Wonach sehnt sich die Welt?

Worauf die Welt wartet sind Menschen, die Gottes Charakter widerspiegeln durch die Art, wie sie miteinander und auch mit denen umgehen, die andere Ansichten haben als sie.

Sind wir bereit, unser Leben für andere hinzugeben, wie Jesus dies getan hat, einfach weil sie uns wichtig sind? Wenn andere dieses Leben nicht in uns sehen – weshalb sollten sie uns Glauben schenken?

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PredigerFlorian Hradetzky
ThemaWonach sehnt sich die Welt?
Reihe
Datum07.04.2019
Länge00:00
BibelstelleJohannes 15, 1 – 7
Florian Hradetzky, Gemeindeleiter
Florian Hradetzky, Gemeindeleiter

Lesungstext

1 »Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer.

2 Jede Rebe an mir, die nicht Frucht trägt, schneidet er ab; eine Rebe aber, die Frucht trägt, schneidet er zurück; so reinigt er sie, damit sie noch mehr Frucht hervorbringt.

3 Ihr seid schon rein; ihr seid es aufgrund des Wortes, das ich euch verkündet habe.

4 Bleibt in mir, und ich werde in euch bleiben. Eine Rebe kann nicht aus sich selbst heraus Frucht hervorbringen; sie muss am Weinstock bleiben. Genauso wenig könnt ihr Frucht hervorbringen, wenn ihr nicht in mir bleibt.

5 Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wenn jemand in mir bleibt und ich in ihm bleibe, trägt er reiche Frucht; ohne mich könnt ihr nichts tun.

6 Wenn jemand nicht in mir bleibt, geht es ihm wie der ´unfruchtbaren` Rebe: Er wird weggeworfen und verdorrt. Die verdorrten Reben werden zusammengelesen und ins Feuer geworfen, wo sie verbrennen.

7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, könnt ihr bitten, um was ihr wollt: Eure Bitte wird erfüllt werden.

8 Dadurch, dass ihr reiche Frucht tragt und euch als meine Jünger erweist, wird die Herrlichkeit meines Vaters offenbart.

9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!

10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich immer die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.

11 Ich sage euch das, damit meine Freude euch erfüllt und eure Freude vollkommen ist.

12 Liebt einander, wie ich euch geliebt habe; das ist mein Gebot.

13 Niemand liebt seine Freunde mehr als der, der sein Leben für sie hergibt.

14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.

15 Ich nenne euch Freunde und nicht mehr Diener. Denn ein Diener weiß nicht, was sein Herr tut; ich aber habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.

16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt: Ich habe euch dazu bestimmt, zu gehen und Frucht zu tragen – Frucht, die Bestand hat. Wenn ihr dann den Vater in meinem Namen um etwas bittet, wird er es euch geben, was immer es auch sei.

17 Einander zu lieben – das ist das Gebot, das ich euch gebe.«

Predigt

Warum habe ich dieses Gleichnis ausgesucht?

Seine Familie kann man sich nicht aussuchen – Freunde dagegen schon.

Was man allerdings von diesen Freunden geschenkt bekommt – nicht immer.

So ging es mir mit diesem Buch „Zu seiner Zeit“ von Wayne Jacobsen, einem inzwischen 66 jährigen amerikanischen Pastor und Schriftsteller zahlreicher Bücher.

Sein Vater war Winzer in Kalifornien und ebenfalls bekennender Christ – Wayne wuchs also quasi in diesem Gleichnis auf, das Jesus in Joh 15 beschreibt.

Mich begleitet dieses Buch nun schon seit einem Jahr und ich lese es immer noch – zum wiederholten Male, denn die Einsichten aus dem Gleichnis um den Weinstock und seine Reben faszinieren mich sehr. Mir selbst fehlt das Fachwissen aus dem Weinbau, um die Tiefe dieses Bildes auf Anhieb tatsächlich verstehen zu können. Hierbei hilft mir die Erfahrung, die der Autor als Sohn eines Winzers sammeln konnte. Er hat nicht nur den „weltlichen Weinbau“ seit Kindesbeinen an von der Pike auf gelernt, sondern auch dann später als Christ und Theologe diese Erfahrungen mit der Bibel verknüpft – er erklärt uns Laien also, was es wirklich auf sich hat, wenn Jesus sagt: „Ich bin der wahre Weinstock – ihr seid die Reben.“

Ich werde nicht das ganze Buch in 30 Minuten zusammenfassen – keine Sorge.

