Jesus am Kreuz: Was Menschen wollen, wie Gott handelt

Was Menschen wollen, wie Gott handelt

Ein unter dern Menschen als weise anerkannter Mann schrieb folgendes:

Ich konnte Jesus als Märtyrer akzeptieren, als Verkörperung des Opfers und als göttlichen Lehrer. Sein Tod am Kreuz war ein großes Beispiel für die Welt, aber dass in ihm irgendeine geheimnisvolle oder wunderbare Kraft lag, das konnte mein Herz nicht glauben.

So zu lesen in der Autobiographie von Mahatma Gandhi.

Ein großer Mensch, ein einzigartiger Lehrer, ein inspirierendes Vorbild – all das: Ja! Gott selbst, der zum Heil seiner Menschen stirbt, das nicht. Gandhi sagt das so. Ein frommer Jude würde das so sagen. Ein Atheist würde auch zustimmen. Ein Moslem unterschreibt. Menschen aus den meisten religiösen und säkularen Traditionen dieser Erde könnten sich gemeinsam hinter dieses Bekenntnis stellen. Sogar manche Vertreter christlicher Organisationen wären dabei, fürchte ich…

Warum belassen wir es nicht dabei? Der Tod Jesu am Kreuz ist der Tod eines von vielen Menschen am Kreuz. Punkt. Schlimm zwar und grausam, aber so war es damals nun mal. Vielleicht ein Symbol für die Unbeugsamkeit der Nächstenliebe. Ja, und schon irgendwie ein Tod auch für uns – für uns zur Mahnung, für uns zur Inspiration, zur Ermutigung; zur Reinigung, wie es nur echte Tragödien zustande bringen. Können wir es nicht damit gut sein lassen? Es ist doch wirklich schwer zu begreifen, wie das Sterben Jesu einem Menschen seine Sünde vergeben sollte!

Geschätzte Lesezeit: 9 Minuten

Daten

Prediger
Henrik Otto
Thema
Was Menschen wollen, wie Gott handelt
Reihe
Datum
25.11.2018
Länge
24:23
Bibelstelle
1. Korinther 1, 18-25
Henrik Otto, Bundessekretär der Region Süd
Henrik Otto, Bundessekretär der Region Süd

Lesungstext

18 Die Botschaft, dass für alle Menschen am Kreuz die Rettung vollbracht ist, muss denen, die verloren gehen, als barer Unsinn erscheinen. Wir aber, die gerettet werden, erfahren darin Gottes Kraft. 19 Gott hat doch gesagt: »Ich will die Weisheit der Weisen zunichte machen und die Klugheit der Klugen verwerfen.« 20 Wo bleiben da die Weisen? Wo die Kenner der Heiligen Schriften? Wo die gewandten Diskussionsredner dieser Welt? Was für diese Welt als größter Tiefsinn gilt, das hat Gott als reinen Unsinn erwiesen. 21 Denn obwohl die Weisheit Gottes sich in der ganzen Schöpfung zeigt, haben die Menschen mit ihrer Weisheit Gott nicht erkannt. Darum beschloss er, durch die Botschaft vom Kreuzestod, die der menschlichen Weisheit als Torheit erscheint, alle zu retten, die diese Botschaft annehmen. 22 Die Juden fordern von Gott sichtbare Machterweise; die Griechen suchen in allen Dingen einen Sinn, den die Vernunft begreift. 23 Wir aber verkünden den gekreuzigten Christus als den von Gott versprochenen Retter. Für Juden ist das eine Gotteslästerung, für die anderen barer Unsinn. 24 Aber alle, die von Gott berufen sind, Juden wie Griechen, erfahren in dem gekreuzigten Christus Gottes Kraft und erkennen in ihm Gottes Weisheit. 25 Gott erscheint töricht – und ist doch weiser als Menschenweisheit. Gott erscheint schwach – und ist doch stärker als Menschenkraft.

Predigt

Das Kreuz war immer das entscheidende Symbol des christlichen Glaubens. Und ich nehme an, dass du hunderte Male davon gesprochen hast, Gerd, was es für die Welt bedeutet. Im Herzen des Evangeliums, der „guten Nachricht“, steht der Opfertod Jesu für unsere Sünden. Doch was die christliche Kirche traditionell als gute Nachricht betrachtet hat, wird vom Rest unserer Kultur zunehmend als inakzeptable Nachricht gesehen. Was soll befreiend sein an der Vorstellung, dass der beste Mensch, der je gelebt hat, grausam zu Tode gebracht worden ist?!

