wird nun jeder von uns für sich selbst Gott Rechenschaft geben.“

Ich schließe mit einigen Gedanken zu diesem Satz: „Gut, dass wir einander haben“, indem ich sage:

Nicht einander zur eigenen Überzeugung hin überreden, sondern miteinander Überzeugungen leben!

Pls jedenfalls macht deutlich:
Es ist Sünde der Starken, die Schwachen zu bedrängen. Der Starke ist für den Schwachen unwillkürlich eine Gefahr, da er ihm zum Anstoß werden kann, an dem er in Sünde fällt. Denn sein, des Starken Beispiel, reizt den Schwachen. Er will nicht belächelt werden als schwach. Er kämpft dagegen mit den Waffen der Anklage gegen die Starken. Aber keiner will als schwach eingeschätzt sein. So steht er in der Gefahr, sich vom eigenen Gewissen loszureißen und auch den „Starken“ zu markieren. Wo also die Starken im Glauben sich freuen, dass der schwache Bruder endlich vernünftig geworden ist, dass er nun endlich seine Grenzen auch weiter steckt – da ist oft der Schwache bereits ins Verderben gestürzt.

Da setzen die Starken im Glauben vielleicht durch: Tanzveranstaltungen im Gemeindehaus – ja, warum denn nicht! Alkohol bei Gemeindeveranstaltungen auch in größeren Mengen – es bleibt doch alles maßvoll! Gemeinschaftssaunabesuch von Gemeindegliedern – mit den eigenen Phantasien der anderen schönen Gemeindeglieder wird man doch noch fertig werden, oder?

Und die Schwachen werden stiller – und kriegen irgendwann Lob: „Schön, dass Du auch mitmachst!“ Nur – in ihrem Herzen nagt die Gewissensangst. Und beide sind schuldig geworden aneinander:
– der Starke am Schwachen, weil er ihn verführt hat.
– Der Schwache, weil er gegen sein Gewissen denkt und handelt. Wie viel Schuld laden sich hier immer wieder die Starken auf!! Vorsicht! Vorsicht! Ihr vermeintlich Starken, lasst die Andersdenkenden in der Gemeinde in Ruhe. Sie haben ihren Platz so wie Ihr. Und Ihr braucht sie, um nicht liberal und leichtfertig in Eurem Glauben zu werden. Hört hin, wenn die mehr Engen zu Euch sprechen. Vielleicht spricht gerade Christus durch sie zu Euch. Vielleicht sind sie manchmal viel vernünftiger als Ihr. Wer da meint, er stehe, der sehe zu, dass er nicht falle!

Liebe Gemeinde, Paulus sagt aber auch:

„Es ist Sünde der Schwachen, wenn sie den Starken im Glauben das Leben schwer machen.“

Durch ständige Anfragen und durch die ausgesprochene oder unausgesprochene Erwartung: „Du musst doch auch so denken wie ich. Verstehst Du denn nicht, dass mein Standpunkt der wirklich biblische ist?“ – kann ich dem anderen das Leben so schwer machen.

Da, wo die Starken resignieren; dort, wo sie die Freude an ihrer Gemeinde verlieren, weil man sie ständig in die Ecke der Liberalen rückt und die Tiefe ihres Glaubens anzweifelt; dort, wo die sprühende Lebensfreude und der Ideenreichtum der mehr offener denkenden Christen versiegen, da werden Menschen in der Gemeinde an anderer Stelle schuldig: nämlich die Schwachen an den Starken.

Dabei brauchen die mehr engen Geschwister die mehr weiten genauso, damit ihr eigener Glaube nicht klein und krank wird, damit ihre Freude an Jesus nicht langweilig und schal wird und ihr Zeugnis steril.

Deshalb: Gut, dass wir einander haben! Ja, wirklich. Wir brauchen einander. Und ich wünsche mir auch weiterhin eine Gemeinde, in der die unterschiedlichst geprägten Menschen einander zum Segen werden und bleiben, indem sie einander stehen lassen können in ihrer Unterschiedlichkeit und Gott täglich preisen für die „andersgeprägten“ Geschwister, an denen sie sich vielleicht weiterhin reiben, an denen sie aber auch ganz positiv wachsen können.
Eine wirklich reiche Gemeinde ist eine Gemeinde, in der Enge und Weite ausgehalten werden, ohne dass das eine gegen das andere ausgespielt wird. In der jeder seinen Standpunkt haben darf, ohne sich ständig vor dem anderen rechtfertigen zu müssen. In der Gott Reichtum schenkt in der gegenseitigen Ergänzung.
Wo immer das möglich ist und gelebt werden kann, da ist Gemeinde gesund. So hat Pls das in Rom empfohlen, in Korinth und anderswo. So darf es in FFB sein und im Bund der FeG. Und so wird’s hoffentlich bleiben zur Ehre Gottes – und damit Du und ich gleichermaßen ans Ziel kommen: ins Reich Gottes,

– wo Platz ist für Enge und Weite, für Gesetzlichkeit und Offenheit, für Starke und Schwache, eben – für gerechtfertigte Sünder, deren Wissen Stückwerk ist und bleibt bis zum Jüngsten Tag!! Lasst uns das nie vergessen. Gott segne Euch!

Amen

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