Ich beschränke mich hauptsächlich auf die Aussagen zweier Kapitel, die in dem Kontext dieses Wochenendes mir als hilfreich erschienen. Es lohnt sich darum umso mehr, das Buch selbst einmal in die Hand zu nehmen.

Wenn ihr…

Ich beginne mit einem weiteren Vers – diesmal aus Galater 6,9:

Lasst uns nicht müde werden, das zu tun, was gut und richtig ist. Denn wenn wir nicht aufgeben, werden wir zu der von Gott bestimmten Zeit die Ernte einbringen.

Galater 6, 9

Es geht heute um Begriffe wie „Weinberg“, „Ernte“, „Frucht bringen“ und andere, denen wir heute in der globalisierten Konsumwelt vielleicht eine andere Bedeutung zumessen als diese zu Jesu Zeiten hatten.

In den Weinbergen dieser Welt haben Reben keine freie Wahl:

Sie müssen das, was der Winzer oder seine Mitarbeiter mit ihnen macht, still über sich ergehen lassen. Das ist ihre Bestimmung!

Wenn der Winzer im Winter im Weinberg die Weinstöcke beschneidet, hat er völlige Freiheit, was er mit den Reben anfängt. Er verfügt darüber, welche Ruten (Rebzweige) bleiben sollen und welche abgeschnitten werden. Er ist der Herr des jeweiligen Rebstocks und entscheidet nach eigenem Gutdünken, welche Rebe er für genügend robust hält, um künftig einen guten Ertrag zu gewährleisten. Die Reben haben kein Einspruchsrecht. Sie könnten sich nicht selber beschneiden, auch wenn sie das wollten, oder gar sich selber wieder aufpfropfen, nachdem sie schon abgeschnitten wurden. Sie sind schlicht und einfach Opfer, ohne Stimme oder Wahl.

Hier unterscheidet sich der Weinberg des himmlischen Vaters in ganz entscheidenden Punkten vom irdischen Weinberg: In Gottes Weinberg haben die Reben ihren eigenen Willen.

Niemand zwingt uns zu wachsen, wir müssen nicht mit dem Weinstock in Verbindung bleiben. Wir sind in dem Prozess, Frucht zu bringen, aktiv beteiligt; das ist kein Automatismus oder nur Gottes Sache.

Wir Christen benutzen oft den Ausdruck „bedingungslose Liebe“, wenn sie Gottes Liebe beschreiben. Diese Formulierung erscheint bei genauer Betrachtung allerdings überzogen, kitschig und eigentlich nicht ganz korrekt – nicht etwa, weil Gottes Liebe Bedingungen unterworfen wäre, sondern weil es so etwas wie eine an Bedingungen gebundene Liebe gar nicht gibt.

Echte Liebe ist Zuneigung für eine andere Person, ganz gleich, wie diese handelt. Liebe besteht ewig.

Allerdings gibt es im Weinberg des himmlischen Vaters so etwas wie bedingungsloses Wachstum nicht. Gott lädt uns ein, uns an diesem großartigen Prozess aktiv zu beteiligen. Jesus hat diese Wahrheit seinen Jüngern offenbart, und zwar mittels des einfachen Wortes „wenn“. In seinem Gleichnis vom Weinberg in Joh 15 benutzt Jesus dieses Wenn fünfmal. Auf jedes Wenn folgt eine einfache Aussage, die die Rolle erklärt, welche die Rebe im Weinberg spielt:

  • Wenn jemand in mir bleibt und ich in ihm bleibe, trägt er reiche Frucht (V. 5).
  • Wenn jemand nicht in mir bleibt, geht es ihm wie der unfruchtbaren Rebe: Er wird weggeworfen und verdorrt (V. 6).
  • Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, könnt ihr bitten um was ihr wollt: Eure Bitte wird erfüllt werden (V7).
  • Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben (V. 10).
  • Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete (V. 14).

Wenn. Ein einfaches Wort, um einfache Tatsachen auszudrücken. Tu das, und das wird geschehen; tu das nicht, und etwas anderes wird geschehen.

Ursache und Wirkung – Sähen und Ernten.