Die Menschen im griechisch-hellenistischen Kulturraum damals hätten das genauso gesagt: Schmerzen und Tod können niemals ein Zeichen des Göttlichen sein. Lasst uns das für einen Moment anschauen unter dem Stichwort:

1. Was Menschen wollen

Griechenland war über Jahrhunderte die maßgebliche Kulturmacht der antiken Welt. Griechisch war für die Gebildeten entweder Muttersprache oder 1. Fremdsprache. Damit kam man durch. Die alten Griechen sind verantwortlich für die Grundlagen der Demokratie, für bewundernswerte Architektur, für die Grundlegung der Philosophie, für wichtige Geschichtsschreibung und, ob es uns nun gefällt oder nicht, für wesentliche Erkenntnisse der Mathematik

. Die waren schlau, die Jungs! Die haben etwas zustande gebracht. Etwa 1 Jahrtausend lang prägten sie die Wissenschaften und die Bildung. Die hatten was drauf! Denen hast du nicht mal so eben ein x für ein u vorgemacht!

Ich habe gedacht, dass dir das gefallen müsste, Gerd. Du bist zwar kein Naturwissenschaftler, aber ein akribischer Arbeiter. Da sitzt jedes Wort und es ist derer auch keines zu viel in deinen Predigten. Wie ein gutes Steak, dachte ich: Schmackhaft, auf den Punkt und immer ein bisschen ungezähmt. Es wundert mich also nicht, dass du mit der gleichen Grundausstattung solide theologische Arbeit und – nach Umlegen eines geheimen Schalters – pointiertes Kabarett zu Gehör bringen kannst. Sollte hier eine zweite Karriere geplant sein, wäre ich gerne über den Tourplan informiert.

Nun aber zurück: Die Griechen fragen nach Weisheit, sagt Paulus. Wohl wahr! Sie wollen mit denkerischen Leistungen überzeugt werden. Eine beeindruckende Konzeption, logische Schlüsse, bestechende Argumente – Beweisbares, bitte! Sie waren überzeugt: Menschen können, weil sie etwas Göttliches in sich tragen, im Geiste zu Gott gelangen. Klingt ziemlich modern, oder? Erlösung geschieht hier (im Kopf)! Ein Messias, der sich mit vollem Körpereinsatz durch Leiden und Tod kämpft, ist nicht gerade ein philosophisches Meisterstück. Und die Griechen fragen nach Weisheit – und ihr Erbe wirkt bis heute nach.

Und dann: Die Juden fordern Zeichen, schreibt Paulus, und meint damit seine Volksgenossen – die atl.-jüd. Glaubenstradition. Auch sie wollen etwas sehen, etwas, das sich möglichst nicht widerlegen lässt, das vollkommen einsichtig ist. Auf Nummer sicher gehen. Wenn Gott handelt, soll er das auch so tun, dass man ihn auf Anhieb erkennt! Wenn es Gott ist, der hier redet, dann soll er doch ein Meer teilen, einem Kaiser Nero auf die Nase hauen oder wenigstens seine eigene Kirche unfehlbar machen! Wenn all das nicht geht, kann es wohl nicht weit her sein mit der neuen Lehre. – Sie übersehen, dass Wunder allein noch keinen Glauben machen. Und ihn erst recht nicht tragen können. Der Vater im Himmel möchte, dass wir vertrauen, gerade dann, wenn wir nicht sehen! Gott muss sich nicht beweisen – was wäre das für ein kleiner Gott? Die Gemeinsamkeit ist: Beide, alttestamentliche und griechische Tradition, möchten eine Demonstration der Überlegenheit haben. Die Erlösung Gottes darf sich nicht innerhalb irdischer Kategorien abspielen. Sie muss überlegen wirken, unangreifbar, überirdisch. Geistig überlegen oder wenigstens machtvoll überlegen.

