Charakterstruktur und Glaube – oder: was hat unser Charakter mit unserem Glauben und mit der Häufigkeit von Zweifeln zu tun?

Die Arbeit des Heiligen Geistes an unserem Geistlichen Leben konzentriert sich nicht darauf, alle Charaktere einzuebnen und gleichzuschalten. Gottes Geist hilft uns beim Verändern unserer Defizite: Zweifel im Glauben kann ich nicht einfach dulden – aber: ich brauche an ihnen nicht zu verzweifeln. Jesus hilft mir im Überwinden, auch wenn es mir schwerer fällt als dem Christen neben mir.

PredigerGerd Ballon
ThemaCharakterstruktur und Glaube – oder: was hat unser Charakter mit unserem Glauben und mit der Häufigkeit von Zweifeln zu tun?
Reihe
Datum03.03.2019
Länge52:34
BibelstelleRömer 14,13; 15,2-7
Gerd Ballon, Pastor a.D.
Gerd Ballon, Pastor a.D.

Predigttext

Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass Ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.

Rümer 14, 13

2 Jeder von uns soll Rücksicht auf den Nächsten nehmen, um Gutes zu tun und (die Gemeinde) aufzubauen.

3 Denn auch Christus hat nicht für sich selbst gelebt; in der Schrift heißt es vielmehr: Die Schmähungen derer, die dich schmähen, haben mich getroffen.

4 Und alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung haben.

5 Der Gott der Geduld und des Trostes schenke euch die Einmütigkeit, die Christus Jesus entspricht,

6 damit ihr Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, einträchtig und mit einem Munde preist.

7 Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes.

Predigt

Liebe Gemeinde,

in dem Roman von Aldous Huxley „Schöne neue Welt“ (Brave New World) wurde vor etlichen Jahrzehnten schon das Bild einer Welt entworfen, die durch Klonen riesige Menschenmassen erzeugen kann, die sich in allem völlig identisch verhalten und total gleich aussehen. Man kann so Menschen für bestimmte Lebenssparten produzieren: Soldaten, Ärzte, Pastoren (um ein aktuelles Thema anzusprechen) – und die funktionieren alle fehlerfrei und problemlos, weil sie sich total gleich sind. Eine große Erleichterung – nach Auffassung der Herrschenden, die in diesem Zukunftsroman beschrieben werden.

Stellen Sie Sich vor, man könnte das auch in der Gemeinde hinkriegen: völlig gleiche Christen. Jünger Jesu, denen der Zweifel, die Bosheit, die Nörgeligkeit abtrainiert worden wären. Lauter total freundliche, fröhliche, wohl gestimmte Menschen, spendefreudig natürlich, die am liebsten stundenlang beieinander sitzen und stehen wollten; die sich dauernd gut verstünden und niemals Streit zu produzieren in der Lage wären. Schöne neue Welt? Also ich hoffe, dass es nicht einmal im Himmel so langweilig zugehen wird.

Unsere Unterschiedlichkeit ist ein Geschenk Gottes an die Vielfalt der Schöpfung – allerdings ein manchmal anstrengendes. Denn dieser Satz, der in jeder Ehe gilt, gilt auch in der Gemeinde Gottes: „Der Punkt der Anziehung ist der Punkt des Konfliktes.“ Was ich an meinem Verlobten total ergänzend und aufregend finde, hängt mir an meinem langjährigen Ehepartner irgendwann vielleicht zum Halse heraus und macht mich wütend. Was mir an dem neuen Hauskreismitglied bei seinem ersten Besuch in unserem Kreis so super gefallen hat, bringt mich mittlerweile total in Unruhe oder zur Verzweiflung. Unterschiedlichkeit ist ein Segen, aber sie ist auch eine Herausforderung an jeden von uns. Denn sie zwingt uns, niemanden über einen Kamm zu scheren. Wir verletzen einander immer wieder, wenn wir das tun. Das deutlich zu machen, soll der Sinn dieser Predigt sein: Geduld zu wecken, Liebe zum ganz anders Geprägten zu stärken.

