Unzufriedenheit in der Gemeinde – und wie Gott uns hilft, sie zu überwinden

Aber eventuell ist der Grund für ihre Unzufriedenheit ein anderer. Keine der beiden Gruppen scheint nämlich zu erkennen, dass ein Großteil der Verantwortung für ihr geistliches Wachstum bei ihnen selbst liegt.
Dies könnte ihr großes Aha-Erlebnis sein.

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Unzufriedenheit in der Gemeinde – und wie Gott uns hilft, sie zu überwinden
Reihe
Datum
03.07.2016
Länge
26:16
Bibelstelle
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Predigt

Liebe Gemeinde,

vor einigen Jahren verließen einige Gemeindemitglieder aus ganz verschiedenen Gründen unsere Gemeinde; manche von ihnen wussten im Augenblick ihres Abschieds nicht, wie ihr Weg weitergehen würde. Sie glaubten nur, dass Gott sie aus unserer Gemeinde herausführen wollte, vielleicht zunächst in eine Zeit der geistlichen Wüstenwanderung. – Andere waren zunächst im Gospel Life Center in Feldkirchen beheimatet und sind es heute weitgehend im ICF (International Christian Fellowship).

Alle diese Abschiede gingen im gegenseitigen Frieden von statten, was nicht selbstverständlich ist; und mancher von uns hat bis heute eine freundschaftliche Beziehung zu diesen Geschwistern behalten. Manche haben sich im Laufe der Zeit geistlich so weiter entwickelt, dass ich nicht wüsste, wie sie heute in unserer Gemeinde beheimatet sein könnten, wenn sie bei uns geblieben wären.

Ich erinnere mich an eine Aussage bei einem solchen Abschied, die etwa lautete: „Ich fühle mich wie eine Pflanze in einem zu kleinen Topf; ich kann nicht mehr weiter wachsen hier.“ – Ich erinnere mich daran, dass ich mich damals fragte: „Was willst Du den anderen hier im Raum damit sagen? Werden wir alle hier verkümmern und an mangelnder geistlicher Nahrung zugrunde gehen, während Du nun, nach Deinem Ausscheiden, geistlich aufblühen wirst? Und warum sollten wir weniger Heiligen Geist geschenkt bekommen haben als die Gemeinde, in deren Mitte Du Dich hoffentlich bald befinden wirst?“ Ich bewerte diese Aussage nicht. Ich sage nur, dass sie mich etwas hilflos zurückgelassen hat.

Alle diese Gemeindeglieder waren langjährig Christen, sie hatten den Glauben an Jesus Christus verinnerlicht, waren zum Teil Mitarbeiter und Leiter von Arbeitsgruppen. Sicher hatte es bei einigen auch Verletzungen in der Vergangenheit gegeben, die vielleicht noch immer schmerzten. Sicher gab es auch theologische Unterschiede.

Aber ich frage mich seitdem immer wieder: Warum passiert so etwas so oft bei Menschen, die schon lange aus dem Stadium der geistlichen Kleinkinder herausgewachsen sind und schon viele Jahre Glieder am Leib der Gemeinde Jesu sind – bei Menschen, denen ich bis heute von ganzem Herzen wünsche, dass sie mit dem Segen Gottes leben und im Glauben weiter wachsen.

Denn, liebe Gemeinde, dieses Phänomen des enttäuschten Abwanderns aus einer Gemeinde ist ja nicht etwa ein Problem unserer Gemeinde, der FeG FFB. Es ist nicht ein Problem des Bundes FeG. Es findet überall auf der Welt statt.

Und eine große amerikanische Gemeinde wollte diesem Trend nicht einfach nur zuschauen. Die Verantwortlichen dieser Gemeinde haben aus Liebe zum Leib Christi und zu ihrer Gemeinde nachgeforscht nach den tieferen Gründen und – vor allem – nach einer Möglichkeit, diesen Trend zu stoppen.

Die WCCC in Chicago hat ihre Studie dann veröffentlicht, um auch anderen Gemeinden mit ihren Erkenntnissen zu helfen. Dies (Folie) ist diese Studie: „Prüfen. – Wir haben sie vor einiger Zeit schon einmal als GL durchgearbeitet und die wichtigsten Thesen zusammengefasst. Keine Sorge – ich werde Euch nicht langweilen mit einem langen Vortrag. Aber ich möchte Euch auch nicht vorenthalten, was mir in der derzeitigen Situation unserer Gemeindearbeit wichtig erscheint.

