Versöhnung

Versöhnung gehört zu Gottes Konzept des Lebens. Er selbst hat sich mit uns versöhnt. Deshalb sollen wir uns auch versöhnen.

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Daten

PredigerMichael Sandweg
ThemaVersöhnung
Reihe
Datum03.02.2019
Länge30:05
BibelstelleMatthäus 5, 21 – 26
Michael Sandweg, Prediger aus der FeG München-Nord
Michael Sandweg, Prediger aus der FeG München-Nord

Lesungstext

21 »Wie ihr wisst, wurde unseren Vorfahren gesagt: ›Du sollst nicht töten! Wer aber einen Mord begeht, muss vor ein Gericht gestellt werden.‹

22 Doch ich sage euch: Schon wer auf seinen Mitmenschen zornig ist, gehört vor Gericht. Wer zu ihm sagt: ›Du Schwachkopf!‹, der gehört vor den Hohen Rat, und wer ihn verflucht, der verdient es, ins Feuer der Hölle geworfen zu werden.

23 Wenn du also deine Opfergabe zum Altar bringst und dir fällt dort ein, dass jemand dir etwas vorzuwerfen hat, 

24 dann lass dein Opfer am Altar zurück, geh zu deinem Mitmenschen und versöhne dich mit ihm. Erst danach bring Gott dein Opfer dar. 

25 Wenn du jemandem etwas schuldig bist, dann setz alles daran, dich noch auf dem Weg zum Gericht mit deinem Gegner zu einigen. Sonst wird er dich dem Richter übergeben, und dieser wird dich verurteilen und vom Gerichtsdiener ins Gefängnis stecken lassen. 

26 Ich versichere dir: Von dort wirst du nicht eher wieder herauskommen, bis du auch den letzten Rest deiner Schuld bezahlt hast.«

Predigt

Einleitung

Vor einiger Zeit in der Zeitung: Ein Ehestreit auf einer Kreuz­fahrt, beide wollen die Reise abbrechen und zurück­fliegen. Die Frau sieht das Schiff im Hafen abfahren und denkt, ihr Mann sei an Bord. Sie springt ins Wasser und will das Schiff erreichen. Nach vier Stunden wird sie gerettet.

Es ist noch einmal gut gegangen, aber es wäre besser gewesen, sie hätten sich versöhnt.

Versöhnung – was für ein schönes Wort. Aber es ist in der Praxis schwieriger als man meint.

Predigttext: Matthäus 5, 21 – 26

Es geht um Versöhnung nach einem Streit.

Es gibt konstruktiven Streit und destruktiven Streit.

Hier geht es klar um den destruktiven Streit. Wir merken das an der Herabsetzung des anderen durch deftige Schimpfwörter.

Begriffe aus den verschiedenen Übersetzungen: Idiot, Narr, Nichtsnutz, Dummkopf, Hohlkopf, Schwachkopf, „geh zum Teufel“, verfluchen, Oberspacken

1. Warum redet Jesus hier so drastisch?

In dem ganzen Abschnitt geht es um „das Gesetz“, also das, was im Alten Testament, in den Büchern Mose, an Regeln und Geboten geschrieben ist.

Er beginnt hier immer mit „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist …“

Und das ist auch nach wie vor richtig und gültig. Jesus macht deutlich, dass er diese Gesetze nicht aufheben will. Und er sagt dann, wie sie eigentlich verstanden werden müssen.

Die Pharisäer haben nämlich eine eher formal­juristische Anwendung der Gesetze praktiziert. Da ging es mehr um den Wortlaut. Diese Art der Anwendung prangert Jesus hier sehr deutlich an.

Jesus hingegen zeigt, was eigentlich gemeint ist:

z.B. zum Thema Ehebruch in den nachfolgenden Versen: „Wer eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat schon die Ehe mit ihr gebrochen.“

Da fängt es eben an: Die innere Haltung, die Ge­danken, die Absichten: Da fängt die Sünde an, und dort muss sie auch bekämpft werden.

Nicht erst, wenn der Mord passiert ist, ist es Sünde. Sondern schon viel früher. Unsere Gedanken prägen uns, und wir können das be­einflussen.

Das Gesetz zeigt uns, wo die Problemzonen sind. Wir sollen daran arbeiten. Aber eine sklavische Einhaltung der Gesetze, so wie es die Pharisäer eingeführt haben, nur nach dem Buchstaben, nicht nach dem Geist, das führt letztlich zur Heuchelei.

Jesus macht die Prioritäten ganz deutlich: Vers 24: „So lass dort vor dem Altar deine Gabe und geh zuerst hin und versöhne dich!“ Das Opfer war nicht unwichtig, es diente dazu, die Beziehung zwischen Gott und dem Menschen wieder in Ordnung zu bringen. Es war eine wichtige rituelle Handlung. Heute bringen wir keine Opfer mehr, weil Jesus für uns das Opfer ist. Aber wir haben andere rituelle Handlungen, z.B. den Gottesdienst oder das Abend­mahl.