Dazu möchte ich in drei Schritten vorgehen: ich möchte ihnen nun jeweils zwei Charaktertypen vorstellen, die einander entsprechen und auch einander gegenüberstehen. Und im dritten Teil möchte ich gern deutlich machen, was diese ganz persönliche Struktur meines Charakters mit meinem Glauben zu tun haben kann. Ich bin sicher, dass uns das helfen wird im Umgang miteinander. Also – fangen wir an (im Weiteren kein ausformuliertes Konzept)

1. Die Einsiedlerpersönlichkeit – die Hingabepersönlichkeit

Herausarbeitung der Einsiedlerpersönlichkeit

  • ist kein Massenmensch
  • ist mehr abgrenzend
  • ist unabhängiger
  • hat eine scharfe Beobachtungsgabe
  • ist unsentimentaler
  • haßt den Überschwang
  • benutzt mehr die Ratio als andere
  • hat stärker mit der Sache zu tun
  • hat wenig Gemeinschaftsgefühl
  • fühlt sich also leicht abgelehnt
  • hat starke Angst vor Abhängigkeit
  • wirkt unpersönlich, kalt, kontaktunsicher
  • hat Angst vor Gefühlen und Gefühlsausbrüchen
  • neigt zum Misstrauen

Berufe

  • exakter Naturwissenschaftler
  • Physiker
  • Mathematiker
  • Psychologe
  • Kritiker
  • Ingenieur
  • Es geht in erster Linie um Dinge, nicht um Menschen!

und in der Liebe…

  • zeigt keine Gefühle
  • liebt mehr einen unkomplizierten Partner
  • will in der Partnerschaft nicht eingeengt werden
  • drückt Liebe durch Tun aus, nicht durch Reden
  • bevorzugt die Partnerin mit Gefühl
  • liebt als Mann Frauen, die sich unterordnen (also den
  • Hingabetyp)

Herausarbeitung der Hingabepersönlichkeit

  • anpassungsfähig
  • hilfsbereit
  • einfühlsam
  • guter Mitspieler
  • kontaktfreudig
  • aufopferungswillig
  • bescheiden
  • sensibel
  • Angst vor Trennung – klammert
  • durchsetzungsschwach
  • große Schuldgefühle
  • Angst vor Verlust
  • entscheidungschwach
  • passiv
  • leicht auszubeuten

Berufe

  • Alle sozialen Berufe
  • gemeinnützige Berufe
  • Kindergärtnerin
  • Altenpfleger
  • Berater
  • Pfarrer

und in der Liebe

  • kann nicht genug Nähe bekommen
  • will alles mit dem Partner gemeinsam machen
  • spricht dauernd von ihren Gefühlen
  • liest dem Partner die Wünsche von den Lippen ab
  • steckt dauernd zurück
  • nimmt alle Verantwortung auf sich
  • kann ohne den anderen nicht sein

2. Die Ordnungspersönlichkeit – die Darstellungspersönlichkeit

Herausarbeitung der Ordnungspersönlichkeit

  • pflichtbewußt
  • ausdauernd
  • treu
  • traditionsbewußt
  • sparsam, solide
  • gewissenhaft
  • gradlinig
  • stabil
  • verantwortlich
  • ordnungsliebend
  • verlässlich
  • pedantisch
  • Angst vor Neuem
  • intolerant
  • Prinzipienreiter
  • zwanghaft (Zählzwang, Putzzwang, Waschzwang)
  • tyrannisch
  • Angst vor Risiko
  • stur
  • fanatisch
  • Sicherheitsfanatiker

Berufe

  • Beamte
  • Juristen
  • Ingenieure
  • Statistiker
  • Berufe, in denen Präzision verlangt wird
  • Berufe, in denen Sauberkeit verlangt wird

und in der Liebe…

  • liebt verantwortlich
  • ist unbedingt treu
  • schätzt die Ehe als Institution
  • liebt auch in der Ehe keine Veränderungen oder Experimente
  • liebt keine Überraschungen
  • braucht Gewißheit in der Liebe
  • braucht Klarheit in der Liebe
  • drückt Liebe aus in Form von Sauberkeit, Moralität..
  • lebt Zuverlässigkeit