Einfache Tatsachen, einfach ausgedrückt, ganz ohne Schlupflöcher oder mildernde Umstände. So hat Gott das geregelt. Wir können uns entscheiden, mitzumachen oder es sein zu lassen. Das Vollbringen liegt ganz bei Gott, die Entscheidung liegt bei uns. Unser freier Wille bedeutet aber nicht etwa, dass wir als die Reben in Gottes Weinberg tun und lassen könnten was wir wollen. Das ist der Weinberg des Vaters. Er hat ihn gemacht, und er bestimmt, wie er funktioniert. Wir haben die freie Wahl, ob wir dabei sein wollen, aber wir können nicht nach unserem Belieben ändern, wie Gottes Weinberg funktioniert. Wir können nicht die Vorzüge genießen, ohne uns in den Prozess einzugliedern.

Es gibt sicher niemanden hier, die sich nicht danach sehnt, dass seine Beziehung zu Gott an Tiefe gewinnt. Wir haben Verlangen nach seiner Gunst und seinem Segen. Wer würde dazu nein sagen? Aber selbst mit dieser Sehnsucht im Herzen halten viele Menschen daran fest, sich von ihrer eigenen Weisheit oder von ihren eigenen Wünschen bestimmen zu lassen. Sie hoffen, dass die Gnade Gottes irgendwie ihre Selbstsucht und ihr Versagen, sich Gottes Wegen unterzuordnen, ausbügelt.

Als älterer Jugendlicher war ich immer auf das Geld aus, das ich in Ferienjobs verdienen konnte, aber die Arbeit, um das Geld zu erhalten, wollte ich eigentlich nicht tun. Dieselbe Einstellung habe ich auch bei unseren Kindern entdeckt. Sie wollen Nutznießer der Arbeiten sein, die damit verbunden sind, einen Hund zu haben, wie z. B. füttern und Gassi gehen, aber sie tun sich nicht leicht, sich daran zu beteiligen.

Da fallen jedem von uns sicher schnell weitere Beispiele ein…

Bei einer Rebe in Gottes Weinberg funktioniert das einfach nicht. Die fünf Wenn-Bedingungen zwingen uns zu der Entscheidung, ob wir Jesu Einladung – seine Freunde zu sein – annehmen oder nicht.

Wenn wir mit Ihm zusammenarbeiten, stehen uns eine Menge an umwerfenden Gelegenheiten offen. Wenn nicht, haben wir gewissen Konsequenzen zu tragen. Die Rebe verdorrt und wird weggeworfen. Weshalb? Weil die Lehre Jesu über den Weinberg eine gewaltige Tatsache zugrunde liegt: „Ohne mich könnt ihr nichts tun!” (Joh 15,5c)

Wenn wir uns von der Beziehung zu Jesus abschneiden, sind wir unfähig, irgendetwas im Reich Gottes zu tun. Das heißt nicht, dass wir uns nicht in seinem Namen in irgendwelche religiösen Aktivitäten stürzen könnten – aber keine dieser Aktivitäten wird die wahre Frucht seines Reiches tragen. Wir können davon abgelenkt werden, Jesus in unser Leben einzubeziehen, und es noch nicht einmal richtig merken. Sein Segen scheint uns auch dann noch zu begleiten, wenn wir aus eigener Kraft weitermachen. Wir sind uns nicht bewusst, dass der Tod schon um unser Haus schleicht.

Eines Tages wachen wir auf und fühlen uns von den Anforderungen an unser Leben ausgepumpt oder gestresst. Wir wundern uns, weshalb wir Gott nicht mehr so nahe bei uns spüren wie früher und erkennen nicht an, dass wir selbst uns von der Quelle des Lebens entfernt haben. Die größte Gefahr, von der wir bedroht sind, ist, dass wir unsere Freundschaft mit Jesus vernachlässigen. Und wenn wir unser Leben nicht mehr aus ihm beziehen, werden wir versuchen, es von unserer Umgebung zu bekommen.

Reben sind bauernschlaue Pflanzen. Sie suchen überall nach Nahrung, wo sie diese nur finden können. Sie sind bekannt dafür, dass sie überall Wurzeln schlagen, wo es ihnen gelingt. Ein Rebzweig muss nur auf den Boden fallen, und schon treiben dieselben Knospen, die Trauben und Blätter hervorbringen sollen, Wurzeln. Das geschieht so unkompliziert, dass es eine der wichtigsten Vermehrungsmethoden im irdischen Weinbau ist – aber nicht so im Reich Gottes!