Was Menschen wollen, so ist das wohl. So wünschen wir es uns, wenn wir wählen dürfen. Dürfen wir aber nicht, sagt Paulus. Gott entscheidet. Und wie, das sehen wir uns als nächstes an:

2. Wie Gott handelt

Gott widerspricht beiden. Denn er entscheidet sich gegen jede Form der Überlegenheit. Gott entscheidet sich gegen die Überlegenheit und für die Ohnmacht. Das ist so ärgerlich! Das ist der fundamentale Widerspruch Gottes gegen alle menschliche Vernunft. Jede menschliche Revolution geschieht, um Leid und Elend zu entkommen. Gott begibt sich hinein. Der Ort, von dem alle wegwollen, zu dem geht Gott hin. Das Schicksal, das alle fürchten, Gott trägt es. Die ganze Schwere des Lebens, die die Griechen durch Denken überwinden wollen, Jesus nimmt sie auf sich. Die ganze Not der Erde, der das Volk Gottes damals durch Zeichen und Wunder entfliehen will, Jesus trägt sie. Versteht Ihr? Das, wovon alle weg wollen, sei es durch Weisheit oder durch Erfahrung, Gott geht hin. Er sucht es. Und die Botschaft lautet: Im tiefsten Tal deines Lebens warte ich auf dich. Die schrecklichste Not dieser Welt kenne ich, ich habe sie durchschritten.

Haiti Aftermath, Riccardo Venturi
Haiti Aftermath, Riccardo Venturi

Das ist eine gute Nachricht, finde ich. Es ist auch der Grund, warum Gemeindehirten, Älteste und Pastoren, verantwortliche Leiter nach getaner Arbeit getrost ihre Verantwortung loslassen können. Weil Jesus bleibt. Es gäbe ja immer noch etwas zu tun, so viel Unvollendetes zu beenden, so viele Menschen zu gewinnen. Wie sollte man bei solch einer Berufung je in den Ruhestand gehen? Na, getrost, würde ich sagen. Voller Zuversicht, dass Jesus vor uns und mit uns war – und dass er sicher auch noch nach uns sein wird. Und alles Unvollendete zu seiner Zeit vollendet. Er war schon immer bereits da, wo wir erst hinkommen. Sogar an den Orten, nach denen sich niemand sehnt. Gott geht hin. Ganz sicher.

Das ist doch die Geschichte von Gott, der Mensch wird: Die, die wirklich unter der Not ihres Lebens leiden, werden nicht mit ein paar schönen Gedanken über ein geistiges Jenseits vertröstet. Sie müssen auch nicht erst ein Wunder erleben, um zu begreifen: Gott wartet auf mich am tiefsten Punkt. Und er bringt mich durch im Leben und im Sterben. Wenn ich mich nach ihm ausstrecke, dann ist da eine Hand, die hält, und nicht eine Idee zur Erklärung der Welt. Deshalb hat sich Gott entschieden, Mensch zu werden. Die Erlösung findet hier auf der Erde statt. Zum Anfassen, zum Dranhängen, mit Schweiß aus Blut und Wasser und echten Wunden. Sünde und Not spielen sich nicht nur in den Köpfen ab – und deshalb tut es die Erlösung auch nicht! Sie ist genauso real wie deine Verletztheit, wie deine Unversöhnlichkeit, wie die Hilfe, die du verweigert und die zynischen Worte, die du dir geleistet hast.

Gott hat uns nie nur mit einer Idee von Vergebung abspeisen wollen. Dafür sind die Auswirkungen unserer Blindheit, unserer Härte, unserer Selbstsucht zu real. Und diese hat Jesus wirklich, tatsächlich, nicht nur metaphorisch, sondern an Leib und Seele spürbar auf sich genommen.

In diesen Momenten lag so gar nichts Erhabenes, Schönes und Gutes. Das halten wir nur schwer aus. An diesem Punkt weichen die menschlichen Drehbücher eindeutig ab. Aber Gott fragt nicht nach unseren Drehbüchern. Er fragt nicht danach, wie wir ihn gerne hätten – vielleicht etwas erhabener, jenseitiger, so dass alle Religionen mit ihren Vorstellungen in ihm Platz haben. Er hat seinen eigenen Plan. Und der heißt: Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab. Wenn du dich darüber ärgerst, dann ärgerst du dich über einen Gott, der in seiner Liebe nicht auf Distanz bleiben konnte. So handelt Gott – egal, was Menschen wollen. Zum Schluss:

3. Worauf wir vertrauen können

Mitte der 1990er Jahre hielt eine protestantische Denomination eine theologische Tagung ab, auf der einer der Redner sagte: „Ich glaube, wir brauchen diese Sühnetheologien nicht; ich glaube, wir brauchen keine Kreuzigungen und kein Blut und alle diese makabren Sachen.“ Warum, so heißt es oft, predigen wir nicht einfach, dass Gott ein Gott der Liebe ist, und fertig? Die Antwort ist: Wenn wir das Kreuz wegnehmen, haben wir keinen Gott der Liebe mehr.