Herausarbeitung der Darstellungspersönlichkeit

  • ist der Motor menschlicher Gemeinschaft
  • ist der begeisterungsfähige Mensch
  • Lebenskünstler und Stimmungsmacher
  • Optimist
  • starke Gestik
  • schnell und eilig
  • initiativfreudig
  • mitreißend
  • wandlungsfähig
  • phantasiereich
  • humorvoll
  • lebensbejahende Grundstimmung
  • Impulsivität
  • Zack-Zack-Typ
  • großzügig
  • liebt alles Neue und Moderne
  • überzeugungsfähig
  • unbeständig
  • übertreibt
  • Angst vor Zwang
  • geltungssüchtig
  • stark beeinflußbar
  • neigt zu Übertreibungen
  • unzuverlässig
  • verschwenderisch
  • Meister im Verdrängen
  • diplomatisch
  • unkontrolliert
  • verbreitet Theaterdonner
  • wenig Verbindlichkeit

Berufe

  • Schauspieler
  • Forscher, Erfinder
  • Politiker
  • Vertreter, Verkäufer
  • Künstler
  • Innenarchitekten
  • Redakteure
  • Modebranche, Designer
  • Redner, Evangelisten

und in der Liebe…

  • liebt den ausgefallenen Partner
  • liebt die Abwechslung
  • läßt sich leicht entflammen
  • braucht einen Partner zum Vorzeigen
  • liebt unverbindlicher
  • liebt oberflächlicher
  • nimmt viele Gemütsregungen des Partners nicht ernst
  • kann schöne Worte machen
  • braucht ständig Applaus und Bestätigung
  • ist eine großzügige Persönlichkeit
  • Spruch über die Darstellungspersönlichkeit: „Meine Frau und ich lieben mich wahnsinnig!“

3. Charakterstruktur und Glaube

Wir dürfen sagen: die Unterschiedlichkeit unserer Charaktere ist ein Geschenk Gottes. Dann ist aber auch die Unterschiedlichkeit unseres Glaubensausdrucks eine Gabe Gottes. Und Gott versteht viel besser als wir, dass wir in unserem Leben als Christ auch sehr unterschiedlich leben. Ich möchte Ihnen das nun so konkret wie möglich erläutern. Versuchen Sie mal ein bisschen, sich dabei zu fragen: wo könnte ich mich eher und stärker einordnen? Und wo finde ich die Menschen in der Gemeinde wieder, an denen ich mich am meisten reibe und ärgere?

Die Einsiedlerpersönlichkeit

  • denkt über Texte und Botschaften lange nach
  • reagiert wenig gefühlsbezogen
  • liebt im Allgemeinen eine nüchterne Verkündigung
  • ist kein Gemeinschaftsmensch
  • möchte in erster Linie für das Reich Gottes etwas tun und nicht so viel drüber reden
  • glaubt und lebt gradlinig und konsequent
  • glaubt in erster Linie sachlich und nicht gefühlig
  • beruft sich auf das Wort, nicht auf Stimmungen und Gefühle
  • betet von allen am nüchternsten
  • ist nicht leicht zu überzeugen, wenn sie aber glaubt, ist sie standfest und zuverlässig
  • argumentiert als Christ mit dem Verstand und wird
  • auch geistlich über den Verstand in erster Linie erreicht

Die Hingabepersönlichkeit

  • hat zu Gott eine engere, eine nähere, eine dichtere Beziehung als andere Charaktere
  • sucht in Christus in erster Linie Halt, Geborgenheit und Wärme
  • braucht sehr viel Austausch im Glauben
  • betet sehr gefühlsbetont
  • glaubt auch sehr gefühlsbetont
  • sieht in Jesus Christus den Freund, den Begleiter
  • ist sehr hingabefähig, sehr leidensfähig, sehr opferbereit
  • kann leichter ein Zeugnis geben, erlebt ständig etwas mit Gott
  • leidet sehr unter der Ungerechtigkeit der Welt und unter Schuldgefühlen
  • braucht mehr Zuspruch, mehr Gemeinschaft, mehr Gespräche und mehr Seelsorge als alle anderen Persönlichkeiten (Zweifel, Anfechtung)
  • Alte Sünden, die längst vergeben sind, wühlt sie gern wieder auf.
  • Sie glaubt nicht besser, sie glaubt anders; dabei hat es den Anschein, als sei ihr Glaube tiefer und inniger.