Wie sieht die Situation derzeit aus? Ich beobachte – vielleicht ein wenig verallgemeinernd gesagt- derzeit, wie immer mehr Menschen an seelische und körperliche Grenzen geraten. Die Gründe sind vielfältig, manche auch selbstgemacht – aber es ist einfach so: Leben ist ungemein kompliziert und kostet sehr viel Kraft. Und es wird immer individualisierter. Und eine Frage ist in allen Bereichen unseres Lebens immer wichtiger – was ist mir wirklich wichtig? Wie wähle ich aus? Wie trenne ich das Wichtige vom Unwichtigen. Und dann fragen wir uns: „Was bringt mir dies und das gerade? Was glaube ich, dass mir jetzt gut tut?“ Was brauche ich eigentlich wirklich?“

Titelseite der Studio "Prüfen" von 2009. Quelle: http://www.gerth.de/index.php?id=details&sku=816859
Titelseite der Studio „Prüfen“ von 2009.
Quelle: http://www.gerth.de/index.php?id=details&sku=816859
Und, liebe Gemeinde, auch im geistlichen Leben in meiner Gemeinde schafft die Antwort auf diese Frage Tatsachen: eine stärkere Auswahl darin, wo man mich trifft; unregelmäßiger Gottesdienstbesuch; weniger Bereitschaft zu ehrenamtlicher freiwilliger unbezahlter Mitarbeit; Rückzug ins Privatleben – und vieles mehr, das von dieser Grundsatzfrage abhängt: Was bringt mir das gerade? Was habe ich eigentlich davon? – Denn sie ist geprägt von einem tief in mir sitzenden Gefühl der Überforderung – und damit verbunden auch diesem Gefühl der Unzufriedenheit, über die ich heute morgen rede.

Die Studie „Prüfen“ von der WCCC hat sich nun intensiv mit der Frage befasst, was der letzte Grund der Unzufriedenheit mit meiner Gemeinde sein kann. Ein ganzer wichtiger Teil trägt die Überschrift: Die Gruppe der Unzufriedenen unter die Lupe genommen“. Und aus diesem Abschnitt möchte ich jetzt zitieren:

Obwohl die Gruppe der Unzufriedenen häufiger geistliche Übungen praktiziert als die Gruppe der Stagnierenden, weisen die Daten daraufhin, dass die Unzufriedenen genauso wie die Gruppe, die sich im Stillstand befindet, fast ausschließlich erwartungsvoll zur Gemeinde blicken, wenn es um die Verantwortung für das persönliche geistliche Wachstum geht.

 

Beide Gruppen neigen dazu, mehr tiefgreifendere Studienangebote, mehr Gelegenheiten zum Aufbau persönlicher Beziehungen, mehr Möglichkeiten zur Mitarbeit und mehr von so ungefähr allem anderen, was ihnen in der Gemeinde fehlt, zu fordern.

Aber eventuell ist der Grund für ihre Unzufriedenheit ein anderer. Keine der beiden Gruppen scheint nämlich zu erkennen, dass ein Großteil der Verantwortung für ihr geistliches Wachstum bei ihnen selbst liegt.

Dies könnte ihr großes Aha-Erlebnis sein.

 

Und so liegt die Frage nahe: Wer hätte es ihnen sagen müssen? Wer hätte ihnen dabei helfen müssen, zunehmend mehr Verantwortung für ihr eigenes geistliches Wachstum zu übernehmen? Die Antwort ist ziemlich offensichtlich – ihre Gemeinde!”

 

Die Antwort ist ziemlich offensichtlich – ihre Gemeinde!

 

Deshalb, liebe Gemeinde, sind wir gerade auf einem erhellenden Weg miteinander: um einander zu helfen und miteinander zu lernen: Nachdenken über das Amosbuch; Predigten über Erweckung; Nachdenken am Tisch Junge Generation über die Zukunft unserer jungen Menschen; Gemeindeforum. Deshalb möchte ich heute morgen einen weiteren Impuls setzen zum Nachdenken in eine hoffentlich gute Richtung:

Was möchte ich Euch vermitteln? Ich möchte Euch ermutigen zu einem Blickwechsel mit voraussehbar ziemlich positiven Folgen. Ich möchte ermutigen zu einem Blick weg vom egozentrischen „Was bringt mir das?“ hin zu einer Perspektive, die den anderen Christen in den Mittelpunkt meines Denkens stellt.