Sobald eine Rebe eigene Wurzeln treibt, braucht sie den Weinstock nicht mehr. Aber Reben sollten eigentlich keine Wurzeln haben, sondern nur Rebzweige (Ruten), Blätter und Früchte. Was für ein Bild für unser eigenes Leben! Selbst wenn wir uns bemühen, Jesus nachzufolgen, verlockt uns der Feind dazu, unsere Wurzeln in die einfachsten Dinge zu treiben. Diese Welt verspricht zwar sofortige Befriedigung, doch bietet sie keine echte Nahrung und keine wirkliche Zufriedenheit.

Darum konzentrieren sich die Wenn-Voraussetzungen auf unsere Beziehung zu Jesus: Wenn wir in ihm bleiben, werden wir viel Frucht bringen. Wenn wir in ihm bleiben, dann können wir ihn bitten, was wir wollen, und es wird uns gegeben. Wenn wir seinen Worten gehorchen, werden wir in seiner Liebe bleiben. Wir sind seine Freunde, wenn wir tun, was er gebietet. Wenn wir das nicht tun, werden wir verdorren und sterben.

Einige erinnern sich sicher an unsere Gemeinsam auf Kurs-Aktion 2016 – wir haben mit allen Hauskreisen gemeinsam Amos gelesen und an den Sonntagen die Predigt über den jeweiligen Abschnitt gehört. Es gab sogar ein Begleitbuch „Wenn der Löwe brüllt“ – in der die Geschichte von Amos als Roman sehr anschaulich aufbereitet wurde.

Das hat in unserer Gemeinde doch Spuren hinterlassen – und es stand ein Wort im Raum, das Laure damals von Gott geschenkt wurde: „Ich sehe deinen Aktionismus, das was du tust, aber es ist nicht das, was ich jetzt von dir erwarte.“

Laure hatte den Eindruck, es ginge mehr darum, die Beziehung des Einzelnen zu Jesus zu vertiefen als das Gemeindeleben mit „Aktionen“ und „Programmen“ zu bestreiten.

Wir haben damals als Gemeinde an einem Abend getroffen, haben gebetet und die Eindrücke daraus gesammelt. Das Feedback daraus deckt sich mit der Aussage von Joh 15:

Jesus fordert uns auf in der Beziehung zu bleiben, die er angefangen hat, indem wir ihn immer besser kennenlernen und auch lernen, ihm zu folgen. Alles Gute, das der Weinberg bietet, empfangen wir über diese wachsende Freundschaft.

Er liebt uns nicht weniger, wenn wir dieses Angebot seiner Freundschaft ausschlagen, aber dann werden wir von dieser Liebe auch nichts haben.

In der Geschichte vom verlorenen Sohn liebte der Vater diesen Sohn nicht weniger, als er noch in Sünde lebte oder Sklave des Schweinehalters war. Doch kam ihm die Liebe seines Vaters nicht zugute, als er die Beziehung nicht aufrecht erhielt.

Wenn wir enttäuscht von Gott weggehen, weil seine Verheißungen nicht unseren Erwartungen entsprachen, dann müssen wir ehrlich darüber nachdenken, ob wir wirklich so auf ihn eingegangen sind, dass sein Leben in uns Wurzeln schlagen konnte. Oft werden wir zugeben müssen, dass dem nicht so war. Alles was wir dann tun müssen, ist, wie der Verlorene Sohn zum Vater zurückzukehren. Dort werden wir offene Arme finden, die darauf warten, uns zu empfangen und die von ihm so ersehnte Beziehung wieder aufzunehmen.

Im Glauben geht es nicht primär darum, sich zu bekehren, dies öffentlich zu bekunden und damit sei alles getan.

Nein, es geht dann erst richtig los:

Jesus lädt uns in Wirklichkeit zu einer persönlichen Freundschaft ein, die als „lebenslang“ konzipiert ist. Alles was wir an Erfüllung und Fruchtbarkeit erleben, ist Folge dieser schlichten Realität.

Was heißt fruchtbar sein?

Was bedeutet nun Fruchtbarkeit für den himmlischen Vater?