Jesus sagt nicht: „Lass das Opfer ganz weg“. Er sagt aber: Das andere ist wichtiger, dass du dich versöhnst. Es steht an erster Stelle. Es hat höchste Priorität.

Jesus will keine aufgesetzte Frömmigkeit, er will echte Nachfolge. Er will, dass wir ihm mit ganzen Herzen nachfolgen, mit unserem ganzen Leben, also auch mit unseren Gedanken.

2. Warum ist Versöhnung so wichtig?

a)     Weil es zu Gottes Lebenskonzept gehört

Der Mensch ist für die Gemeinschaft geschaffen. Schon in der Schöpfungsgeschichte heißt es: „Es ist nicht gut, dass der Mensch allein sei.“

Und in Psalm 133, 1:

Siehe, wie fein und lieblich ist’s, wenn Brüder einträchtig beieinander wohnen!

Psalm 133,1

Oder in Römer 12, 18:

Ist’s möglich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.

Römer 12, 18

Die Aufforderung zu Einmütigkeit finden wir oft im NT

Gottes Plan mit dem Leben ist, dass wir in Gemeinschaft leben, dass wir gute Beziehungen zu einander haben.

„Einer achte den anderen höher als sich selbst“

Philipper 2, 3

Die Abwertung durch die Schimpfwörter ist gegen Gottes Lebensordnung: Jeder Mensch ist für Gott wertvoll. Wie könnte ich da einen Menschen herab­setzen?

Heute weiß man sogar: Wenn man sich versöhnt, bringt es konkrete gesundheitliche Vorteile. Es ist immer wieder schön zu sehen, wie Gottes Gebote, die vor langer Zeit aufgeschrieben wurden, in unserer modernen Zeit durch wissenschaftliche Methoden untermauert werden.

Eine Studie aus 2014 in „Journal of Epidemiology and Community Health” hat gezeigt: Wenn man im Streit verbleibt, bleiben die Stresshormone hoch, die Lebens­erwartung sinkt, die Wundheilung wird ver­zögert, der Organismus wird geschwächt. Das war eine Langzeitstudie, man konnte tatsächlich messen, dass die Lebenserwartung deutlich höher ist, wenn man versöhnt lebt.

Weil es gut für uns ist, deshalb sollen wir uns ver­söhnen. Es gehört zu Gottes Idee über das Leben, dass wir in guten Beziehungen leben.

b)    Weil Gott selbst versöhnt

Gott hat sich selbst mit uns versöhnt.

Gott selbst ist auf uns Menschen zugegangen, er hat sich zu uns herabgeneigt. Der Mensch wollte mit Gott nichts zu tun haben. Aber Gott will die Gemeinschaft mit uns und hat deshalb einen Weg gefunden, wie die Trennung überwunden werden kann:

Jesus Christus ist zu uns gekommen, und er ist für all unser Versagen, unser Getrenntsein von Gott, unsere Schuld am Kreuz gestorben. So hat Gott sich versöhnt mit jedem Menschen, der an Jesus glaubt.

Kolosser 1, 20-22: „Alles im Himmel und auf der Erde sollte durch Christus mit Gott wieder versöhnt werden, alles hat Frieden gefunden, als er am Kreuz sein Blut vergoss. Auch ihr wart einmal weit weg von Gott, ihr wart seine Feinde durch alles Böse, das ihr gedacht und getan habt. Durch seinen Tod hat euch Christus mit Gott versöhnt. Jetzt steht ihr ohne Sünde und ohne jeden Makel vor Gott.“

Oder in Epheser 2: „Christus ist für alle Menschen am Kreuz gestorben, damit wir alle Frieden mit Gott haben. In seinem neuen Leib, der Gemeinde Christi, können wir nun als Versöhnte miteinander leben.“

Lieber Zuhörer,

Lass dich versöhnen mit Gott! Er wartet auf dich.

Und deshalb, weil Gott sich mit uns versöhnt hat, sollen auch wir uns mit anderen versöhnen. Wir sind nach seinem Ebenbild geschaffen. Gott ist heilig, und auch wir sollen uns heiligen.

Versöhnung ist also deshalb wichtig, weil auch Gott sich mit uns versöhnt.

3. Wie geht Versöhnung?

a)     Beten

Beten verändert unsere Haltung zu der Person in positiver Weise, wir sehen sie wieder von Gott her.

Wenn wir die Angelegenheit vor Gott bringen, bringt uns das oftmals zu neuen Einsichten über unser eigenes Verhalten. Gott zeigt uns das.

Gott kennt uns, er versteht uns.