Welche Erfahrungen hat die WCCC denn gemacht im Blick auf die Unzufriedenen?

Da sind in einer Gemeinde – so wie auch bei uns – viele lebensaltersmäßig ältere und jüngere, aber geistlich gesehen langzeitige Christen; seit Jahren und Jahrzehnten mit Jesus unterwegs; ganz viel gelernt, schon im Kindergottesdienst geschult; dann lange Jahre Sonntag für Sonntag Predigt auf Predigt – eine riesig hohe Schlagzahl an Fortbildung; erlernte Mitarbeit in Arbeitsbereichen; ein großes Arsenal an Vorbildcharakter. Also ein riesiger geistlicher Schatz, ein Geschenk von Gott.

Und nun frage ich einmal alle hier, die so geistlich ausgebildet wurden, die aber gerade zu den Unzufriedeneren in der Gemeinde gehören, etwas provokativ:

Was willst Du denn noch lernen? Was glaubst Du, brauchst Du noch, um den Weg in den Himmel zu schaffen? Was soll diese Gemeinde noch für Dich tun? – Natürlich sind wir dauernd Lernende, klar. Und wir brauchen Gottes Wort Tag für Tag. Anders kommen wir um.

Aber – irgendwann kommt in das allgemeine Gemeindeleben die Routine und mit ihr die schleichende Unzufriedenheit – ist doch klar: da kann der Pastor noch so viele verbale Verrenkungen auf der Kanzel versuchen; der Hauskreisleiter kann noch so viele gute Gedanken spritzig zu bezeugen versuchen; Gottesdienste können immer unterschiedlicher werden und phantasievoller.

 

Liebe Gemeinde,

aber das alles ist nicht die Lösung. Es ist nicht die Lösung. Ein Beispiel: das ICF ist aktuell die vielleicht kreativste und einflussreichste Kirchengruppe in München. Tobias Teichen ist ein toller und tiefgründiger Pastor; ich höre Predigten von ihm sehr gern (im Internet). – Aber ich weiß aus zuverlässiger Quelle, dass die Gemeinde nicht nur Zugewinn an Menschen hat, sondern dass langsam auch eine natürliche Gegenbewegung eintritt: Menschen suchen gerade nach einer kleineren Gemeinde im Umfeld, die alle Generationen umfasst und nicht nur einen schmaleren Altersschnitt repräsentiert. Sie wollen auch überschaubarere Gemeinde, nicht nur das Megamäßige. Sie suchen also nach mehr Überschaubarkeit in kleineren Gemeinden wie der unseren. Und nach einer Mitarbeit, deren Wirkung sie direkter erspüren können.

Aber – auch hier steht die Frage im Raum: Was bringt mir das da im ICF? Und diese Frage ist genauso falsch, auch wenn gelegentlich vielleicht zehn ehemalige Teilnehmer des ICF hier aufschlagen und sich integrieren wollen – und was dann unser Gemeindewachstum dann steigern könnte.

Wie steht es in dieser Studie von WCCC?

 

Keine der beiden Gruppen scheint nämlich zu erkennen, dass ein Großteil der Verantwortung für ihr geistliches Wachstum bei ihnen selbst liegt.

Dies könnte ihr großes Aha-Erlebnis sein.

 

Und, liebe Gemeinde,

ein wirkungsvoller Lösungsvorschlag in der Studie von WCCC liegt, vereinfacht formuliert, in einem Schlüsselsatz, der den Satz der Unzufriedenheit umkehrt. Er lautet:

 

Was hat Gott, was hat meine Gemeinde, was haben die Menschen in meiner Gemeinde davon, dass ich hier bin in der FeG FFB – so gut ausgebildet im Glauben, so gut geschult in allen möglichen geistlichen Fragen, so erprobt im Kampf gegen den Zweifel und die Anfechtung, so erfahren in meinem Christsein und ein Mensch mit Vorbildcharakter – was haben Gott und Gemeinde und die Menschen hier davon, dass es mich hier gibt? Was von meinem Potential möchte ich Gott zur Verfügung stellen, ihm in Dankbarkeit zurückgeben? Wem hier möchte ich helfen, als Anfänger im Glauben vielleicht weiterzukommen und mehr Freude an Jesus zu gewinnen oder zu behalten? Wo möchte ich die Freude an Jesus zum Klingen bringen – in der Musik, in meinem Lebenszeugnis im Gottesdienst, in der tollen fröhlichen Stimmung, die ich zu verbreiten vermag wie kein anderer, ob vor oder nach dem offiziellen Gottesdienst?

