Wenn einem das Zelt lieber ist als das Haus…

Ich wünsche mir, dass unsere Gemeinde eine Gemeinschaft bleibt, in deren Mitte Gott gern weiterhin zeltet, weil es ihm bei uns gefällt – nicht weil wir so opferbereit, so gebetsfreudig, so lobpreiswütig und so begabt sind – sondern weil wir mit demütigen Herzen und in dem Bewusstsein unserer Schwachheit und Schuldhaftigkeit seine Vergebung und seine Gnade suchen. – Bei diesem Gott lasst uns bleiben. Zu seinem Zelt-Lager gehören wir dazu. Gott segne uns, mich und Euch, mit einer gesegneten Nachurlaubszeit im letzten Vierteljahr 2016.

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Wenn einem das Zelt lieber ist als das Haus…
Reihe
Datum
04.090.2016
Länge
23:34
Bibelstelle
1. Chronik 17, 11-13
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

11 Wenn deine Tage erfüllt sind und du zu deinen Vätern gehst, dann werde ich einen von deinen Nachkommen, einen von deinen Söhnen, als deinen Nachfolger einsetzen und seinem Königtum Bestand verleihen.
12 Er wird für mich ein Haus bauen und ich werde seinem Thron ewigen Bestand verleihen.
13 Ich will für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein. Meine Huld will ich ihm nicht entziehen, wie ich sie dem entzogen habe, der vor dir König war.

Predigt

Liebe Gemeinde,

wie Sie hiermit wahrnehmen, sind meine Frau und ich gesund aus dem Urlaub im Elbegebiet zurückgekommen. Wir können das Elbsandsteingebirge und den Elberadweg nur sehr empfehlen. Und um gestreuten Gerüchten vorzubeugen – ich habe diesmal nicht nur im Bus gesessen und so unseren mobilen Wohncontainer Tag für Tag nachgeholt – wir sind gemeinsam gewandert und auch immer mal gemeinsam geradelt. Das alles hat uns körperlich und auch seelisch, auch unserer Ehe, richtig gut getan.

Dabei haben wir viel tolle Natur, aber auch viel Kultur, vor allem in Torgau und Wittenberg war sie mehr reformatorischer Art, erlebt – und sind in der Regel vielen netten Menschen begegnet. – Ein Erlebnis ist allerdings auch dabei, aus dem ich in unserem Weihnachtsrundbrief eine kleine Anekdote gestalten werde. Heute morgen aber kurz skizziert: wir wanderten gerade nach einer sehr eindrucksvollen Besichtigung des Meissner Doms am Gelände der ehemaligen Burganlage vorbei, von der eigentlich nicht mehr viel erhalten ist, da spricht uns der Bewohner eines der anliegenden Häuser an und erklärt uns, wir hätten heute die einmalige Gelegenheit, drei ehemals zur Burganlage gehörende und in Eigenarbeit rennovative Häuser selber zu erkunden, weil normalerweise dieser Bereich privat und deshalb nicht zugänglich sei. Im Überschwang unserer Kulturfreudigkeit sagen wir zu – und drücken dem Mann sieben Euro in die Hand (in Worten: sieben). Dann erklärt er uns grob, was wir als nächstes sehen werden und schickt uns auf – wie er das nennt – Selbsterkundungstour. Was bedeutet, dass wir uns durch einige baufällige Räume hindurchtasten, die einfach nur Schrott sind. Als wir das hinter uns haben, zeigt er uns den Zugang zu den anderen beiden Häusern und entfernt sich wieder. Nochmals Schrott; man erkennt Ansätze von Neuverputz – und viel Gerümpel. Eine „mittelalterlich eingerichtete Küche“ – ein Sammelsurium von zusammengestelltem Flohmarktgut. Wir ersparen uns – sicher zu unserer eigenen Rettung – die Besichtigung eines antiken Kellergewölbes. Zu deutlich hängt an der Tür zum Abgang ein massiver Holzkeil, mit dem die Tür auf ewig verschließbar zu machen wäre, und gehen mit sprödem Gruß davon. Wir glauben, hämisches Gekicher in unserem Rücken zu hören. Und wir sind uns sicher: wären wir der Einladung zur Besichtigung des Kellers gefolgt – wir hingen heute als gut geräucherte Schinkenteile in der Vorratskammer, und der Burgherr und sein Fräulein würden sich Abend für Abend ein sattes Stück Speck von uns herunter schneiden. – Ich habe einige Tage gebraucht, um meinen Ärger über diesen Bauernfänger – und über meine Blödigkeit – zu verarbeiten. Sieben Euro ruhen in seiner frechen Hand. –

