Erntedank: Was haben wir mitgebracht? Was nehmen wir mit?

Erntedank: Was haben wir mitgebracht? Was nehmen wir mit?

Der Psalm 145 ist der erste von sechs Schlusspsalmen des Psalters, die in ihrer Aussage einen tiefen Blick zulassen in die Seele des gläubigen Juden und seiner Gottesbeziehung. Ein Blick, der uns Gottesdienstbesuchern an Erntedank 2018 auch viel zu sagen haben dürfte.

Geschätzte Lesezeit: 7 Minuten

Daten

Prediger
Gerd Ballon
Thema
Was haben wir mitgebracht? Was nehmen wir mit?
Reihe
Erntedank
Datum
07.10.2018
Länge
22:50
Bibelstelle
Psalm 145, 15 – 21; 1. Timotheus 6, 7 – 8
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter
Gerd Ballon, Pastor und Gemeindeleiter

Lesungstext

Psalm 145, 15 – 21

15 Aller Augen warten auf dich / und du gibst ihnen Speise zur rechten Zeit.
16 Du öffnest deine Hand / und sättigst alles, was lebt, nach deinem Gefallen.
17 Gerecht ist der Herr in allem, was er tut, / voll Huld in all seinen Werken.
18 Der Herr ist allen, die ihn anrufen, nahe, / allen, die zu ihm aufrichtig rufen.
19 Die Wünsche derer, die ihn fürchten, erfüllt er, / er hört ihr Schreien und rettet sie.
20 Alle, die ihn lieben, behütet der Herr, / doch alle Frevler vernichtet er.
21 Mein Mund verkünde das Lob des Herrn. / Alles, was lebt, preise seinen heiligen Namen immer und ewig!

1. Timotheus 6, 7 – 8

7 Denn wir haben nichts in die Welt mitgebracht, und wir können auch nichts aus ihr mitnehmen.
8 Wenn wir Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen.

Predigt

1. Wir dürfen in allen Dingen voller Vertrauen auf Gott blicken!

Wir wissen aus der Lektüre der Psalmen, dass hier Menschen in großer Offenheit und Wahrhaftigkeit vor Gott stehen und beten – in sehr unterschiedlicher Weise. Da geht es vom singenden Lob bis zum schreienden Elendsruf an Gott. Da ist die ganze Palette menschlicher Regungen dargestellt. Da stehen Menschen in der letzten Abhängigkeit – und Geborgenheit vor Gott. Sie stehen vor Gott in dem Bewusstsein: hier darf, aber auch: hier muss ich einem alles sagen! Meine Klage und meine Freude. Und die Klage ist nicht gering in den Psalmen. Bestimmt wird heute Morgen ein anderer Psalm in Gottesdiensten im Mittelpunkt stehen, die in Indonesien oder in Südsudan gehalten werden. Klagepsalmen vielleicht, die in aller Not deutlich machen: Gott ist dennoch da. Er verlässt uns nicht!
Wenn wir heute den Psalm 145 hören, dann sagt er uns in unseren Reichtum hinein: Wir dürfen voller Vertrauen auf Gott blicken. Es gibt keinen, der mehr für uns geopfert hat, der uns mehr schenken könnte als Jesus Christus und sein Kreuz. Es gibt keinen, der unser Vertrauen und unsere Liebe mehr verdienen würde als er. Und am Erntedankfest sagt uns dieser Psalm im Besonderen:

2. Gott macht uns satt

Gott hat uns alle hier im letzten Jahr wieder satt bekommen; mancher beklagt sogar sein Übergewicht! Ja, Gott hat uns genießen lassen – die Speisen, neue Kleidung, neue Autos, neue Technik, neue Wohnungen. Gott hat nichts gegen dankbaren Genuss. Er liebt es, seine Menschen froh zu sehen. Und deshalb macht er uns ja nicht nur materiell satt. Er erfüllt uns auch innerlich. Er beschenkt uns mit dem, was wir brauchen, um leben zu können. An Liebe, an Verstehen, an Freundschaft, Hoffnung, Vertrauen. Und eben darin macht er uns frei von reinem Konsum. Wer von Gott satt gemacht ist, lebt nicht saturiert und egozentrisch vor sich hin. Er hat Platz für die Nächstenliebe und das Mitleiden und kann sich von Werten trennen – für andere. Wir dürfen Gott von Herzen danken, denn er erfüllt uns ganz, er macht satt, damit wir satt machen können.