 

Mensch, du vielleicht gerade mehr oder weniger Unzufriedener – Du bist Gottes Hoffnung für die Welt. Denn deine Ortsgemeinde hier in der Oskar-von-Miller-Str. ist doch die Hoffnung für die Welt. Weil es Dich gibt. Weil Du da bist. Weil Du dazu beitragen kannst, dass es hier in diesen Räumen eine lebendige christuszentrierte Gemeinde gibt mit Ausstrahlung weit über diesen Ortsteil Fürstenfeld hinaus.

Was bedeute ich für die anderen Menschen? Das ist die Schlüsselfrage zu einem Verlust der Unzufriedenheit und zu einem Zugewinn an Freude am Glauben und an meiner Gemeinde.

Und wer hier jetzt denkt: Prima, jetzt fährt unser Pastor gerade wieder die Mitarbeiterschiene, um das KiGoKids – Mitarbeiterproblem zu lösen – der tut mir Unrecht. Es geht um viel Größeres und Wichtigeres als um die KiGoKids oder Mitarbeit allgemein. Du als geistlich gut ausgebildeter Jünger Jesu bist einfach erst einmal nur wichtig, weil es Dich gibt – als ein Vorbild im Mutmachen, im Freude verbreiten, im Liebe weiterschenken. Wenn ich Dich in der Gemeinschaft sehe, glaub mir: dann tut mir das gut. Weil Du da bist als Hoffnungsträger für die Welt. Das ist das Geheimnis der Ausstrahlung der Gemeinde – die Freude übereinander. Die Freude am Zusammensein. Die spürbare Liebe. Das vertreibt die Unzufriedenheit und die Sorgen um unsere Zukunft.

Und wenn dann auch die Frage Deiner Mitarbeit im Raum steht, weil Gott Dich herausfordert. – Nun gut – aber ich kann doch nicht dafür, dass seit 2000 Jahren die tiefe Zufriedenheit von Menschen in allen Lebensbereichen herrührt aus Arbeit, Mitarbeit, Mitverantwortung und damit verbundener Anerkennung. Auch in der christlichen Gemeinde bleibt das so. Und das ist doch gut so. Auch in der FeG FFB.

 

Nochmals – die Studie von WCCC:

 

Keine der beiden Gruppen scheint nämlich zu erkennen, dass ein Großteil der Verantwortung für ihr geistliches Wachstum bei ihnen selbst liegt.

Dies könnte ihr großes Aha-Erlebnis sein.

 

Liebe Gemeinde,

lasst uns über die Konsequenzen aus diesem Aha – Erlebnis in Ruhe weiterdenken – jeder für sich und wir alle zusammen. Gehen wir geduldig in die nächste Runde.

Vielleicht ist Dir am Ende dieser Predigt noch nicht klar, was das für Dich persönlich bedeutet. Wo Gott Dir deine schleichende Unzufriedenheit aus dem Herzen wegnehmen will. Dann denk einfach weiter nach. Nur erwarte bitte nicht von Deiner Gemeindeleitung und von mir, dass ich Dein Problem löse. Ich helfe Dir gern. Aber – die Verantwortung für Dein geistliches Wachstum liegt zu allererst bei Dir. Gott segne Dich beim weiteren Nachdenken darüber.

Diese Predigt enthält keine ausdrückliche Bibelstelle. Aber sie enthält ganz viel Gottes Wort – dank des Heiligen Geistes. Und der, liebe Gemeinde, ist hier weiterhin genauso präsent und kräftig und wirksam wie in jeder anderen Kirchengruppe im Münchner Großraum. Keine geistliche Pflanze hier muss verdorren, weil sie zu dieser Gemeinde gehört. Im Gegenteil. Es gibt hier ganz viel Potential – für jung und alt. Denn es gibt ganz viele geistlich super ausgebildete erwachsene Christen.

Ehepaare geben sich ein Eheversprechen, in guten wie in schlechten Tagen zueinander zu stehen. Und manchmal hilft der Gedanken daran sehr viel. – Vielleicht wäre ein solches analoges „Gemeindeversprechen“ manchmal eine Hilfe zum zuversichtlichen Durchhalten mit der Frage im Herzen: Wo kann ich den anderen gut tun – durch meine Liebe zu Jesus – und durch meine entspannte Sicht auf meine Gemeinde am Ort? – Gott segne mich und Euch sehr auf diesem Weg.

Amen.

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