Gedanken zum Advent

Warum feiern wir den Advent? Ist das die Zeit, in der wir die alten Kerzen verbrennen, damit wir in den Schubladen wieder Platz für die Weihnachtsgeschenk haben? Ich hoffe, es ist mehr dahinter. Was Advent 2018 mir bedeutet, da möchte ich Euch ein wenig mitnehmen.

Geschätzte Lesezeit: 5 Minuten

Daten

Prediger
Thorsten Hegenscheidt
Thema
Gedanken zum Advent
Reihe
Datum
02.12.2018
Länge
14:53
Bibelstelle
Thorsten Hegenscheidt
Thorsten Hegenscheidt

Predigt

Wir sind in der dunklen Jahreszeit. Volkstrauertag, Ewigkeitssonntag. Überhaupt ist alles dunkel, die Tage kurz, die Nächte kalt. Früher sogar dunkelste Nacht zu Weihnachten, die Erdpräzession, das Taumeln der Drehachse sorgte für eine andere Stellung zur Sonne.

Und ich warte, das es heller wird. Ich warte auf Weihnachten. Ist Advent meine Wartezeit? Als warten auf dass Christkind, die Ankunft Jesu? Ist es das?

Ich ertappte mich bei der Vorstellung, dass Gott sich Anfang Dezember einen warmen Becher Kakao oder Roibos-Tee macht, gemütlich ein Buch liest, oder vielleicht doch ein Rosamunde-Pilcher-Film zur Entspannung von seinen stressigen Erdengeschäften anschaut. Er ruht sich aus, damit er zu Weihnachten mit Vollgas kommen kann, mit lautem Engelsgesang und Fanfarenjubel loslegt. Ist Advent die gemeinsame Wartezeit vom Gott und mir?

Lasst mich eine Erinnerung an früher bemühen. Ich hatte ein Oma, die bei uns in der Nähe wohnte und zu Heilig Abend Geburtstag hatte. Deshalb richteten wir am 23. als Familie zusammen den Christbaum, um am 24. vormittags Geburtstag zu feiern und quasi nahtlos in den Heilig Abend/Nachmittag überzugehen. Kerzen, Schmuck, Geschenke alles war frühzeitig da und zu sehen.

Aber manchmal besuchten wir meine andere Oma. Die wohnte weiter weg, bei Osnabrück. Aus dieser Familien-Linie stammt mein leichter, hochdeutscher Akzent. Dort verlief der Weihnachtsabend anders. Nach dem Abendessen wurden alle Schwester, Tanten, Cousine aus dem Wohn/Esszimmer verbannt, die Tür verschlossen und erst als ein Glöckchen läutete, konnten wir reinkommen und alles bewundern. Ich war nicht der Hardcore-Romantiker. Der Überraschungs­effekt, den Baum zu sehen und die Päckchen, war mir eher zweitrangig.

Zu warten war auch okay, denn ich wusste: Meine Mutter hat ja alles eingepackt. Ich kann mich auf sie verlassen, das kein Geschenk vergessen wurde. Die Karl-May-Bücher werden da sein. Sie hat vor dem Heilig Abend ganz viel gerichtet, in die Koffer gepackt, ins Auto geladen. Und die anderen Tanten waren genauso zuverlässig.

Meine Geschenke waren zu Weihnachten immer da. Auch wenn ich es nur in einer Variante im Vorfeld gesehen habe. So ist Gott. Er tat und tut sehr viel. Manches sehe ich, vieles nicht. Im diesjährigen Advent möchte ich, statt zu bedauern, das ich Gottes Handeln nicht immer sehe, den unsichtbaren Gott, der im verborgenen handelt, feiern. Denn ist ist richtig: Gott ist jetzt schon da, er kommt nicht erst zu Weihnachten. Vor kurzem im Hauskreis hat es mir Juan bestätigt: Tossi, der heilige Geist ist immer da. So gehe ich in den Advent mit dem Gedanken. Ich warte nicht auf Gott, dass er was tut, sondern ich feier bewusst den unsichtbaren Gott.

Zur Feier zünde ich eine Kerze an. Heute genau eine. So eine Kerze hat ein tollen Effekt – den wir auch von woanders kennen.