3. Gott ist nahe bei denen, die es ernst meinen

Wir dürfen Gott danken für den Ernteertrag eines Jahres, den er uns durch Führung und Bewahrung, durch seine lebensgestaltende Nähe geschenkt hat. Wir kennen ein Lebensziel; wir dürfen unser Leben gestalten von einem letzten entscheidenden Gedanken Gottes her. Das ist angesichts einer torkelnden Menschheit ein nicht unterschätzbares Geschenk. Wir erfahren das ja ständig im Alltag, was es heißt: Gott ist nahe bei denen, die es ernst meinen. Wie oft hat er auch im letzten Jahr an unserer Seite gestanden. In Freud – und auch im Leid, ja. Und damit wird der Erntedanktag 2018 zu einem Aufruf zum dankbaren Mitsingen der Loblieder auf den Schöpfer, Herrn und Erretter unseres Lebens und dieser Welt – ob mit den Worten des 145. Psalms oder mit eigenen Erfindungen. Und Gott möge uns allerdings segnen, dass unser Dank weiterreicht als bis zum Ende eines Gottesdienstes oder einer großen Freude.

Nur – bei der reinen dankbaren Freude allein können wir doch heute Morgen auch nicht stehenbleiben. Hören wir einmal zu diesem Thema auf ganz nüchterne Worte, die Paulus im Timotheusbrief an seinen jugendlichen Freund schreibt. In der „Guten Nachricht“ hören sie sich so an:

Was haben wir in die Welt mitgebracht? Nichts!
Was können wir aus der Welt mitnehmen? Nichts! Wenn wir also Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen!

4. Was haben wir in die Welt mitgebracht?

Paulus sagt das sehr rigoros, fast hart: Nichts! Dabei ist ein Säugling ein sehr beeindruckendes Etwas; dabei sind seine Begabungen und Fähigkeiten ein nicht zu unterschätzendes Potential. Die Errungenschaften unserer Welt machen deutlich, was der Mensch alles in die Welt mitgebracht hat. Nur: genau das ist auch sein Gefahrenpotential. Paulus sagt sein „Nichts“ hinein in eine Gesellschaftssituation damals, in der man wie auch heute voller Stolz auf menschliche Errungenschaften blickte. Und: in der dann ganz schnell die Wirkungen dieser Haltung deutlich werden: Neid, Hader, Lästerung, böser Argwohn, oder, wie die „Gute Nachricht“ es ausdrückt: Neid und Streit, Beleidigungen, böse Verdächtigungen und fortwährender Zank. Das ist die Folge des „Etwas – sein – Wollens“. Und das macht kaputt. Die Welt – und wenn es in die Gemeinde eindringt, dann auch die Gemeinde. Deshalb ist es wichtig, am Erntedanktag festzuhalten: Wir haben nichts mitgebracht. Und wir brauchen auf nichts stolz zu sein!! Nicht auf unsere beruflichen Leistungen, nicht auf unsere strotzende Gesundheit, nicht auf unsere materiellen Güter. Sonst kann ganz leicht der Neid unsere Herzen zerfressen, der Streit, die Beleidigungen, die Verdächtigungen und der fortwährende Zank! Davor allerdings möge uns Gott bewahren!!

5. Was können wir aus der Welt mitnehmen?

Wieder sagt Paulus rigoros: „Nichts„. Und das mögen wir zunächst akzeptieren. Denn wenn wir sterben, werden wir nicht einmal unseren Körper, an den wir uns ein Leben lang gewöhnt haben, mitnehmen können. Wir müssen ihn zurücklassen – wie alle Menschen, die wir liebgewonnen haben. Wie alles Materielle, das uns unser Leben leichter gemacht hat. Also: zunächst akzeptieren wir das.

Aber: leben wir so? Wir umgeben uns doch ein Leben lang ängstlich mit genau diesen Sicherheiten, mit Menschen und Dingen. Und wir brauchen sie, um diese letzte Konsequenz nicht bedenken zu müssen: dass wir nichts, gar nichts mitnehmen können, wenn wir einmal diese Welt verlassen. Warum betont Pls das nun wieder so? Ganz klar: wir sollen unser Herz nicht an das hängen, was wir hier zurücklassen müssen. Es kann uns gefangen nehmen. Pls sagt etwas später: Wer unbedingt reich werden möchte, gerät in Versuchung. Er verfängt sich in dummen und schädlichen Wünschen, die ihn zugrunde richten und ihn ins ewige Verderben stürzen. Denn Geldgier ist eine Wurzel alles Bösen. Manche waren so auf ihr Geld versessen, dass sie dem Herrn untreu geworden sind und sich selbst viel Not bereitet haben.“