Was würdest du von einem wirklich guten Freund erwarten, wenn du in Not geraten bist? Dass er an deiner Seite ist, oder? Egal, ob du dir die Suppe vielleicht selber eingebrockt hast oder nicht. Ein Freund ist da – vielleicht wäscht er dir den Kopf, aber er ist da. Worauf verlassen sich kleine Kinder, wenn sie nicht mehr weiter wissen, vom Rad gefallen sind oder vom Nachbarskind eins auf die Nase gekriegt haben? Na klar, dass sie zu den Eltern kommen können und dort Rat und Trost bekommen!

Was erhoffen wir von Gott, der uns geschaffen hat und liebt, und der sieht, dass wir uns abmühen? Es ist doch klar: Wir erhoffen uns, dass er an unserer Seite ist, und dass er einen Plan hat, wie es jetzt weitergehen soll! Was wäre das für ein „Vater im Himmel“, der sich vom Elend seiner Kinder distanziert?! John Stott schreibt: „Ich könnte niemals an Gott glauben, wenn das Kreuz nicht wäre. Wie kann man in dieser Welt des Schmerzes und Elends einen Gott anbeten, der immun gegen das Elend ist?“

Gott kommt. In seinem Sohn Jesus. Ohne alle Zeichen der Göttlichkeit. Das allein ist für die menschliche Weisheit kaum nachzuvollziehen. Auch die Denker der Aufklärung in unserem Land, denen wir manches zu verdanken haben, haben das so propagiert: Es kann keine Vermischung von diesseitiger und jenseitiger Welt geben. Gott außerhalb der erfahrbaren Welt, okay. Innerhalb: Unmöglich. Aber die Bibel sagt: Gott kommt. Eine Idee von Gott kommt nicht. Ein göttlicher Geist, der den Kosmos durchweht, kommt nicht. Eine Gottesvorstellung, die so unbestimmt ist, dass alle Vorstellungen in ihr Platz haben, kommt nicht. Jesus kommt. Nicht zu Besuch, nicht zur Audienz, sondern mitten ins Leben und sogar ins Sterben.

Und er tut sogar noch mehr als das: Er tauscht mit uns den Platz. Weil er ein Gott der Liebe ist, tut er das. Richtig: Man kann das nicht beweisen. Man kann nicht beweisen, dass Jesus an unserer Stelle gelitten hat. Man kann beweisen, dass er gekreuzigt wurde, aber nicht den tieferen Sinn. Es gibt kein Naturgesetz, das diesen Tausch erklärt. Er ist von Gott verfügt. Es ist sein Plan. Es ist sein Wille, dass das geht.

Das Wesen der Sünde besteht darin, dass der Mensch an die Stelle Gottes treten möchte. Das Wesen des Heils besteht darin, dass Gott an die Stelle des Menschen tritt. Das kann keiner beweisen. Aber es kann jeder glauben. Genau das ist es, was Gott wollte. Eine Tür für jeden.
Menschliche Vernunft hat manch Gutes hervorgebracht. Nur in Bezug auf die Erkenntnis Gottes nützt sie nichts. Das ist die Lehre aus vielen Jahrtausenden Menschheitsgeschichte. Deshalb wählt Gott den anderen Weg. Sein Plan ist nicht hochgeistig, wie es die Griechen aller Zeiten gerne gehabt hätten. Er ist nicht voller sichtbarer Wunder, wie es viele Menschen zu allen Zeiten gerne gehabt hätten. Aber es ist ein Plan voller Liebe für seine Menschen, den jeder, der seinen Stolz ablegt, begreifen und glauben kann.

Das ist es, was dir zu verkündigen aufgetragen war, Gerd. Das habt Ihr auch gelebt und verkörpert, Annegret und du. Und das tut Ihr noch, ob mit oder ohne Amt. Es ist eine gute Nachricht, die beste, für die es sich lohnt, ein Leben einzusetzen. Und dann, am Schluss, dank der Gnade Gottes zu hören:

Recht so, du guter und treuer Knecht, du bist über wenigem treu gewesen, ich will dich über viel setzen; geh hinein zu deines Herrn Freude! (Mt 25,21)

Amen.

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