Seitdem wir mit dem Campingbus unterwegs sind, hat sich übrigens unser Komfort im Vergleich zu früheren Urlauben exorbitant gesteigert: Auf engstem Raum zwar, aber doch bequem vorhanden sind alle nötigen technischen Geräte zum Kühlen und Kochen etc. Eigentlich haben wir einen Wohnraum und ein auf dem Dach gelegenes Schlafgemach, darüber ein regensicheres Plastikdach. Die uns umgebenden Schlafraumwände allerdings sind aus festem haltbaren Leinenstoff – ein Zelt also, das in den ersten Nächten auch ausreichend Kälte durchgelassen hat, um die Qualität unserer Schlafsäcke zu überprüfen. Herrlich warm. Prüfung also bestanden.

Ich finde diese Komfortsteigerung durch den Campingbus sehr angenehm und genieße sie. Die beste aller Ehefrauen aber schwärmt bis heute von den Touren mit dem Kanadier und den herrlichen Nächten in unserem kleinen Zelt. Jederzeit würde sie wieder tauschen und mit dem Kanadier einsame Seen in Norwegen durchpflügen. Bedeutet: Anstatt Komfort im bambusgelben VWBus Beschränkungen, wohin das Auge blickt: in fünf wasserdichten Säcken und zwei Plastiktonnen verstaute Habseligkeiten zum Überleben: Kleidung, Luftmatratzen, Schlafsäcke, Zelt, Kochgeschirr, Essen für sechs Tage. Und dann um einen herum: die Wildnis: tagsüber paddeln, mittags rasten, nachmittags den Lagerplatz auswählen, Zeltaufbau, warmes Essen vorbereiten, Lagerfeuer und Teetrinken, frühes Schlafengehen, nächtliche Grunzgeräusche irgendwelcher Wühltiere, Bellen und Heulen des mitgebrachten Jagdhundes (denn unsere mitreisenden Freunde waren beide Förster), morgens Waschen oder Baden im eiskalten See (die Füße werden manchmal schon nach einer Stunde wieder warm), Frühstücken, Zusammenpackeln, Boot laden – und dann siehe oben.

Warum erzähle ich Ihnen das? Nicht, um Sie zu ähnlichem zu motivieren. Aber – ich sagte schon – bis heute sagt meine Frau Annegret zu mir: „Im Zelt schlafe ich eigentlich am liebsten.“ Und als sie am Ende einer solchen Bootstour einmal Unterstützung von ganz oben suchte, erzählte sie von einer Beobachtung während ihres täglichen Bibellesens und fragte mich: „Weißt Du, wer das Zelten genauso toll findet wie ich? Steht heute in meinem Bibeltext. Lies mal 1. Chronik 17.“

Und genau das möchte ich mit Ihnen zusammen heute Morgen auch tun.

Liebe Gemeinde,

hier besteht einer auf dem weiteren Wohnen in einem Zelt. Zwar eines sehr geräumigen Zeltes, denn die Bundeslade war in der Stiftshütte ja gut aufgehoben. Aber das will der, um den es hier geht, jetzt nicht geändert sehen. Und dieser Zeltbewohner ist nicht irgendwer – es ist wirklich – Gott selber, der David in seinem Wunsch bremst, mit einem Tempelbau zu beginnen.