Seit ich Christ bin, sind mir alle möglichen Definitionen dafür begegnet – vom Gewinnen neuer Bekehrter über die Größe der Gemeinde bis hin zu Buchverkäufen auf Veranstaltungen. Da sich nur wenige Leute für fruchtbar halten, meinen die meisten, genau das fehle ihnen.

Sind solche Christen gut darin, einen Bibelkreis zu leiten, dann meinen sie, echte Fruchtbarkeit bestehe darin, Menschen zu Gott zu führen und sie als Neubekehrte in das Reich Gottes zu bringen. Sind sie evangelistisch erfolgreich, dann denken sie, die echte Frucht liege darin, konkret Menschen zu helfen, die in Not sind. Helfen sie Menschen in Not, dann tun sie das ihrer Meinung nach nur, weil sie nicht die „wirkliche” Arbeit im Reich Gottes tun, die darin liege, eine große Anzahl von Menschen zu lehren.

So dreht sich der Kreis weiter und weiter, und nur wenige von uns hören Gott mit Begeisterung zu uns sagen: „Gut gemacht!” Scheinbar sind wir einfach nicht ganz sicher, was Gott wirklich von uns erwartet.

Ein Teil unserer Verwirrung, was Fruchtbarkeit eigentlich heißt, kommt aus unserer Neigung, alles in Zahlen zu fassen, auch das, was wir als Maß des Erfolgs ansehen – zum Beispiel die Anzahl der Bekehrten, die Anzahl der Personen, die an einem Treffen teilnehmen, oder die Höhe der Spenden, Opfergaben etc.

Fügen wir dem unsere unvollständige und verdrehte Ansicht über das hinzu, was die Bibel über Fruchtbarkeit sagt, dann ist es kein Wunder, dass unsere Sicht verschwommen ist.

Im Alten Testament wird der Begriff Fruchtbarkeit fast ausschließlich dafür gebraucht, Nachwuchs zu bekommen. („Seid fruchtbar und mehret euch“; 1 Mo 1,22.28).

Nur wenige Bibelstellen geben einen Eindruck von Gottes tiefer Sicht, was es für uns heißt, in seinem Reich fruchtbar zu sein.

Psalm 72,3 (ELB) verbindet Frucht mit Gerechtigkeit, und Jesaja 32,17 erweitert diese Aussage: „Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit Ruhe und Sicherheit für ewig” (ELB). Aber der vielleicht klarste Hinweis steht in Hosea 10,12 (NLB): „Pflanzt Gerechtigkeit, dann sollt ihr dementsprechend auch gute Früchte ernten. Erschließt euch neuen Ackerboden, denn jetzt ist die Zeit da, den Herrn zu suchen, damit er kommt und euch mit Gerechtigkeit überschütten wird.“

Frucht wird hier als ein Ausdruck von Gerechtigkeit gesehen, die aus der unfehlbaren Liebe des Vaters kommt. Die Definition der Bibel von Fruchtbarkeit geht im Lauf der Zeit über die zahlenmäßige Zunahme hinaus; es geht immer mehr um die Tiefe unseres Charakters.

Im Neuen Testament setzt sich dieser Bedeutungswandel fort. Fruchtbarkeit wird ausschließlich als ein Zeichen der verändernden Kraft Gottes im Charakter seines Volkes gesehen.

Johannes der Täufer ermutigt uns: „… bringt Frucht, die zeigt, dass es euch mit der Umkehr ernst ist!” (Mt 3,8). Im Philipperbrief ermahnt Paulus die Christen: „… seid erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus gewirkt wird, zur Herrlichkeit und zum Lobpreis Gottes!“ (Phil 1,11 ELB). Im Epheserbrief (5,9-11) stellt Paulus den Unterschied zwischen der Frucht des Lichts (lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit) und den unfruchtbaren Werken der Finsternis heraus.

Im Galaterbrief (5.22-23) schließlich beschreibt Paulus mit großer Einfachheit und Klarheit die Frucht, die Gott in seinem Volk sehen möchte: Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung. Das ist die Frucht, die Gott auch uns schenken will. Sie hat nichts mit unserer Aktivität zu tun oder mit etwas, das wir zählen könnten. Fruchtbarkeit ist ein verwandeltes Leben, das Gottes Charakter einfach dadurch anschaulich macht, wie wir in der Welt leben. Füllt diese Frucht unser Leben aus, werden wir feststellen, dass wir so mit Menschen umgehen, dass sich das Reich Gottes in der Welt ausbreiten kann.