Ein kurzes Erlebnis: Viertel vor acht morgens klingelte mein Telefon im Büro. Ein Kollege rief an: „Du, ich habe gerade ein Problem. Ich stehe hier auf der Autobahn in einem fürchterlichen Stau. Es geht nichts vorwärts. Vielleicht ist da vorn ein Unfall. Nun ist es so, ich soll in der Nachbarabteilung einen Vortrag halten. Um halb neun. Das schaffe ich nicht mehr pünktlich.“ „Okay“, habe ich gesagt, „bekommen wir hin. Du hast bestimmt ein Foliensatz vorbereitet. Wenn der auf unserem Netzlaufwerk liegt, nehme ich den, fange Deinen Vortrag an und sobald Du da bist, übergeben ich das Wort mit fliegenden Fahnen.“ Gesagt, getan. Alles lief nach Plan. Ich hatte halbe Stunde gesprochen, dann kam der Kollege in den Raum gestürzt und übernahm. Ich blieb da und hörte zu. Lustig fand ich, dass er ein wenig Napoleon-like auftrat. So eine Hand ständig am Bauch. Als wir gemeinsam in unser Büro zurückgingen hat er mir den Grund verraten. Ganz dumm gelaufen. Zwar habe ich beim Losfahren gemerkt, dass ein Knopf bei meinem Hemd fehlte, aber ich habe gedacht, macht nichts, ich habe ein Krawatte im Schreibtisch, die ziehe ich an und dann sieht das keiner. Jetzt war ich so spät, dass der Umweg zum Schreibtisch weg viel.

So eine kleine kahle Stelle, ein fehlender Knopf, kann, da hat der Kollege recht, alle Blicke auf sich ziehen. Und ich würde mich auch nicht lustig darüber machen, gehöre ich doch zu den Warmduschern, die in der Kantine nur Gerichte nehmen, bei denen die Soße farblich zum Hemd passt.

Eine brennende Kerzenflamme ist genau gleiche, nur positiv. Sie zieht die Blicke auf sich. Sie hilft zu fokussieren. Gerade auch in dunkleren Räumen ist sie der Punkt, wo ich gern hinschaue. Das möchte ich im Advent mit meinem Glauben machen. Einmal nicht das volle Feuerwerk der Theologie, sondern bewusst nur ein kleines Licht, einen kleinen Satz für mich nehmen. Ich möchte mir den Luxus gönnen, die komplexe Lehre zu reduzieren. „Ich habe dich lieb“, „Ich sorge für Dich“, ich teile Deine Furcht“, „Ich bin Dein guter Gott“ – Ich weiß nicht, welcher Satz gerade für Euch passt. Meiner ist übrigens: „Staune, was ich kann.“

Als Mitarbeiter im biblischen Unterricht ist mir die ganze Breite, die Fülle des Evangeliums wichtig. Aber für drei Wochen nur ein Gotteswort für mich leuchten lassen, mich auf das konzentrieren, das ist mein Plan für die Adventszeit. Die ganzen Zweifel, Abfragen hintenan zu stellen mich von einem, kleinen Satz anstecken und inspirieren lassen.

Wenn ich mich festlege, dass die Welt, in die ich schaue, nur von dieser kleinen Gotteskerze beleuchtet wird , passiert noch etwas interessantes. Nämlich dann, wenn ich anderen Menschen begegne.

Ich sehe sie in Gottes Licht. Nicht von meinen dunklen Geistesblitzen und Vorurteilen beschienen, sondern so, wie sie von Gott genauso wie ich geliebt werden.

Das das etwas anders ist, weiß jeder, der bei Kerzenschein schon einmal Gesichter angeschaut hat, Oft sind sie doch ein wenig anders. Manche Feinheit verwischt, manche Kante wird durch Schatten stärker betont. Ist der gleiche bekannte Mensch, aber er sieht anders aus.

Was ist das Besondere bei Gottes Licht? Gottes Licht ist immer ein Adventslicht. Der Widerschein des Morgens. Die Ankündigung des Zukünftigen. Während ich mich vom Jetzt erschrecken, verärgern, zweifeln lasse, schaut sich Gott den zukünftigen Menschen an. Sein Licht zeigt, was sein wird. Er schaut nicht auf mich, wie ich heute vor ihm bin und sagt: Was ist denn das da, dieser Typ da. Gott schaut in die Zukunft. Er sagt: Du, Du wirst total gut in den Himmel hineinpassen. Auch wenn Du es Dir jetzt nicht vorstellen kannst. Ich bringe dich dorthin. Mit meiner Liebe will und werde ich Dich verändern. Ich kann das, ich schaffe das, denn ich bin Gott. Ich möchte mutig werden, Menschen in diesem Adventslicht anzusehen.

Mein Mut begründet sich darin, dass ich weiß: Gott schafft das, denn

Gott arbeitet jetzt schon im Verborgen an mir und Dir, für Dich und mich. Deshalb feiere ich im Advent den unsichtbaren Gott, der da ist.

Ich leiste mir im Advent den Luxus und freue mich über einen einfachen Satz, der heraus leuchtet und mir diese Liebe Gottes sagt.

Eine Liebe, in deren Adventslicht wir den anderen nicht nach dem beurteilen, was er ist. Sondern in der wir, erfüllt von der Vorfreude, was Gott mit ihm und uns erreichen möchte, einander begegnen.

Eine gesegneten Advent.

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