Welche Gründe hatte Gott, dies zu verlangen? Ich erkenne mindestens drei:

1. Gott bleibt lieber noch im Zelt, weil der selbsternannte Tempelbauer an seiner Vergangenheit scheitert!

David selber sagt das einige Kapitel später, als er seinem Sohn Salomo erläutert, warum der und nicht sein Vater den Tempelbau übernehmen sollte (Kap 22,8): „Das Wort des Herrn kam zu mir: Du hast viel Blut vergossen und große Kriege geführt; darum sollst du meinem Namen nicht ein Haus bauen.“ Gott sagt damals zu David: „Du bist unwürdig.“ Diese Kriege des David waren staatsmännisch vielleicht nötig und berechtigt. Aber damit hatte David sich als Tempelerbauer disqualifiziert.

Und es zeigt die damalige Demut dieses Königs, dass er sich damit abzufinden in der Lage war. Er schmollt nicht. Stattdessen sorgt er schon für die nötigen Mittel und richtet ein Baukonto ein, auf das Salomo einmal zurückgreifen kann. Und in 1. Chr. 21 wird sogar geschildert, wie der Bauplatz gefunden wird. Der Tempel soll einmal dort stehen, wo Gott nach einer hochmütigen Tat des David und seiner anschließenden Buße Gnade vor Recht ergehen ließ. – Das darf David noch erleben. Zu mehr gebraucht ihn Gott nicht.

Ich finde diese Entscheidung Gottes so wohltuend. Er sagt David: „Ich habe Dich lieb und ich sehe, dass Du mir dienen willst. Aber für den Tempelbau suche ich mir einen anderen. Dazu bist Du zu sehr verstrickt in Menschliches, David.“

Ich glaube, Gott hätte heute viel Nachdenkenswertes zu sagen hinein in unsere Großspurigkeit, mit der wir manchmal unsere geistliche Rolle im Reich Gottes hervorheben, oder? – David war sich damals sicher, dass er den Willen Gottes genau erkannt hätte und dass seine Vision ins Schwarze treffen musste. Und Gott holt ihn auf den Teppich seiner Sündhaftigkeit. Er macht demütig, ohne zu demütigen.

Kannst Du dies hören in Deine visionäre Sicherheit hinein? Vielleicht ist das, was Du meinst, was Gott ganz bestimmt will oder tun wird, vorbeigedacht an seinem Willen.

Vielleicht steckt hinter manchen großen Menschenvisionen im Reich Gottes, so wie bei David damals auch, der Gedanke: Alle anderen haben für ihre Götter tolle Tempel. Und wir lassen unseren Gott in einem Zelt wohnen. Wie entwürdigend – natürlich auch für Gott, ja, aber vor allem – wie entwürdigend für uns!

Und Gott sagt: Lass gut sein, David. Bleibe oder werde wieder demütig. Das reicht für mich und für Dich.

Ist die Demut in Deinem Leben stark genug ausgeprägt? Denk mal nach!

2. Gott bleibt lieber noch im Zelt, denn ihm liegt mehr daran, sein Volk zu segnen!

Ich finde es so schön, wie Gott die Minimalisierung seines Aufenthaltsortes vor David begründet. Er sagt: „Ich habe mich doch nie beklagt. Ich bin treu bei Euch gewesen, auf der Wüstenwanderung, durch die Richterzeit, bis heute. Mir hat nie etwas gefehlt. Ich bin sehr gern in einem Zelt zu Hause. Wenn ich nur inmitten eines Volkes leben kann, dem ich Gutes tue und das sich daran immer wieder erinnert.“ Und dann zählt Gott auf, was er alles für Israel getan hat in den zurückliegenden Jahrhunderten.