Die ersten drei dieser Früchte – Liebe, Freude und Frieden – werden oft als Segen bezeichnet, mit denen Gott seine Kinder beglückt. Er schenkt uns die Fähigkeit zu lieben, erfüllt unser Leben mit seiner Freude, und verleiht uns einen Frieden, der unser ganzes Verstehen übersteigt. Wenn wir in Gottes Liebe leben, werden wir diese Liebe gerne weitergeben und andere Menschen nicht länger für unsere eigenen Bedürfnisse benutzen.

Wir werden eine Freude ausstrahlen, die tiefer gründet als das Auf und Ab unserer Umstände.

Du wirst von anderen nicht mehr verlangen, dich glücklich zu machen, vielmehr ist dir dann daran gelegen, das Leben anderer Menschen positiv zu beeinflussen, und wenn Du sogar mitten in schwierigen Umständen Frieden gefunden hast, wirst Du anderen ein Fels sein, der ihnen Hoffnung vermittelt.

Die zweite Gruppe – Geduld, Freundlichkeit und Güte – beschreibt, wie wir mit anderen Menschen umgehen sollen: Wenn Du allen mit Geduld zu begegnest, statt frustriert oder fordernd zu sein, wenn Du freundlich statt egoistisch bist und schließlich gütig, mit einem Blick auf das, was recht und gerecht ist, werden andere Menschen dich schätzen, selbst diejenigen, die eine andere Lebenseinstellung haben als Du selbst. Wenn dein Leben diese Früchte hervorbringt, brauchst du nicht mehr geduldig oder gütig zu handeln – du werden geduldig, freundlich und gütig sein.

Die letzten drei Früchte – Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung – kennzeichnen das Benehmen und die Haltung eines Menschen, der durch Gottes Charakter verändert wird. Auch dies führt dazu, dass Du zu einer Person wirst, die anziehend auf andere Menschen wirkt. Du wirst in guten wie in schlechten Zeiten Treue bewahren, nicht nur, wenn es dir von Nutzen ist. Du wirst anderen rücksichtsvoll begegnen, vor allem denjenigen gegenüber, die anderer Meinung sind als Du, anstatt sie in deine Vorstellung zu pressen. Und wenn Du dich selbst im Griff hast, wirst Du nicht nach Lust und Laune handeln oder dich nicht davon beeinflussen lassen, wenn andere dich manipulieren wollen.

Diese Gedanken sind nicht schwer zu verstehen, aber im Alltag schwierig umzusetzen.

Wie würde jemand aussehen, der die Kriterien Liebe, Freude, Frieden, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Rücksichtnahme und Selbstbeherrschung in jeder Situation an den Tag legt? Ich denke, er würde genauso aussehen wie … nun   ->   wie Jesus.

Frucht entsteht aus unserem Charakter heraus.

Fruchtbarkeit hat nichts damit zu tun, wie viele Bibelarbeiten ich gehalten habe, wie viel Geld ich gespendet habe oder wie viele Menschen ich zu Jesus Christus geführt habe, noch hat es etwas mit irgendeiner anderen religiösen Aktivität zu tun. Fruchtbarkeit bedeutet die Umgestaltung unseres Lebens, sodass wir unserer Umgebung Gottes Wesen widerspiegeln. In Johannes 15 ist der Aufruf zur Fruchtbarkeit und das Gebot Jesu, dass wir einander lieben, wie er uns geliebt hat, ein und dasselbe.

Nur wenn wir wissen, wie sehr wir von ihm geliebt sind, können wir überhaupt anfangen, uns um andere zu kümmern. In diesem Prozess des Wachsens und des Reifens wird seine Liebe in unserem täglichen Leben zunehmend Wirklichkeit. Die Früchte des Geistes sind nicht das, was wir kurzfristig aus uns heraus schaffen, sondern was Gott ein Leben lang in uns hervorbringt.

Wenn Gott in uns Gestalt annimmt, werden wir das daran sehen, dass wir in spontanen Situationen anders mit Menschen umgehen können als vorher. Wir müssen dann nicht mehr überlegen, wie wir handeln sollten.