Ihm können wir alles schildern. Er wird aufdecken, was uns verborgen ist. Das geschieht oft im Gebet. Ich merke oft im Gebet, wie Gott mich führt, meine Gedanken lenkt auf das, was ich vorher nicht gedacht habe. Manchmal sind das gerade die unangenehmen Wahrheiten.

Gott redet zu uns, wenn wir beten.

Und Beten entspannt, weil wir das Problem mit Gott teilen können. Weil wir unsere Sorge an Gott ab­geben können.

b)    Reden

Den ersten Schritt machen. Mit dem anderen reden.

Das ist genau das, was Jesus hier sagt: „Geh hin und versöhne dich mit deinem Bruder!“

Das Gespräch anfangen. Sich Zeit nehmen für das Gespräch.

Seinen eigenen Standpunkt darstellen. Von sich reden, von den eigenen Bedürfnissen.

Nicht über den anderen reden. Vor allem nicht in Kombination mit „immer“ („Du kommst immer zu spät!“).

Keine Interpretationen vornehmen („Das sagst du nur, um mich zu ärgern.“).

Rückfragen stellen: „Habe ich das richtig verstanden, du meinst folgendes?“

Ich-Botschaften, keine Du-Botschaften

Vor allem: Zuhören. Den anderen respektieren. Er ist auch ein Mensch, auch nach Gottes Ebenbild geschaffen, auch von Gott geliebt. Auch er hat Bedürfnisse, berechtigte Anliegen.

„Einer achte den anderen höher als sich selbst.“ Das ist bei einem Versöhnungsgespräch besonders wichtig.

Was ist aber, wenn man nicht mehr reden kann? Z.B., wenn die betreffende Person schon gestorben ist? Wenn ich keine Chance mehr auf ein Gespräch habe?

Dann bleibt: Vergeben. Wenn ich nicht mehr reden kann, kann ich es aber doch vor Gott bringen und dem Menschen vergeben.

Es gibt auch Fälle, wo man etwas nicht an genau einer Person festmachen kann. Manchmal ist vielleicht eine Lebenssituation. Das kann eine Krankheit sein, vielleicht auch eine Eigenart von mir, die ich nicht einfach wegbekomme.

Dann bleibt: Sich selbst versöhnen. Die Situation vor Gott bringen. Es abgeben an Gott: Er wird sich um die Lösung kümmern.

Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

1. Petrus 5, 7

Reden kann auch heißen: Mit Glaubensgeschwistern reden, um sich Rat zu holen. Dafür haben wir die Gemeinschaft der Christen. Dafür ist Gemeinde da. Dort können wir miteinander beten, uns gegenseitig Rat geben und ermutigen.

c)     Vergeben

Wenn jemand an mir schuldig geworden, dann soll ich ihm vergeben. Am besten natürlich nach einem Gespräch und zur Versöhnung.

Das heißt dann, dem anderen sein Verhalten nicht mehr anrechnen.

Das heißt nicht, dass alles sofort vergessen ist. Das heißt auch nicht, dass alle Folgen des Verhaltens beseitigt sind.

Aber: Wenn ich jemanden vergeben habe, werde ich ihm sein Verhalten nicht mehr vorhalten. Auch ich bin dann frei von der Belastung durch eine gestörte Beziehung.

Man kann trotzdem darüber reden, wie man die Folgen beseitigt. Aber die Beziehung ist wieder in Ordnung gebracht. Das ist es, was Jesus möchte.

4. Schluss

Versöhnen gehört zu Gottes Konzept des Lebens. Er selbst hat sich mit uns versöhnt. Deshalb sollen wir uns auch versöhnen.

In meinem Bekannten- und Verwandtenkreis kenne ich viele Fälle, wo über Jahre Unversöhnlichkeit zwischen Menschen herrscht. Teilweise über Jahr­zehnte. Wir Menschen neigen dazu, diese Dinge liegen zu lassen, nicht aktiv anzugehen.

Jesus sagt uns: Bring es in Ordnung! Es hat oberste Priorität!

Ein Gespräch vor einiger Zeit in unserer Gemeinde hat mich sehr beeindruckt: Eine Frau, die eine schwere Kindheit hatte und viel häusliche Gewalt erlebt hat, hat sich nach vielen Jahren mit ihren Eltern versöhnt. Das war ein langer Weg, aber er hat sich gelohnt. Das ist eine wunderbare Geschichte und hat viel neue Lebensfreude frei­gesetzt, bei allen Beteiligten.

Jesus hat uns mit Gott versöhnt, also lasst uns so leben, dass wir uns versöhnen, wo vorher Streit war. Lasst uns so leben, dass wir bei allem Streit, der auch vorkommt, immer den anderen mit Respekt behandeln und Versöhnung suchen.

Wenn wir das tun, dürfen auf die Verheißung hoffen, die Jesus uns gibt und die ein paar Verse vorher stehen, in Matthäus 5, 9:

Gott segnet die, die sich um Frieden bemühen, denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.

Matthäus 5, 9

Amen.

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