Liebe Gemeinde, ist es nicht wunderbar, dass wir einen Gott haben, der eben nicht zuerst an sich selber denkt? Der nicht zuerst Wert auf sein eigenes Ansehen, auf vergoldete Tempel und Darstellungen seiner Macht legt? Dem es wurscht ist, was andere über ihn denken? Nur so ein Gott konnte auf die Idee kommen, sich in Jesus Christus zu den Menschen aufzumachen, in einem Stall geboren zu werden und seine entscheidende Rettungstat an einem blutigen Kreuz zu Ende zu bringen. Dieser Gott ist unser Gott. Ihm liegt nicht an Selbstdarstellung, sondern am gütigen Segnen derer, die er liebt.

Gottes Wunsch ist es, für die Menschen, die ihn lieben, zu sorgen. Manchmal hat Israel und später die christliche Gemeinde das ganz deutlich gespürt; und manchmal haben die Menschen erst im Nachhinein erfahren, wie gut Gott es mit ihnen gemeint hat.
Dabei verliert Gott nicht seine Souveränität. Der Gott, der damals zu David redet, ist kein billiger Wunscherfüller. Und bis heute ist Gott nicht der vielgebetene Gesundmacher oder Gesunderhalter seiner Kinder. Er sichert oft, aber nicht konsequent immer unser irdisches Leben; wohl aber garantiert er seinen Jüngern das ewige Zusammensein mit sich im Himmel.

Und dort, sagt uns Jesus, wird es, vielleicht ein klein wenig zum Bedauern meiner Frau, nicht nur eine große Zeltstadt geben, sondern sehr persönlich eingerichtete Wohnungen, die uns sofort zum ewigen Leben dort einladen – und in denen man selten stattfindende Gewitter sicher erträglicher findet als unter freiem Himmel im Zelt.

3. Gott bleibt lieber noch im Zelt – denn ihm liegt nichts an Äußerlichkeiten, wohl aber am reinen Herzen der Anbeter!

Die Bibel ist voll von der klaren Einordnung Gottes zu Äußerlichkeiten im Glauben. Er sucht Menschen reinen und vertrauenden Herzens und keine prall gefüllten Opferaltäre. Er möchte lieber in einem Zelt angebetet werden von Menschen, deren Liebe und Treue er erkennen kann und über die sich sein Herz freut, als in einem marmornen Tempel mit einem Ritus abgespeist zu werden, den eine Priesterkaste absolviert, hinter der aber keine glaubende Gottesgemeinde mehr steht.

Gott sucht mein und Dein Herz. Er sucht meine und Deine Liebe und Treue und unseren freudigen Glauben. Er sucht meine und Deine Demut und unser Vertrauen. Das ist ein Opfer, das ihm gefällt. Und er wohnt gern in einem menschlichen Körper, dessen Geist Gott sucht und seinen Willen tut.

Gott macht sich also nichts aus äußerem Lobpreis, wenn sich innen nichts regt. Er ist nicht interessiert an tollen Kirchen, die leergefegt sind durch Glaubenslosigkeit. Gott hasst Gebetsgemeinschaften und Fürbittegebete, die nur ein Herunterleiern von Glaubenssätzen sind, ohne dass dadurch Menschenherzen bewegt werden. Gott sagt: Lasst mir mein Zelt – aber es soll stehen mitten unter den Menschen, die mich lieben und mir dienen.

Liebe Gemeinde, ich wünsche mir, dass unsere Gemeinde eine Gemeinschaft bleibt, in deren Mitte Gott gern weiterhin zeltet, weil es ihm bei uns gefällt – nicht weil wir so opferbereit, so gebetsfreudig, so lobpreiswütig und so begabt sind – sondern weil wir mit demütigen Herzen und in dem Bewusstsein unserer Schwachheit und Schuldhaftigkeit seine Vergebung und seine Gnade suchen. – Bei diesem Gott lasst uns bleiben. Zu seinem Zeltlager gehören wir dazu. Gott segne uns, mich und Euch, mit einer gesegneten Nachurlaubszeit im letzten Vierteljahr 2016.

Amen

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