Ist es allerdings nicht unser Ziel aus einer wachsenden Beziehung zu Jesus heraus in sein Bild umgewandelt zu werden und seine Herrlichkeit immer mehr zum Ausdruck zu bringen, dann ist alles sinnlos! Wer kennt nicht Persönlichkeiten, die große Dinge für Gott tun oder sogar mit großer Weisheit sprechen können; denen es aber im Umgang mit anderen Menschen an Liebe, Geduld oder Sanftmut fehlt? Ihre Arroganz und ihr Ärger machen alles zunichte, was sie vorher erreicht haben.

Was Paulus in 1. Korinther 13 sagt, ist richtig:

„Ohne Liebe sind wir nur ein dröhnender Gong und heben all das Gute auf, das wir Menschen weitergeben möchten.“

Wonach sehnt sich die Welt?

Jesus sagte, unsere Liebe sei alles, was die Welt sehen müsse, um zu wissen, wie Gott ist.

Jesus verwandte nicht viel Zeit darauf, seinen Jüngern beizubringen, wie man Evangelisationen oder Hausbesuche plant, Hauskreise leitet, für Gottesdienste die richtigen Lieder raussucht, usw.

Er hatte seinen Jüngern schon vorher an jenem Abend im Weinberg gesagt, dass es die Frucht ist, worauf es dem Vater und der Welt ankommt:

An eurer Liebe zueinander werden alle erkennen, dass ihr meine Jünger seid

Johannes 13, 35

Trotz all unserer vielen Gemeinden und unserer technischen Möglichkeiten, Ideen, Gedanken und Worte weltweit zu verbreiten, mangelt es uns schmerzlich an der Fähigkeit, der Welt eine sich aufopfernde Gemeinschaft zu zeigen, in der es Liebe, Vergebung und Respekt gibt statt übler Nachrede, Manipulation und Sich-Beschweren.

Die Frucht wird weder bemessen an den großen Taten, an denen wir teilhatten, noch an der Zahl der Menschen, die durch unser Leben berührt wurden, noch an der Anerkennung, die wir durch andere erhielten. Am Ende ist all das bedeutungslos. Die Frucht bemisst sich an der Veränderung des Charakters, die nur aus einer echten Beziehung zu Jesus entstehen kann.

Worauf die Welt wartet sind Menschen, die Gottes Charakter widerspiegeln durch die Art, wie sie miteinander und auch mit denen umgehen, die andere Ansichten haben als sie.

Sind wir bereit, unser Leben für andere hinzugeben, wie Jesus dies getan hat, einfach weil sie uns wichtig sind? Wenn andere dieses Leben nicht in uns sehen – weshalb sollten sie uns Glauben schenken?

Belassen wir es also nicht bei harmlosen religiösen Aktivitäten innerhalb unserer Gemeinde. Knüpfen wir doch gezielt Beziehungen zu Ungläubigen, damit durch uns Gottes Charakter sichtbar wird.

Warum engagieren wir uns nicht persönlich in unserem direkten Umfeld, mit Nichtchristen auf der Arbeit, in der Nachbarschaft oder durch andere Aktivitäten, in die Gott uns hineinführt?

Es muss keine offenkundige christliche Sache sein, in der Gott sich durch Dich bekannt machen möchte. Durch diese Beziehungen wird sich Gott in deiner Umgebung offenbaren. Lass doch Gott entscheiden, wie das geschieht. Ein Weinstock erntet sich nicht selbst. Nur der Winzer holt die Ernte ein – zu seiner Zeit, wenn die Ernte reif ist.

Wachsen kann eine Rebe nicht aus sich heraus – es war schon immer Gott, der für jegliches Wachstum auf der Erde gesorgt hat. Sei es bei den Weinstöcken der Israeliten damals zur Zeit Jesu wie auch heute in uns – Gott schenkt Wachstum und damit auch die Frucht – wenn wir in ihm bleiben.

Darum schließe ich mit dem Vers aus Joh 15,5:

Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wenn jemand in mir bleibt und ich in ihm bleibe, trägt er reiche Frucht; ohne mich könnt ihr nichts tun.

Johannes 15, 5

Amen.

Die Gedanken zu dieser Predigt stammen aus dem Buch “Zu Seiner Zeit” von Wayne Jacobsen,  weitreichende Textpassagen sind direkt übernommen.

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