Paulus macht deutlich: Benutzt die Güter dieser Welt. Tut Gutes damit! Und genießt die Freude, die Gott euch damit macht. Aber: Ihr könnt nichts mitnehmen.
Vielleicht ist dies eine Botschaft des Erntedanktages 2018, die nicht ungehört verklingen soll: „Investiert in Menschen! Investiert in Menschen!“ Ich bin gewiss: das Geld, das ich in Menschen, in das gemeinsame Essen, in Nothilfe investiere, habe ich nie zuwenig. Denn ich bleibe reich in diesem Vertrauen darauf, dass Gott segnet, was wir in Menschen investieren!
Denn auf etwas werden wir alle ja sicher nicht zu verzichten brauchen:

6. „Wenn wir also Nahrung und Kleidung haben, soll uns das genügen!“

Reich sind wir, liebe Gemeinde, so unheimlich reich! Selbst wenn wir alle heute Morgen einen Tausender in den Opferbeutel werfen würden – keiner würde verhungern. Klar, einiges wäre so nicht mehr möglich. Manche Budgetlöcher drücken uns vielleicht. Aber die hat uns doch nicht die Güte Gottes gerissen. Wir haben als die Reichen verlernt, dass Nahrung und Kleidung für alle Menschen das wichtigste Ziel sein könnte. Vor 150 Jahren gab es das Wort Urlaub nicht. Da fuhren die ganz Reichen, und das auch erst seit wenigen Jahren – in die Sommerfrische. Freizeit und Hobbies waren etwas für ein paar Faulenzer, die ihre Zeit für anderes als für den Broterwerb einsetzten. Eine Familie hatte einen Schrank, in den alle Kleidungsstücke gut hinein passten. Aber die Menschen hatten noch Zeit, sich zusammenzusetzen, zu spielen, zu essen und fröhlich zu sein, einander zu lieben und zu schützen.
Paulus sagt hier zu uns Reichen: „Sie sollen ihre Hoffnung nicht auf so etwas Unsicheres wie den Reichtum setzen, sondern auf Gott, der uns alles reichlich gibt, damit wir es froh genießen. Sie sollen Gutes tun, großzügig sein und bereit, mit anderen zu teilen. Wenn sie an guten Taten reich werden, schaffen sie sich einen guten Grundstock für die Zukunft, damit sie das wirkliche Leben gewinnen.“

Also: nichts gegen den Reichtum. Aber: die meisten gehen falsch damit um! Sie wählen die Unsicherheit und gefährden die Sicherheit des ewigen Lebens.

Was kann uns das Erntedankfest 2018 sagen?
Es kann uns zum einen zum Lob ermutigen, denn der Psalm 145 sagt uns:

  • Wir dürfen voller Vertrauen auf Gott blicken, denn: Gott macht uns satt; und es sagt uns:
  • Gott ist nahe bei denen, die ihm von Herzen dienen.

Er kann uns aber andererseits in eine nüchterne Nachdenklichkeit über unseren Umgang mit dem Geld führen und uns helfen, wieder ganz neu zu erkennen:

Wenn wir also Kleidung und Nahrung haben, soll uns das genügen. Alles andere ist Überfluss, mit dem wir Gutes tun dürfen und Liebe üben sollen.

Und vielleicht wächst dann bei dem allerletzten von uns wieder die Bereitschaft, von dem, was Gott uns schenkt, einmal wirklich 10% wegzunehmen und dieses Geld in die Arbeit der Gemeinde zu geben, in der wir leben – und nicht nur einen Betrag zwischen Kirchensteuer und etwas mehr!

Und ich wage noch eine Hoffnung auszusprechen: die Hoffnung, dass Gottes Sache, die Mission in unserem Land, in den FeG wahrgenommen durch die Inlandmission, nicht leiden wird unter Geldmangel, weil auch in Fürstenfeldbruck heute morgen und vielleicht auch letzte Woche beim Bundesopfer etwas deutlich geworden ist von der Opferbereitschaft und Liebe der Gemeinde Jesu, die ihren Reichtum in die Menschen investiert, die Gott liebt und die er durch den Einsatz auch unseres Geldes retten will. Das heißt: Sie dürfen unserer Kassiererin auch noch in einer Woche Ihr Bundesdankopfer übermitteln, wenn Sie das letzte Woche nicht tun konnten.

Danke, wenn wir alle dieses Wort am Erntedanktag bedenken und unser Leben daran überprüfen, anstatt uns darüber zu ärgern, dass es auch bei den Christen immer wieder mal ums Geld geht.

Denn der entscheidende Unterschied zu allem anderen ist: die christliche Gemeinde sammelt nicht für sich, sondern für den Dienst am anderen Menschen – damit das Evangelium von Jesus Christus noch möglichst viele Menschen erreicht.
Gott segne Sie am Erntedanktag 2018 durch gute Gedanken, die Gott Ihnen schenkt!

Amen

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