Die Ordnungspersönlichkeit

  • schätzt als Christ in erster Linie: Werte, Ordnungen, Gebote, Maßstäbe, Richtlinien
  • kann die Bibel zum Gesetzbuch machen – und den lebendigen Gott zum: Richter, Staatsanwalt, Buchhalter, Rachegott
  • hält sich streng an Überliefertes
  • liebt Riten, Formen, Traditionen, Ehrwürdiges
  • reagiert leicht perfektionistisch und überfordert sich und andere dann auch glaubensmäßig
  • vermittelt Glaubensängste
  • hat Angst vor zu viel Freiheit, Toleranz im Glauben, Kompromissbereitschaft in der Gemeinde
  • glaubt eher fundamentalistisch
  • opfert sich auf für die Gradlinigkeit

Die Darstellungspersönlichkeit

  • ist ein mitreißender Christ
  • hat eine ansteckende Fröhlichkeit
  • kann begeistern, wenn vom Heiligen Geist ergriffen
  • liebt charismatische Verkündiger
  • kann rückhaltlos vertrauen, kindlich vertrauen
  • erwartet immer zuerst das Positive, Gute
  • hat das Herz auf der Zunge, auch im Glauben
  • ist ein dynamischer Christ
  • ist der Motor in den Gemeinden
  • glaubt sehr kindlich und unkompliziert
  • ist aufgeschlossen für alle neuen Bewegungen, für neue Lieder, für neue Formen, für neue Gottesdienste
  • ist als Pastor Gnadenverkündiger und kein Gesetzesverkündiger
  • ist ein guter Tröster
  • ist ein guter Ermutiger
  • ist auch oft Pioniertyp
  • sie ist als Christ sehr weltoffen
  • Aber auch: himmelhoch jauchzend – zu Tode betrübt!

Liebe Gemeinde,

was bedeutet das alles nun konkret für uns miteinander?

Es ist die Herausforderung, das heute schon gelesene Wort Gottes sehr ernst zu nehmen, wenn es heißt: „Nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.

Wir lassen uns geistlich eben nicht über einen Kamm scheren.

Mancher von uns kämpft viel mehr mit seinen Zweifeln als ein anderer.

Mancher hat viel mehr Probleme, seine Zeit der Stille mit Gott einzuhalten als andere. Wie eng jemand mit Jesus lebt, entscheidet sich nicht an der Menge seiner Glaubenszeugnisse im Gottesdienst oder an der Gefühlsbetontheit seiner Christusbeziehung.

Wir sind herausgefordert, einander unsere Liebe zu Jesus zu glauben, ohne das dauernd anhand unserer ganz persönlichen Kriterien überprüfen zu wollen.

Und: die Arbeit des Heiligen Geistes an unserem Geistlichen Leben konzentriert sich nicht darauf, alle Charaktere einzuebnen und gleichzuschalten. Gottes Geist hilft uns beim Verändern unserer Defizite:

Zweifel im Glauben kann ich nicht einfach dulden – aber: ich brauche an ihnen nicht zu verzweifeln. Jesus hilft mir im Überwinden, auch wenn es mir schwerer fällt als dem Christen neben mir.

Die Zeit mit Gott auf Null zu reduzieren – das hilft nicht meinem Glauben. Aber Gottes Geist muß vielleicht bei mir mehr Energie investieren als bei anderen Mitchristen.

Gelassenheit – Verständnis füreinander – anhaltende Liebe – das sind Werte, die bei uns wachsen dürfen. Zur Ehre Gottes – und damit wir einander besser stehen lassen können in unserer Unterschiedlichkeit.

Dazu möge Gott uns allen auch in Zukunft sehr helfen. Denn – Rö 14,13: „Der Gott der Hoffnung aber erfülle euch mit aller Freude und Frieden im Glauben, dass Ihr immer reicher werdet an Hoffnung durch die Kraft des Heiligen Geistes.“

Amen

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